Berlin - Ich weiß noch genau, wann ich das letzte Mal auf einer Bühne stand. Es war März 2009, in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Die dortige „Musical Company“ führte das bekannte Tanzstück „Footloose“ aus den Achtzigern auf und ich war dabei  – in der Rolle der Countrysängerin Irene. Ich hatte knapp drei Minuten Bühnenzeit, um die schunkelnde Ballade „Let's Make Believe We're in Love“ zu singen. Und obwohl mein kleines Solo in dem rund dreistündigen Stück nur eine Randerscheinung war, waren meine Hände nass, meine Füße kalt, mein Herz rasend.

Als ich an einem verschneiten Tag im Januar für unsere Serie „Schlafende Orte“ in der Columbiahalle auf der Bühne stehe, fühle ich mich plötzlich wie damals. Ich muss zwar nicht singen, doch komme ich mir im Scheinwerferlicht ziemlich unbeholfen vor. „Was jetzt?“, frage ich den Fotografen, der mich begleitet. Er steht auf der gegenüberliegenden Empore und winkt mich nach vorn. In meinen klobigen Stiefeln und dem weiten Daunenmantel tappe ich an den Bühnenrand. „Wessen Idee war es denn, euch selbst für die Artikelreihe fotografieren zu lassen?“, ruft er, ehe er auf den Auslöser drückt. Ich rufe den Namen des geschätzten Kollegen.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
In der Columbiahalle ist auf der Bühne niemand außer unserer Musikredakteurin zu sehen.

Seit mehreren Wochen besuchen wir, das Kulturressort der Berliner Zeitung, Berliner Orte, die aufgrund des Corona-Lockdowns in ein künstliches Koma gefallen sind. Die Columbiahalle befindet sich wie viele Berliner Konzerthallen seit fast einem Jahr in solch einem Koma. Die letzte Veranstaltung fand im März 2020 statt, erzählen Geschäftsführerin Nicole Tenbrock und Gesellschafter Norbert Döpp-Veidt, die eigens für uns die Halle geöffnet haben. Seit dem ersten Lockdown seien nur sie und wenige Mitarbeiter hier, um Veranstaltungen zu verschieben, Anträge zu stellen, Rechnungen zu begleichen und den Ort zu warten. Das Publikum ist zwar fort, doch die Columbiahalle lebt weiter.

Die Columbiahalle wurde 1951 errichtet

Abseits der Bühne ist es kalt und leer. Ich frage mich, ob eine leere Halle furchteinflößender als eine volle ist, schlimmer als ein Musicalauftritt. „Wer spielte hier zuletzt?“, frage ich nun laut, „Stormzy?“. „Unter anderem“, sagt Tenbrock. Vor rund 3000 Besuchern performte der britische Rapper. Wie ein Kind auf dem Spielplatz gehe ich durch den Raum und stelle mir die Situation erneut vor. Der laute Bass, der von den Wänden hallt, die tobende Menge, die feuchte Luft und der Schweiß, der dazwischen hängt. Ich zeige Tenbrock, Döpp-Veidt und dem Fotografen, wo ich für die damalige Konzertkritik überall stand und wie ich auf Zehenspitzen gehen musste, um mit meinen 1,58 Metern überhaupt etwas zu sehen. Tenbrock, die gefühlt zwei Köpfe größer ist als ich, muss lachen. Und ich erinnere mich daran, wie viel Spaß ich bei Konzerten habe. Es ist nicht nur die Musik, die einen aufheitern, beflügeln oder im schlimmsten Fall quälen kann, sondern vor allem die Menschen, mit denen man diese Momente teilt. Lieder können andere Bedeutungen bekommen, Bands in einem neuen Licht erstrahlen. Manche Künstler sind nur live gut, bei andern erkennt man erst bei einem Auftritt, wie uninspiriert sie in Wirklichkeit sind. Mit einem Konzert steht und fällt viel. Für den Zuschauer, den Star und für den Veranstalter.

