Berlin - Als sei die pandemiebedingte Spaßausdünnung bei Popkonzerten nicht schon genug beklagt worden, gab sich das Wetter am Sonntagabend alle Mühe, die distanzierten Stehparzellen, die man dem 800 Leute starken Publikum im Marienpark zugewiesen hatte, noch deprimierender erscheinen zu lassen: In Schutzkleidung gehüllt wie Lachsangler in Alaska und aus Kübeln begossen, wirkte die Vereinzelung der Zuschauergrüppchen auf der Wiese wie vollendete Vereinsamung.

Aber welche Band kann man sich allein im Regen besser anschauen als Tocotronic, zumal diese auf Distanzwiesen in der ganzen Republik gerade den ersten Teil einer Karrierewerkschau präsentieren: So sollten nur Stücke aus den ersten zehn Jahren ihres Schaffens gespielt werden, und die handeln ja eigentlich alle davon, wie es ist, allein im Regen zu stehen und die Nach-, aber auch Vorteile sozialer Distanzierung zu erwägen – so sangen sie ja immer besonders inbrünstig Worte wie „Ich bin alleine und ich weiß es und ich find es sogar cool“ oder „Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben“!

„Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“

Und so schien es beinah schlüssig, als diese tollste deutsche Rockband, die unser aller Melancholie stets mit generösem Witz zu bündeln verstand, auf die Bühne trat und ankündigte, ihr Konzert fiele aus, da Schlagzeuger Arne Zank plötzlich krank geworden sei: So machten sie das über zwei Jahrzehnte besungene Verschwindenwollen gewissermaßen als Performance beinahe wahr.

Aber eben nur beinahe, denn obwohl Sänger Dirk von Lowtzow sofort ankündigte, das Konzert werde zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt, trugen er, Bassist Jan Müller und Gitarrist Rick McPhail nun vier Lieder vor. Lowtzow, der auch in den höheren Lagen des Entmutigungsgassenhauers „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ gut bei Stimme war, trug übrigens, so schien es aus der Ferne und durch den Regen, ein für sein eher am Existenzialisten-Look der Sechziger geschultes Modebewusstsein doch ungewöhnlich erscheinendes Accessoire: nämlich eine Art Baseball-Kappe! Handelt es sich hier um Alterswunderlichkeit?

Bewusst alterswunderlich wirkte auch McPhails um einen Viertelton zu tief erklingende Mundharmonika im wunderschönen „Sie wollen uns erzählen“, das dadurch gleich noch ein bisschen wunderschöner wurde – und bei aller Konsequenz der Nicht-Performance doch traurig stimmte, denn nun hatte man wirklich Lust auf mehr. Schließlich haben wir Tocotronic über die Jahre so manchen kleinen Club und manche ausverkaufte Halle zum Vibrieren bringen sehen.