Zu den bizarren Nebeneffekten dieser seltsamen Tage gehört das Verwischen der Erlebniswelt. Wir sitzen einerseits immer mehr zu Hause, bewegen uns aber umso intensiver virtuell. Während wir dem Nachbarn nur vermummt begegnen, streamen und zoomen wir durch die Welt.

„Vertigo Days“, Tage des Schwindels, haben The Notwist ihr neues Album genannt. Es entstand, oder wurde jedenfalls in Form gebracht, in der sozialen Distanz des letzten Jahres und einem zeitlichen Abstand von gut sechs Jahren zum letzten Album. Auch weil sie sich so viel Zeit nehmen, die sie traditionell mit Denken und verschiedensten Projekten verbringen, schnurren sie nun gerade nicht auf die kleine Infektionszelle zusammen, sondern sprengen das Bandformat: Auf den 14 Songs hören wir die japanischen Tenniscoats, Ben LaMar Gay und Angel Bat Dawid aus dem Umfeld des wichtigen jungen Jazzlabels International Anthem in Chicago und Juana Molina aus Argentinien, befreundete Musiker, die sich wie die Notwists an verschiedenen Genres erfreuen und abarbeiten – um sie dann ineinander zu werfen.

So gehen sie mit einem unerwartet druckvollen Exotica-Sample ins Album, das schnell von obskur fiependen Geräuschen angefressen wird, das den Weg in ein reich gebautes, weit gestrecktes Album freigibt. Es setzt all die Trigger, die man von Notwist kennt: die zärtlich-wehmütigen Melodien, die vernieselten, überbelichteten Texturen aus zahlreichen analogen und digitalen Quellen, in denen sich problemlos Kraut-, Rock- und Hop-Beats mischen können und wie im Dub Instrumente und Arrangements selbstbewusst heraus- und zurücktreten.

Angelegt ist „Vertigo Days“ als Kreis

Angelegt ist „Vertigo Days“ als Kreis: Es bricht zunächst „Al Norte“ auf, um wie als mikroperspektivisches Gegenstück erst geisterhaft schief, dann mit rasselndem Tuckern „Into Love“ zu schauen: Egal wie’s läuft, du tust es immer wieder, lautet die seufzend kreiselnde Erkenntnis zur Liebe. Am Ende des Albums hebt es scheinbar noch einmal an. Zur dichten Folktronica Juana Molinas geht es „Al Sur“, bevor als Reprise noch einmal „Into Love“ kommt.

„Juana Molina hat uns erklärt, dass der argentinische Norden im Süden ist und umgekehrt“, sagt Markus Acher mit weicher bayrischer Melodie aus dem bildlosen Zoom-Raum, „daher passte das ganz gut zu dem ganzen Schwindligen und Durcheinander: Alles steht Kopf, was auch das Thema des ganzen Jahres war, womit alle zu tun hatten, und weshalb vieles auf der Platte so seltsam verschoben ist.“

Dieser Schieflage zum Trotz fließen die Stücke im Gegensatz zum Vorgänger („Close to the Glass“ von 2014) wunderbar stimmig ineinander. „Wir wollten damals gerade die harten Schnitte betonen, es sollte nach zehn verschiedenen Bands klingen“, sagt Micha Acher. „Hier haben wir das wärmere Klangbild gesucht, eine Art High End Lo-Fi“, lacht er, „ein bisschen wie auf alten Kassettensamplern, deren Stücke durch das Materialrauschen zusammenhängen – es verbinden sich viele verschiedene Sachen in der gemeinsamen Klangästhetik.“

Liebesgeschichte während „Black Lives Matter“-Demo

Darin gehen auch die unterschiedlichen Co-Musikerinnen auf. Tatsächlich könnte man sagen, dass Notwist schon immer ihr Bandformat aufgebrochen haben. Nur hatten sie es bisher ausgelagert in etlichen Nebenformationen, in denen sie bestimmte musikalische Interessen – Jazz, Dub, Elektro – vertiefen. Die Gäste wiederum stammen aus einem Netzwerk, das sie auf Auslandstouren und ihr Münchner Festival „Alien Disko“ knüpfen. So haben zum Beispiel die Tenniscoats unter dem Eindruck der Notwist’schen Blasmusikanten-Hochzeitskapelle eine eigene Bläserband namens Zayaendo gegründet, die nun durchs Album schlingert und zum Schluss forsch aus dem Album eiert. Tenniscoats-Sängerin Saya wiederum steigt mit ihrem fragilen, Ikebana- und westliche Indiepopklischees umschlingenden Ton wie selbstverständlich aus der verstrahlten Stimmung von „Ship“. Und der raue Klang des Dichters, Sängers und Musikers Ben LaMar Gay bringt eine unerwartete, aber folgerichtige Dunkelheit in den verwaschenen HipHop von „Oh, Sweet Fire“, und er nimmt zugleich die Bewegung des Albums auf und besingt eine Liebesgeschichte während einer „Black Lives Matter“-Demo.

Im Hintergrund stand dabei, sagen sie, ein Soundtrack-Gedanke mit leitmotivischen Variationen, zu dem sie die Fotos Liego Shiga inspirierten, deren farbverfremdete Nachtbilder – „für mich hat sich das Jahr immer wie Nacht angefühlt“ – das Album-Artwork zieren. Ganz konkret findet man die Idee im spröde verschrammten Indieschuffeln von „Sans Soleil“, das sich auf Chris Markers berühmten Filmessay – um Liebe, Alltag, Natur vor dem Hintergrund Japans – aus dem Jahr 1983 bezieht.

„Vertigo Days“ trägt die Hörer damit durch den Strudel des letzten Jahres, in eine schmerzlich gedämpfte Dunkelheit. Sie schließt uns indes nicht ein, sondern findet immer auch eine Öffnung, ein warmes Schimmern, ein sägender Trotz, oder das schaukelnd ins Freie strebende Gebläse, mit der am Ende das Album wie das Leben in die nächste Runde geht.

The Notwist: „Vertigo Days“ (Morr / Indigo)