Tenbrock und ein Mitarbeiter haben mittlerweile die Barjalousien geöffnet und die Tresenlichter angeschaltet. Die sonst so graue Halle schimmert jetzt von links und rechts weiß und gelb. Obwohl der Zapfhahn nicht angeschlossen ist, kann ich das Bier förmlich riechen. 1951 wurde die Columbiahalle als Sporthalle für die stationierten US-Soldaten errichtet. Nach deren Abzug im Jahr 1994 wurde der Gebäudekomplex erst geschlossen und nach Umbau 1998 wieder eröffnet. 2014 folgte dann eine erste Sanierung. Ich schaue mir die bunte Blumentapete hinter der Bar genauer an und beuge mich dafür über den Tresen. Tenbrock erzählt, dass eine Mitarbeiterin sie ausgesucht habe. 

Foto: Imago Images
Die Columbiahalle in Corona-Zeiten.

Doch die Kreativität des Columbiahallen-Teams zeigt sich nicht nur an der Inneneinrichtung. Vor dem Eingang hängt eine große weiße Reklametafel, wie ich sie sonst von Kinos kenne. In einem normalen Jahr steht darauf, welcher Künstler an einem Abend spielt  – oder welche Abiturklasse ihren Abschlussball feiert. Seit mehreren Monaten lassen sich die Columbia-Leute Botschaften einfallen, mit denen sie auf die prekäre Lage der Livebranche hinweisen. Eine lautete etwa: „Hier eröffnet demnächst ein Getränkemarkt!“ – bis in die Tagesschau haben sie es damit  geschafft. Und sie haben viel Zuspruch bekommen. „Manche wollten spenden, damit das nicht passiert, andere fragten, wie sie weiterhelfen können“, erzählt Norbert Döpp-Veidt. „Uns ging es aber darum, ein Signal an die Politik zu senden, dass wir wie auch andere Veranstalter – insbesondere die Veranstaltungsbranche mit ihrer Wertschöpfungskette und die vielen Soloselbstständigen – Unterstützung brauchen“, ergänzt Tenbrock.

„Erst impfen - dann feiern!“

In den ersten Monaten hätte das Columbiahallen-Team von den Kapitalrücklagen aus dem Vorjahr geschöpft, erst Ende Oktober kamen staatliche Gelder. „Das erste Hilfspaket Soforthilfe II war ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Tenbrock. Aus einigen Programmen seien sie aufgrund des Hallenvolumens oder eines falschen Branchencodes auch rausgefallen. Es hätte alles gedauert, und es dauert weiterhin. Tenbrock und Norbert Döpp-Veidt sprechen damit einen möglichen Termin an, ein Startsignal, wann es wieder losgehen könne. Sie wissen: Alles braucht seine Zeit, doch die Ungewissheit ist zermürbend. Vor der Columbiahalle steht mittlerweile: „Erst impfen – dann feiern!“

Drinnen zeigt uns das Team den Backstagebereich, und ich muss noch einmal an meine Musicalzeit denken – an den VIP-Bereich, der eine Sportumkleide war, in der die Kollegen in Unterhemden herumliefen, und an den Geruch von billigem Deodorant. Aufgehängte Bilder erinnern an große Auftritte: Korn, 50 Cent, Snoop Dogg. „Hier spielen alle“, sagt Tenbrock stolz.

Die Räumen sehen so aus, wie man sie aus Filmen kennt: eine schwarze Ledercouch, ein Spiegel umrandet mit Glühbirnen, ein weißer Fransenteppich. Was Snoop Doog hier wohl machte? Tenbrock erwähnt, dass zuletzt Sido sein Nikolaus-Konzert hier gestreamt habe und Herbert Grönemeyers Auftritt für ZDF-Aspekte aufgenommen wurde. Auch ein Ärztekongress habe stattgefunden. Es waren nur wenige Termine. Immerhin etwas, sagt Tenbrock. Ihr fehle die Arbeit, die Stimmung und immer wieder der Moment, an dem die Tour-Trucks auf den Hof fahren.