Weltuntergang mit verschmiertem Lippenstift: The Cure in der Mercedes-Benz-Arena

The Cure, Erfinder des Goth-Pop, werden bis heute in vielen Genres als wichtiger Einfluss zelebriert. Warum? Das zeigte ihr Konzert in der Benz-Arena.

Robert Smith, der Sänger von The Cure, beim Konzert in Berlin.
Robert Smith, der Sänger von The Cure, beim Konzert in Berlin.Votos - Roland Owsnitzki

Der Schmerz unserer Jugend ist der Schmerz unserer Gegenwart. Noch immer suchen wir und finden nicht, und die Nuklearapokalypse droht plötzlich auch wieder! Glücklicherweise ist auch das Heilmittel für den Schmerz noch das selbe – The Cure, (zu Deutsch: Das Heilmittel) und ihr Chef, Frontmann, alleiniger Songschreiber und einzig verbliebenes Gründungsmitglied Robert Smith müssen nicht mehr vorgestellt werden. Es würde ausreichen zu konstatieren, sie seien aufgetreten, und alle wüssten, es war ein Abend voll epischer Schmerzbesingung, Vogelnestfrisuren, verschmiertem Lippenstift, androgyner Stimme, trauriger Euphorie, mit „Boys Don’t Cry“ und vielen anderen Hits.

So war es auch am Dienstagabend in der nahezu ausverkauften Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, als die Band hier im Rahmen ihrer „Euro Tour 2022“ auftrat. Aber es lohnt sich eben doch, den Abend genauer zu betrachten, denn The Cure unterscheiden sich auch heute noch von anderen in die Jahre gekommenen Pop-Künstlern, da ihre Kunst kaum in die Jahre gekommen wirkt. Das liegt zum einen daran, dass Robert Smiths Stimme wie aus einem nie versiegenden Jungbrunnen emporschallt; kein anderer 63-jähriger Sänger klingt so konsequent, als sei er nach wie vor 18. So gab es am Dienstagabend immer begeisterten Szenen-Applaus, wenn Smith das Ende einer Textzeile gellend in die Länge zog, wie etwa im Stück „Prayers for Rain“.

Zwischen Gymnasiastenlyrik und tiefer Pop-Dichtung

Zum anderen fasst Smiths Musik das Gefühl von Jugend besser zusammen als die meisten seiner Zeitgenossen oder auch Vorgänger es vermochten; während die meisten Punk- und Post-Punk-Bands der ersten Stunde rückblickend betrachtet schon in jungen Jahren wie ärgerliche alte Männer und Frauen klangen, spiegelt das klaustrophobisch Introvertierte und dennoch weit Offene, das meisterlich zwischen Gymnasiastenlyrik und tiefer Pop-Dichtung Oszillierende im Werk von The Cure das Jungsein in all seiner Unsicherheit, allem Zweifel, aller Fluidität wider. Weswegen The Cure, Erfinder des Goth-Pop, wohl auch bis heute in viele andere Genres hinein ehrfurchtsvoll als wichtiger Einfluss zelebriert werden.

Zugegebenermaßen haben The Cure auch schon lange kein neues Material herausgebracht. Auch erklangen in der Mehrzweckhalle wenige Stücke von Alben, die sie in den Neunzigern und Nullern aufnahmen; vom allseits beliebten Schunkel-Indie-Hit „Friday I’m in love“ und dem eher unspektakulären „Want“ abgesehen. Der Fokus lag auf den Achtzigerjahren, der Hauptblütezeit der Band, während derer sie natürlich auch wirklich noch junge Leute waren. Doch wirkten die Stücke eben auch heute nicht alt – neben mir verdrückte ein junger Goth mit Siouxsie-Sioux-T-Shirt so manche Träne.

Auch wurde der Hauptteil durch zwei neue, bisher unveröffentlichte Stücke gerahmt, die in ihrem langsamen Bombast auch gut auf das Album „Disintegration“ aus dem Jahr 1989 gepasst hätten (das übrigens im Konzert besonders stark vertreten war): „Alone“ zu Beginn, nachdem Smith seiner Band auf die Bühne hinterhergeschlurft war und sich erst mal in Ruhe das Publikum von verschiedenen Stellen des vorderen Rands aus betrachtet hatte, und „Endsong“ zum Schluss. Bei ersterem war auf der Leinwand hinter der Band eine Fahrt ins All mit Blick auf die kleiner werdende Erde zu erleben, bei letzterem sah man die Erde glühen. In beiden Stücken war viel vom Ende die Rede! Vielleicht eine Art Vermengung aktueller Apokalypse-Stimmungen mit der Tatsache, dass das angeblich kommende Album der Band laut Aussage Smiths das letzte werden könnte.

Die lustvolle Weltuntergangsstimmung wurde in der Mehrzweckhalle auf warm-inklusive Weise unter die Leute gebracht. Oft sah man Smith lächeln; überhaupt hatte das angenehm unaufgeregte Bühnenverhalten der Band – wie eh und je – etwas von der einzig sympathischen Ecke einer ansonsten langweiligen Stehparty.

Wie zitternd schmelzende Eiszapfen

Gern hielt man sich auf in dieser Ecke! Smiths Gitarrenmelodien, die er gerne auch mit dem Rücken zum Publikum spielte, durchwaberten den Raum wie zitternd schmelzende Eiszapfen. Ebenso die angezerrten Figuren von Bassist Simon Gallup. Letzterer, schon seit sehr frühen Jahren dabei, übte verhaltene Rockerposen und übernahm in einigen Stücken die Gitarrenmelodie, was etwa der Gleichsetzung von Verliebtsein und Apokalypse im Lied „Plainsong“ eine der Studioversion abgehende Trockenheit verlieh. Vor allem aber beendeten Gallup und Smith „A Forest“ – welches wiederum Verliebtsein mit Sich-im-Wald-Verirren gleichsetzt – wie eh und zu zweit, Gallup stoisch pulsierend, Smith reduziert improvisierend, ein Pflichttermin innerhalb eines jeden Cure-Konzerts.

Viele weitere gab es auch: Etwa Stücke aus der das Gothic-Genre besonders prägenden Frühachtziger-Phase der Band wie etwa „The Figurehead“ und „Play for Today“ (vom Publikum wie ein Stadionrock-Stück gefeiert!) – und im zweiten Zugabenblock all die großen Popsongs: „Just Like Heaven“, „In Between Days“, „Close To Me“ und natürlich zuletzt „Boys Don’t Cry“, wo ein Cocktail-Groove-Einschlag das Post-Punk-Tempo ersetzte, in dem Smith und seine Schulfreunde das Lied Ende der Siebziger einspielten, als sie 18 waren. Was Smith im Grunde genommen immer noch ist. Am Ende, die Band war schon verschwunden, wanderte er alleine über den Bühnenrand und genoss, halb verschmitzt, halb verschüchtert, den Jubel.