London/Athen - Die Musikerin und Produzentin, die sich Sophie nannte, in Großbuchstaben, kletterte am frühen Samstagmorgen in ihrer Wahlheimat Athen in die Höhe, um den Vollmond zu sehen – und stürzte dabei zu Tode. Das ist auf tragische Weise passend, denn das Somnambule, Konfuse, die Sexualität, das Sehnen, welches die Menschheit mit dem Mond assoziiert, findet sich in ihrer Musik ebenso wie die lunare Eigenschaft des rhythmisch Ordnenden: 1986 in Glasgow geboren und schon in frühen Kinderjahren von den Eltern an die Segnungen wiederholungsreicher Rave-Musik herangeführt, etablierte sich Sophie in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts in der Londoner Elektronikmusikszene als vielleicht die zukunftsweisende Produzentin schlechthin. 

Spätestens als sie das ploppende und gesangzerknautschende Glissando-Stück „BIPP“ auf Soundcloud hochlud, wurden die fortschrittlich Gesinnten in der Popwelt auf Sophie aufmerksam. So rückte sie als Produzentin Künstlerinnen aus dem Umfeld des Labels PC Music noch weiter in die vom Labelgründer A.G. Cook verfolgte Ästhetik des Hyperartifiziellen, allen voran die Sängerin und Songschreiberin Charli XCX. Aber auch im Mainstream wirkte Sophie mit, an Madonnas „Bitch, I’m Madonna“ etwa oder bei Produktionen für den Rapper Vince Staples.

Am bemerkenswertesten aber blieben ihre eigenen Werke: 2015 fasste Sophie ihre frühen Singles auf dem Album „Product“ zusammen; die Sammlung hüpft dem Befreiungsbeat der Elterngeneration davon – in eine digitale Zukunft voller Möglichkeiten, voll neuer Identitäten.

Dabei zeigte Sophie kaum ein öffentliches Gesicht. Das änderte sich mit ihrem ersten als Album konzipierten Werk „Oil Of Every Pearl’s Un-Insides“, das 2019 erschien. Sophie, die sich keinerlei Genderbezeichnung zuordnen wollte, zeigte sich nun im von ihr gewählten Erscheinungsbild einer Trans-Frau und wurde zur Ikone der Trans-Community, nicht zuletzt mit dem Stück „It’s Okay to Cry“, in dem sie ihre Stimme erstmals weitgehend ohne Verfremdung aufnahm. Wie Sophie hier im Schmacht-Pop-Gewand Zerbrechlichkeit und Resilienz, emotionale Echtheit mit koketter Digitalverfremdung vermengt, ist enorm. Sie verstand den zeitgenössischen Pop als sich selbst enthusiastisch verzerrende Projektionsfläche unserer aller Ängste, Sehnsüchte und Eitelkeiten. Dass Sophie auf dem Album im Stück „Faceshopping“ nebenbei noch eine Meditation (als Hommage an Avant-Elektro-Nerds wie Autechre oder Aphex Twin) über Lust und Druck persönlicher Image-Wahl in Echtwelt und Internet präsentiert – geschenkt. Nie klangen jene Vorbilder annähernd so sexy.

Sophie hat Verwirrung, Hoffnung und Angst einzigartig vertont, unsere Seelen zu digitalen Avataren sonderlichster Schönheit gemacht. Was hätte da noch alles kommen können. Sie wurde 34 Jahre alt.