Berlin - Corona? War da was? Die Niederlande sind ganz sicher nicht von der Pandemie verschont geblieben, ganz im Gegenteil. Und doch sieht es so aus am Dienstagabend in der Rotterdamer Ahoy Arena, als sei beim ersten Halbfinale des diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) die Festivalwelt in bester Feierlaune. Coronabedingt sind in der Halle, die sonst Platz hat für 16.000 Zuschauer, nur 3500 zugelassen, aber die machen Lärm genug für all die anderen, die nicht live dabei sind.

Auch wenn die Zuschauer von ihrem Stammplatz vor der Bühne verbannt sind in die oberen Ränge, werden trotzdem noch genügend Fahnen geschwenkt und Freudenschreie ausgestoßen – endlich, nach der Zwangspause im vergangenen Jahr, darf Europa wieder musikalisch zusammenkommen. Die Stimmung ist da, die Show mit den ersten 16 Darbietungen der insgesamt 39 Teilnehmer dieses 65. Jahrgangs kann beginnen.

Feldversuch: eine Großveranstaltung unter Corona-Bedingungen

Die niederländische Regierung hat dies möglich gemacht. Als Feldversuch mit wissenschaftlicher Begleitung laufen seit Monaten die Vorbereitungen, wie unter Corona-Bedingungen Großveranstaltungen stattfinden können. Alles ist in der Ahoy-Arena genau geregelt, die begrenzte Zahl der Zuschauer, die sich natürlich vor Beginn testen lassen müssen und fünf Tage später noch einmal. Die Künstler und ihre Begleiter werden alle zwei Tage getestet und sollen sich außerhalb der Proben möglichst nur im Hotel aufhalten.

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Die Band The Roop aus Litauen hat eine Botschaft: In der Pandemie soll jeder feiern – zu Hause!

Bei der ESC-Eröffnung am vergangenen Sonntag auf dem roten Teppich, der diesmal türkis war, fehlen gleich vier Delegationen, wegen Positiv-Ergebnissen zur Quarantäne verpflichtet. Die australische Sängerin Montaigne ist erst gar nicht nach Europa angereist, ihr Song wird im Video eingespielt. So ein Auftrittsvideo mussten übrigens alle Länder vorbereiten, falls die Inzidenzlage dazu führen sollte, die Veranstaltung doch noch abzubrechen.

Auch der erste Beitrag am Dienstagabend, die litauische Gruppe The Roop, lässt mit ihrem Song „Discoteque“ die Pandemie nicht vergessen. Die in Kanariengelb gekleidete Truppe um den charismatischen Sänger Vaidotas Valiukevicius will mit ihrem Tanztitel daran erinnern, dass in Corona-Zeiten jeder seine eigene kleine Diskothek zu Hause hat und dort nach der Choreografie der Litauer tanzen kann, und sei es auch nur mit rhythmischen Bewegungen der Finger und Hände.

Viele politische Statements: für Frauenrechte und LGBTQ-Gemeinde

Schon die nächsten Acts propagieren, worauf es inzwischen ankommt beim ESC, auf die Message. Reichten in früheren Jahrzehnten noch die Liebesballaden oder Eurodance-Kracher aus, muss es heutzutage eine gewichtige Botschaft sein, die der Musik, dem Text und der Inszenierung auf der Bühne die nötige Tiefe verleiht.

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Die Sängerin Manizha aus Russland in ihrer Riesentracht, aus der sie gleich schlüpfen wird.

So wie Manizha, die Vertreterin Russlands, die in einem roten Arbeiterinnenoverall aus einer viel zu großen, viel zu schweren Nationaltracht steigt, und mit kraftvoller Stimme die russischen Frauen auffordert, sich zu emanzipieren und endlich ihre völlige Gleichstellung zu erstreiten: „Jede russische Frau soll wissen, du bist stark genug, du wirst die Wand durchbrechen.“ Das wird gerappt im Wechsel mit russischer Folklore und orientalischen Klängen.

Die 29-jährige Moskauerin ist Aktivistin wie Sängerin gleichermaßen. Von vielen angefeindet setzt sie sich zu Hause für Frauenrechte ebenso ein wie für die Belange von Lesben und Schwulen und die von Migranten. Sie hat selbst eine Flüchtlingsbiografie, im Alter von drei Jahren floh sie mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg in Tadschikistan.

Tusse: „Eine große fette Revanche an Machokultur und Rassismus“

Auch der schwedische Sänger Tusse musste als Kind seine Heimat, die Demokratische Republik Kongo, verlassen und kam als unbegleiteter Flüchtling nach Europa. Gerade mal 19 Jahre alt ist er jetzt stolz, beim ESC dabei zu sein. In einem Look, der sich nicht genau an die Geschlechtergrenzen hält. Sein Samtanzug ist leuchtend rot, viele Glitzerketten schmücken seinen Hals und die Brust, und die Fingernägel sind sorgfältig lackiert.

