Berlin - Von der Berliner Band Lonski & Classen hat man lange nichts mehr gehört. Eine künstlerische, materielle, ja überhaupt weltumspannende Schaffenskrise hat zumindest einen der beiden Musiker aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich treffe ihn: Lukas Lonski, den Sänger und Gitarristen der Indie-, Folk-, Synthesizer-Band, an einem Berliner Abend zu einem coronakonformen Späti-Bier-Spaziergang in Kreuzberg.

Da steht er also: der schmächtige Mann, 40 Jahre alt, einer der Köpfe der Band, Sänger von Lonski & Classen, der nicht nur Musik macht, sondern zum Geldverdienen auch beim Aufbau von Theaterproduktionen hilft. Als ich ihn frage, wie es ihm seit dem zweiten Album von 2014 ergangen ist, zuckt er leicht zusammen.

„Es war nicht immer einfach“, sagt er rückblickend, während wir in Richtung Landwehrkanal laufen. Er habe viel Geld, all seine Ressourcen und Kraft ins Marketing des zweiten Albums „All Tomorrow Is Illusion“ gesteckt – doch die Rechnung ging nicht auf. Das Album hatte nicht den kommerziellen Erfolg, den sich die beiden Musiker erhofft hatten. Durch die grob mahlenden Mühlen der Musikindustrie zu gehen, war ein ernüchternder Prozess, den er erst mal verarbeiten musste.

Eine Freundschaft mit Yann Tiersen

Jetzt steht also alles wieder auf null. Lukas Lonski ist mit seinem Partner Felix Classen wieder zurück – mit dem dritten Album „The Space Between Us“, das eine neue Ära einleiten soll. Die Musiker, die sich noch aus der Grundschule kennen und mit den ersten beiden Alben Radiohead-Vergleiche heraufbeschworen, haben es selbst produziert, ohne Erwartungen, ohne Anspruch auf kommerziellen Erfolg.

Sie wollen allein die Musik sprechen lassen, ihre künstlerische Botschaft zwischen Folk, Indie, Jazz und Klangkunst vermitteln, anstatt große PR-Kampagnen zu starten. Das heißt aber nicht, dass der Schaffensprozess nicht aufwendig oder anspruchsvoll gewesen wäre. Schließlich wurde das Album nicht irgendwo und nicht mit irgendwem produziert, sondern mit einem der berühmtesten Musiker des Avantgarde-Pop: mit dem Bretonen Yann Tiersen, in dessen Tonstudio auf der Insel Ouessant. Tiersen legt übrigens Wert darauf, in erster Linie Bretone und nicht Franzose zu sein. 

„2019 haben wir ihn besucht und das Album aufgenommen. Als Bezahlung mussten wir lediglich ein Konzert für eine insulane Hochzeitsgesellschaft spielen“, sagt Lukas Lonski und beginnt zu lächeln, als würde er gedanklich in eine großartige Zeit reisen. Dass sie in Yann Tiersens Tonstudio (und Haus) das Album aufgenommen haben, ist kein Zufall. Der Musiker und Komponist hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Karriere von Lonski & Classen. Der Erfinder des „Amélie“-Soundtracks stolperte zufällig über die Berliner Band, nachdem er einer Einladung zu ihrem Debütkonzert 2009 gefolgt war. Der Bretone war so begeistert von ihrem Erstlingswerk „Climbing On Branches“, dass er die Musiker einlud, ihn als Vorband auf seiner Konzerttournee zu begleiten. So kam es auch. Eine prägende Zeit, die Lukas Lonski so schnell nicht vergessen wird. Seitdem sind die Musiker befreundet.

Die schlechten Zeiten sind vorbei

Doch heute ist heute. Und gestern? Schall und Rauch. Nach den Strapazen zum zweiten Album, dem Misserfolg und ein paar persönlichen Krisen geht es dem Musiker wieder gut. Auch die Pandemie konnte seinem psychischen Zustand nichts anhaben. Schließlich, so Lonski, habe er mit seinem Musikpartner Zeit gefunden, das dritte Album zu Ende zu produzieren und an Details zu feilen. „Sonst hätte alles viel länger gedauert“, sagt der Musiker, der in Mönchengladbach groß wurde, nachtwandelnd mit einem Späti-Bier in der Hand. 

