Die Tracklist ergibt ein Gedicht. Elf kurze Zeilen, die ein paar Jahrhunderte afro-diasporischer Geschichte überfliegen, von den verschleppten Königen und Königinnen zum globalen Aufruhr der Gegenwart: „Field Negus“ und „Pick Up Your Burning Cross“ lauten die ersten beiden, „Throughout The Madness, Stay Strong“ und „Black“ die letzten Titel.

Das Album „Black to the Future“ ist ein wütendes, ein drängelndes, ein wehmütiges, ein hoffnungsvolles. Und zweifellos eines der aufregendsten, die wir in diesem Jahr gehört haben werden. Jazz hin oder her – die Gruppe Sons of Kemet schwimmt derart kraftvoll durch diverse Strömungen, dass sie auch die Bleiweste aus Genre-Ideen nicht aufhält.

Sons of Kemet sind dabei nur eins von drei Ensembles, mit denen Shabaka Hutchings von London aus im letzten guten halben Jahrzehnt den Jazz neu aufgerollt hat. Aber in diesem Quartett – die doppelt besetzten Drums von Tom Skinner und Eddie Hick, Theon Cross‘ Tuba als Bass und Hutchings‘ Saxofon als Stimme – laufen die experimentellen Linien zusammen. Von seiner südafrikanischen Gruppe Ancestors die rhythmische Vielfalt, vom Trio The Comet Is Coming das Spiel mit zeitgenössischer Clubausstattung.

Vor drei Jahren gelang den Sons of Kemet der Durchbruch

Vor drei Jahren gelang den Sons of Kemet mit ihrem dritten Album „Your Queen Is A Reptile“ der Durchbruch. Dort stellten die Musiker der Chefin des britischen Empires eigene Königinnen, schwarze Heldinnen quer durch die Welt gegenüber.

Diesmal schaut Hutchings ins Innere der schwarzen Kultur, als „Anrufung von Stärke, Erinnerung und Heilung“, wie er in einem begleitenden Essay schreibt. Ins Zentrum hat er einen kleinen, hüpfend melodischen Track gestellt, „Never Forget the Source“, wobei er mit „Quelle“ eine afrikanische Metaphysik meint, in der sich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit dem Streben nach einer besseren Zukunft verbindet.

Udoma Janssen
Die Gruppe Sons of Kemet veröffentlicht ihr neues Album „Black to the Future“.

Die Musik dazu schaukelt und wogt wie ein gekaperter Schoner auf dem Black Atlantic. Grundiert von farbenreichen Beats, mit der Tuba als lebhaft pulsendem Herz bewegt sich die Musik als dichter Rhythmus, bei dem auch die Melodieinstrumente mitgehen, um sich nur gelegentlich emphatisch zu lösen. Neben den satten Bläsersätzen (Steve Williamsons Saxofon, die Trompete von Jungstar Ife Ogunjobs) mischen einige menschliche Stimmen mit – darunter jene der US-amerikanischen Jazz-Poetin Moor Mother, von Sängerin Lianne LaHavas und dem Grime-nahen Rapper Kojey Radical. Letzterer unterstreicht im aggressiven „Hustle“ Hutchings Idee, dass „Grime nur eine andere Manifestation meines Ansatzes ist, die Musik der Karibik in unseren britischen Kontext zu übertragen“.

In diesem Sinne erkennt man auch die anderen Tracks des Albums gewissermaßen als Kartographien, von Ethiojazz-Pentatonik zu analog tribalistischem HipHop, von komplexen Afrobeats zu melancholisch dickblütigem Nyabhingi, Soca und Dub. Zum Schluss hört man Joshua Idehen mit einem entschlossen scharfen Text: „Leave us alone“ sind seine letzten Worte über einen verhallten und verrauschten freien Jazz. In all der Vielfalt, der Verweise und Perspektiven bleibt der Ton des Albums wunderbar geschlossen. Das Gewicht der Botschaft überträgt sich als intensiver Sog in die Musik, die uns Hörer tief in spirituelle und verheißungsvolle Räume zieht.

Sons of Kemet: „Black to the Future“ (Impulse/ Universal) erscheint am 14. Mai.