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Sänger Tusse aus Schweden: „Ich mag es nicht, wenn man mich mit einem Etikett versieht.“

In der sechste Klasse habe er angefangen mit dem Nagellack, erzählt er in der schwedischen LGBTQ-Zeitschrift QX: „Dafür wurde ich natürlich verlacht und gemobbt. Aber irgendwann war es mir egal, ich finde, ich sehe gut damit aus!“ Immer wieder wird er gefragt, ob er schwul sei, verweigert darauf aber die Antwort: „Ich mag es nicht, wenn man mich mit einem Etikett versieht.“ Sein Lied für Rotterdam heißt „Voices“, eine Stimme wolle er damit jenen geben, die nicht gehört werden. „Und das Lied ist eine große fette Revanche an Machokultur und Rassismus. Alle sollen wissen: Es ist eine Stärke, dass wir so unterschiedlich sind.“

Gar kein Problem mit dem Etikett hat Vasil aus Nordmazedonien. Er nutzt die mediale Aufmerksamkeit beim ESC, um der Welt mitzuteilen, dass er schwul ist. Das habe er seiner Familie bereits mit 16 erzählt, sagt der heute 36-Jährige in einem Interview mit dem britischen Schwulenmagazin Attitude: „Aber ich spreche jetzt stellvertretend für die LGBTQ-Gemeinde in meiner Heimat. Dort kann man es sich nicht einmal erlauben, darüber nachzudenken, ob man schwul ist oder es laut auszusprechen.“ Deshalb rede er jetzt ganz offen, als Künstler sehe er da seine Verantwortung.

Der ESC bietet schon lange kein unpolitisches Schlagerwerk mehr

Auch Vasil hat eine Flüchtlingsgeschichte hinter sich, zu Beginn des Kosovo-Krieges Ende der 1990er-Jahre floh er mit seinen Eltern zunächst in die USA, kam über London und Mailand schließlich mit einem Stipendium nach Toronto, wo er zum Opernsänger ausgebildet wurde. Jetzt ist er beim ESC angekommen, „Here I Stand“ so sein Titel, in dem es heißt: „Jetzt stehe ich hier / Es gibt nichts zu verbergen / Meine Mauern sind gefallen, mein Herz ist in deiner Hand / Nimm mir die Fesseln ab.“ Seine stimmgewaltige Ballade kommt nicht an bei den Televotern, das Finale am Samstagabend findet ohne ihn statt. Dafür gehören The Roop, Manizha und Tusse zu den zehn Acts, die noch einmal antreten.

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Sänger Vasil performt für Nordmazedonien: „Jetzt stehe ich hier. Es gibt nichts zu verbergen“

Die Geschichten dieser Teilnehmer beweisen, dass beim ESC längst soziale und gesellschaftspolitische Themen behandelt werden. Es ist dieser liberale Geist des Festivals, der Länder wie Ungarn oder die Türkei seit einigen Jahren inzwischen fernhält vom ESC. Es sei die Übermacht der political correctness, die stört, und dieser leichtfertige Umgang mit Homosexualität, heißt es in den Absagen. Wie groß der Einfluss des politischen Geschehens ist, zeigt sich in diesem Jahr auch am plötzlichen Rückzug von Armenien, sie wollen nicht mit Aserbaidschan auf einer Bühne stehen. Der neuerliche kriegerische Konflikt um die Kaukasusregion Bergkarabach hat die Nachbarländer wieder entzweit.

Auch der Beitrag aus Belarus wird zu einem Problem, das Lied der Gruppe Galasy ZMesta mache sich über die Proteste gegen Staatschef Lukaschenko lustig, sagen die Kritiker. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) als oberster Verantwortlicher für den ESC schmeißt den Beitrag kurzerhand aus dem Programm, auch ein zweiter Vorschlag wird nicht akzeptiert. Eine große Geste für die EBU, die aber wieder einmal die klare politische Haltung scheut. Denn das ist das Mantra der Dachorganisation: Keine Politik beim ESC.

Selbst in der offiziellen Begründung zum Rausschmiss von Belarus werden die aktuellen politischen Verhältnisse in dem Land nicht benannt, in diplomatischer Verrenkung wird lediglich mitgeteilt, dass kein Land den Wettbewerb instrumentalisieren oder in Verruf bringen dürfe. Der ESC, 1956 ins Leben gerufen, um die Länder Europas zusammenzubringen, hat längst sein friedensstiftendes Anliegen verloren, immer wieder brechen Konflikte auf und neue Grenzen werden hochgezogen. Obwohl es doch nur um musikalische Unterhaltung geht.

Am Donnerstag, den 20. Mai geht die Schlager-Party weiter: das zweite ESC-Halbfinale. Am Sonnabend, den 22. Mai ist dann das Finale in der Rotterdamer Ahoy-Arena. Der Wettbewerb wird im Netz gestreamt, das Finale ab 20.15 Uhr zusätzlich in der ARD übertragen.