Wie lässt sich nun das Album, die Musik von Lonski & Classen beschreiben? Kompromisslos ist ein Wort, das ein Kritiker nur dann verwendet, wenn ihm nichts Besseres einfällt. Doch wer das Album hört, merkt sofort, dass der Begriff hier seine volle Berechtigung hat. Die Musik von Lonski & Classen ist auf eine poppige Art experimentell und, ja, kompromisslos. Die Songs nutzen das ganze Spektrum von Klängen und Klangfiguren, ohne dabei prätentiös zu wirken. Der studierte Musikwissenschaftler Lonski schafft es, mit seiner Musik zwei widersprüchliche Bereiche zu verbinden: Herz und Hirn.

Foto: Larissa Lackner
Lukas Lonski und Felix Classen sind Zauberer der Klangkunst. Im Dezember 2020 ist ihr neuestes Album erschienen.

Das zweite Stück „Don’t You Know“, das auf eine kurze Eröffnungsprelude folgt, ist so ein Beispiel für ungewöhnliche Symbiosen. Nicht zufällig spielt auch Yann Tiersen mit, gemeinsam mit seiner Frau Emilie. Es beginnt mit ein paar zerstreuten Klavierakkorden, ganz still und nachdenklich. Der Song surrt zwischen Dur und Moll, vibriert zwischen Hell und Dunkel. Dann setzt die Gitarre ein, mischt sich ins Rauschen. Plötzlich dann der Gesang von Lukas Lonski und die metaphysische, nach Erlösung schreiende Zeile „God is between us“. Die Musik wird immer lauter, energetischer, wuchtiger. Man hört zwischendrin ein Scheppern, klirrende Gitarrencluster, plötzlich helle Akkorde, als würde ein Lichtstrahl hereinbrechen, bevor die Komposition in einem großen Fortissimo verglüht.

Das Album, das als Vinylplatte oder Stream allein auf dem Portal Bandcamp erhältlich ist, wirkt melancholisch, nachdenklich, verträumt. Wie eine musikalische Introspektion, die manchmal sogar etwas nostalgisch anmutet. Verspielt und selbstironisch sind die Stücke dennoch. Die Songs reihen keine Modulationen aneinander, sondern verfremden Altbekanntes humorvoll. Als folgten die Musiker dem Diktum von Lars von Trier: „Gute Kunst muss so sein wie ein Stein im Schuh.“ Im Fall von Lonski & Classen erklingen diese musikalischen Steine in ganz unterschiedlichem Timbre: mal in Form einer Septime, mal als schräges Quietschen, mal im Gewand einer unorthodoxen Modulation oder als Gong im Geklirr eines Glockenspiels. 

Alles braucht seine Zeit

Wer nur auf Spotify herumhängt, darf sich hier plötzlich mit einer Musik konfrontieren, die sich völlig frei macht von der Normenhaftigkeit, mit der Erfolgskompositionen für gewöhnlich den immergleichen Mustern nacheifern. Das ist auf dem Album „The Space Between Us“ anders.

Foto: Larissa Lackner
Als Lonski & Classen 2007 ihre erste EP veröffentlichen, haben sie sofort ihre eigene Sprache gefunden. Mittlerweile ist das dritte Album von „Lonski & Classen“ erschienen.

Als ich Lukas Lonski meine Eindrücke mitteile, muss er kurz nachdenken. Nicken will er nicht, das wäre zu einfach. Er bleibt stumm. Dann räuspert er sich und lässt jede weitere Frage ins Leere laufen. Die Aura des Sängers ist so nebulös wie das Album. Er entschuldigt sich, als ihn meine Ungeduld nervös macht: „Tut mir leid. Ich denke so langsam nach wie eine Schnecke.“ Das ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Eher glaubt man, dass Lukas Lonski seine Musik mit langen Erklärungen nicht zerstören, nicht rationalisieren will. Sie funktioniert eher emotional, intuitiv. Man muss nur hineinhören und sich überraschen lassen.

Nach stundenlangem Spaziergang, durchgefroren und von Späti-Bieren berauscht, lasse ich mir eine Vinylplatte geben und spaziere nach Hause, wo ich die Scheibe, erschöpft und müde, auf den Plattenspieler lege. Jetzt spüre ich: Wenn man die Augen schließt und mit der Musik von Lonski & Classen durch nächtliche Fantasiewelten reist, wird man mit Klangeindrücken belohnt, die berühren und beruhigen. Und plötzlich, ganz still und leise, ist man mit der Welt versöhnt. Es braucht nur seine Zeit.

Das Album „The Space Between Us“ von Lonski & Classen ist als Vinylplatte oder Stream auf Bandcamp erhältlich. Adresse: https://lonskiandclassen.bandcamp.com/