Berlin - Jedes Mal, wenn Océane Colom den letzten Knopf an ihrem blau-weißen Anzug zuknöpft, fühlt sie sich stark. Sie ist dann nicht mehr die 30-jährige Frau aus Avignon, die schon als Kind von einer künstlerischen Karriere träumte, sondern Suzane – eine vielgebuchte Musikerin aus Frankreich, ein Popstar mit Zehntausenden Followern im Internet. Und das, obwohl ihr Debütalbum „Toï Toï“ erst letztes Jahr in Frankreich erschienen ist und nun unter dem Namen „Toï Toï Toï“ weltweit veröffentlicht wird. Ob dies ein Grund ist, wieso die zierliche Sängerin mit der Prinz-Eisenherz-Frisur noch immer ihr Superheldenkostüm überstreift? Weil sie sich nicht sicher sein kann, ob der Ruhm außerhalb des Landes gelingt?

Als wir sie im Interview danach fragen, erzählt sie, dass sie damit vor allem ihre Bühnenangst bekämpfe. Obwohl sie in einem normalen Jahr bis zu 200 Konzerte spiele und reichlich Bühnenerfahrung habe, gebe es immer noch die Angst vor den 10.000 Fremden, die auf sie hinabblicken und urteilen. Das sagt Colom so selbstbewusst, dass es schwerfällt, ihr diese Unsicherheit abzukaufen. Denn auch ihre Musik zeichnet sich nicht gerade durch Fragilität und Schwächen aus.

In ihrem 2019 erschienen Stück „SLT“ sinniert sie etwa zu einem pfeifenden, klierenden Beat über sexuelle Belästigungen im Alltag – über Frauen, die von ihrem Chef angegraben werden, denen auf der Straße nachgepfiffen wird und die am Ende doch die Bösen sind, weil sie zu kurze Röcke tragen. Colom spricht im Lied die Anschuldigungen wie Beschimpfungen aus, erst im Refrain hebt sie ihre klare, hohe Stimme und fordert ihre Leidgenossinnen auf, dagegen zu kämpfen. Im Musikvideo sieht man sie in einer Ballettklasse tanzen, wie ein Adler junge Frauen umkreisen und durch Tüll gleiten.

Tanzen am Konservatorium Grand Avignon 

Die Darstellungen erinnern an die Anfangsjahre von Colom. Als sie fünf Jahre alt war, fiel der Tanzlehrerin ihrer älteren Schwester auf, dass sie jedes Mal vor der Glasscheibe des Tanzraumes stehen blieb, um genau bei den Schrittabfolgen zuzugucken. Obwohl die Lehrerin sie für zu klein und zu jung zum Mitmachen hielt, durfte Colom bald in die klassische Tanzgruppe. Später wurde sie am Konservatorium Grand Avignon unterrichtet und sah sich bereits an den Opernhäusern in Paris. Doch je älter sie wurde und je weiter sie kam, desto größer wurde der Druck. „Wenn ich die Türe zum Proberaum öffnete, fiel eine schwere Last auf meine Schultern, das kleine Mädchen, dessen Nase an der Glasscheibe klebte, war längst fort“, berichtet Colom.

Kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung bricht sie schließlich ab, geht reisen, jobbt in Cafés und in Bars. Als sie 2014 in Paris landet, entdeckt sie wieder ihre Faszination für Tanz und Musik. „Bei einem meiner Nebenjobs lief immer MTV im Hintergrund, und ich dachte mir beim Anblick der Musikvideos, dass ich genauso wie die Musiker tanzen und singen könne.“

Foto: Liswaya
Wenn Océane Colom ihr blau-weißes Kostüm anzieht, ist sie Suzane.

Colom schreibt fortan Lieder hinterm Tresen, beobachtet dafür ihre Gäste genauer und nimmt Gesangunterricht. Inspiriert von den großen Chanson-Sängerinnen ihres Landes, Barbara Brodi, Edith Piaf und einigen lokalen Electro-Künstlern wie Justice und Daft Punk, sucht sie sich einen Sound, zu dem sie tanzen, singen und eine Geschichte erzählen kann. Drei Jahre später findet sie einen Produzenten, der genau versteht, was sie will. Nach drei weiteren Jahren hat sie mehrere Lieder veröffentlicht, zahlreiche Auftritte absolviert und die erste Auszeichnung bei den Victoires de la musique erhalten, Frankreichs wichtigstem Musikpreis.

Fridays for Future und Rap

Die 19 Lieder, die Colom auf dem Album „Toï Toï Toï“ versammelt, weisen die Anleihen aus charttauglichem Electro, Dance und französischem Chanson sowie Pop auf. Man findet aber auch Verweise aus dem deutschen HipHop. Das Stück „Il est où le SAV“, das hierzulande ein Feature mit dem Wuppertaler Rapper Horst Wegener ist, klingt etwa wie eine Produktion der Berliner Band Culcha Candela. Verglichen mit ihren angesagten französischsprachigen Kolleginnen Christine and the Queens und Angèle, die sich deutlicher im Popbereich bewegen, klingt Suzane frisch, anders. Textlich gesehen greift sie jedoch wie ihre Mitstreiterinnen meistens Feminismus, Homosexualität und die ganz großen Gefühle auf.

Foto: Suzane
Horst Wegener und Suzane sind in Berlin bei einer „Fridays For Future“- Demonstration aufgetreten.

Im Gespräch betont Colom, dass ihr wichtig sei, dass sie nicht nur Themen transportiere, sondern sich für sie einsetze. Im vergangenen Herbst war sie etwa bei der „Fridays for Future“-Demonstration in Berlin, um ihren Standpunkt als Klimaaktivistin zu demonstrieren – und natürlich auch, um zu singen.

Der Beifall war damals so tosend wie beim Hamburger Reeperbahn Festival, wo sie 2020 für den Anchor Award als bester Live Act nominiert wurde und eine energiereiche Performance darbot. Sobald es die Pandemie zulässt, will Colom hier anknüpfen – den blau-weißen Anzug anziehen, den letzten Knopf zuknöpfen und auf der Bühne toben. Immerhin wurde sie erst durch ihre Auftritte bekannt. Der Rest der Welt muss sich nur etwas gedulden.

Suzane: „Toï Toï Toï“ (3eme Bureau / Wagram / Indigo) erscheint am 22. Januar.