Berlin - Franz Schubert und Paul Hindemith nennt man kaum in einem Atemzug, aber das letzte und wunderbarerweise vor Publikum veranstaltete Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters am Freitag in der Philharmonie stiftete doch einen suggestiven Zusammenhang zwischen den beiden. Angesichts mancher Musik von Schubert hat Rudolf Steiner von „sublimierter Rauflust“ gesprochen. Ohne den Stifter der Anthroposophie ernster zu nehmen als nötig, ist diese Aussage angesichts der Kraftmeiereien im Finale der Dritten Symphonie, angesichts des permanenten Triolengewimmels, der mutwilligen Tonartwechsel, der buchstäblich schlagfertigen Melodien, des auch im piano bereits mit Pauken aufwartenden Orchestersatzes keineswegs absurd.

Dieses Triolengewimmel in den Streichern teilt Schuberts Finale mit dem von Hindemiths Kammermusik Nr. 1 von 1921, das ebenfalls mit derben Schlagzeug-Einsätzen und mitpfeifbaren Melodien aufwartet – und schon in der erstaunlichen Ausdehnung dieser notenreichen Schlusssätze steckt ein Moment von Kraftprobe. Gerade bei Hindemith fällt das angesichts der Nähe zu Strawinskys „Petruschka“ auf: Dessen Beginn verlegt Hindemiths vom Jahrmarkt in eine chaotische Großstadt. Aber Hindemith fehlt Strawinskys Präzision und Trockenheit: Wo Strawinsky keine Note zu viel schreibt, wird es bei Hindemith schnell pastos, herrscht eine als Meisterschaft getarnte Üppigkeit, die im zweiten Satz auch nicht vor banalen Durchführungs-Sequenzen haltmacht – und dann eben schon in jenes „Musikantentum“ durchbricht, das alsbald so vital wie blind dem Hitler hinterherrennen wird. Rauflust also auch bei Hindemith.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.