Das Problem mit Annie Clark war immer der irre Ehrgeiz. An sich begrüßenswert, aber oft auch streberhaft und zähneknirschend. Auf den fünf Alben, die Clark unter dem Künstlernamen St. Vincent bis 2017 veröffentlichte, verschraubte sie ihre Einfälle zwar mit mutiger Brillanz, aber gern mit der einen Drehung zu viel, dem einen Break, der einen Abschweifung. Sie selbst verglich ihre Arbeit einmal mit dem „Zusammenbauen eines Frankensteinmonsters“ – also eine geniale Schöpfung, der es ein wenig an sozialer Kompetenz gebrach. „Ich würge dich solange, bis du das gut findest“, erklärte sie die Strategie gerade in einem Interview.

Ihr sechstes Album ruft nun schon im Namen die menschliche Nähe an. „Daddy’s Home“ heißt es, und das sollen wir auch wörtlich nehmen: Den Anstoß, sagt die 38-Jährige, gab die Entlassung ihres Vaters aus dem Gefängnis, wo er fast zehn Jahre wegen der Beteiligung an einem 43-Millionen-Dollar teuren Aktienbetrug einsaß. „Ich habe im Besucherzimmer Autogramme geschrieben“, singt sie im Titelstück, „während ich ein letztes Mal auf dich als Gefangener 502 gewartet habe.“

Selbstverständlich handelt es sich dennoch nicht um ein Bekenntniswerk, auch wenn sie ein paar entsprechende Hinweise streut. Zur Albumeröffnung klimpert mit „Pay Your Way In Pain“ zum Beispiel ein ranziges Klavier wie vom frühen Neil Young, das jedoch umgehend erledigt wird, von einem fies verbrutzelten Funk-Bass, Prince-artig hellen Synthschlieren und dichten Produktionsornamenten, die dem Album die Richtung geben: Das „Pain“ im Refrain klingt recht unzweideutig nach David Bowies paranoidem „Fame“ von 1975.

2014 wurde St. Vincent zum Indie-Superstar

Ruhm wiederum hat sie mit der prallen Wimmligkeit ihres Artrocks – mit Berklee-akademischem Hintergrund – im vergangenen Jahrzehnt durchaus eingefahren. Spätestens mit ihrem vierten, schlicht „St. Vincent“ genannten Album wurde sie 2014 zum Indie-Superstar, von der Kritik bejubelt und mit dem Alternativ-Rock-Grammy ausgezeichnet, den sie als erste Künstlerin seit 1991 erhielt. Mit dem Nachfolger „Masseduction“ kam 2017 auch der Publikumserfolg als Top-Ten-Notierung in den USA und UK dazu. Schmerzhaft dagegen wie der Boulevard ihre Beziehung zu Ex-Supermodel und Schauspielerin Cara Delevingne sowie die Haft ihres Vaters hervorzerrte, die Clark bis dahin vermieden hatte, nicht zuletzt aus Rücksicht auf ihre acht jüngeren Geschwister. Zwar gab es schon früh Andeutungen auf „unseren Vater im Exil“, aber vor allem betonte sie die konzeptuelle Ausrichtung ihrer Musik. Eine „Hausfrau auf Pillen“, so ihre Worte, gab sie auf „Strange Mercy“, auf „Masseduction“ war sie eine „Dominatrix in der Psychiatrie“.

Zackery Michael
St. Vincent hat sich für ihr neues Album von Bowie und Floyd inspirieren lassen.

Mit „Daddy’s Home“ holt sie sich gewissermaßen die Deutungshoheit über ihre Geschichte zurück, die sie mit der Plattensammlung im väterlichen Heim beginnen lässt. Gerade hat sie dazu eine Playlist von altem Doo Wop zu jüngstem HipHop auf Spotify gestellt, aber die wesentlichen Einflüsse ausgelassen, den Artsy Noise Bowies, die polierten Grooves Steely Dans, die melodische Umwölkung von Pink Floyd, die sie ebenfalls im Text zitiert.

Nicht dass ein Retroeindruck entsteht: Sie spielt nur mit den jeweiligen Markern, mit schwammigen und sumpfig vermoosten E-Pianos, mit schwelgerischen Chormotiven, schwabblig wabernden Synthies und natürlich ihren meisterlich prozessierten Gitarren, die sie als quarkige Riffs hineinschiebt, als schnörkligen Stuck, als glitschige Slide. Der Gesamtgroove ist immens, aber ebenso hart kantig wie jachtartig fließend oder bedroht schwurbelig. Wie zuletzt hat Jack Antonoff mitproduziert, der – wie bei Lana Del Rey – Geschichte anspielen kann, ohne nostalgisch zu werden. Wo Del Rey im Starsumpf L.A. nach Sinn und Tiefe sucht, stolpert „Down and Out Downtown“ durchs wilde New York zwischen Bowery und Studio 54, zwischen Lou Reed und Chic, von Drogenkitsch zu Koksglam, im Siebziger-via-Dreißiger-Anzug oder in Schmuddelpelz und Negligé des Covers, Mascara verschmiert, Nylons voller Laufmaschen.

Zwischen Fremdbestimmung und Selbsterfindung

Dazu lotet St. Vincent in den Titeln die Fallhöhen zwischen schaffenswütigem Künstlerdasein und bürgerlicher Familie, zwischen Fremdbestimmung und Selbsterfindung: Als Zeugen tauchen Marilyn Monroe und Nina Simone auf, Joni Mitchell und Tori Amos und zum zärtlichen Abschluss „Candy Darling“, Transgender-Ikone aus Warhols Factory und Lou Reeds „Walk On the Wild Side“.

Zackery Michael
St. Vincent schlendert durch New York.

Ihr bohemistisches Selbst fühlt sich zu Beginn des Albums noch von den Blicken der Mütter im Park verdächtigt. Zehn Tracks später singt sie „My Baby Wants a Baby“. Dazu baut sie die Hook aus der Suburb-Hymne „9 to 5“ von Prince-Protegée Sheena Easton zum Song aus und schleppt sich durch ratlose Elterngedanken: Wie soll das gehen, wo sie die ganze Zeit Gitarre spielen will, das Essen aus der Mikrowelle holt und immer unterwegs ist? Und sowieso kein schlechtes Gewissen dabei hat?

„Daddy’s Home“ ist weitgreifend, hochintelligent, überfrachtet. Doch das Schönste, ach Quatsch, Wunderbarste an diesem neuen Album ist, wie lässig sie den irren Ehrgeiz überspielt.

St. Vincent: „Daddy’s Home“ (Caroline/Universal) ist ab dem 14. Mai erhältlich.