Trance-Moshpits gegen den Abfuck: So heiß war es bei Zugezogen Maskulin im SO36

Das Berliner HipHop-Duo Zugezogen Maskulin bildet das politisch-philosophische Gewissen des Deutschraps. Nun spielten sie im ausverkauften S036 in Kreuzberg.

Zugezogen Maskulin beim Konzert im SO36.
Zugezogen Maskulin beim Konzert im SO36.Gerd Engelsmann

Es geht an diesem Samstagabend im SO36 ganz gemächlich los, mit chilligen Popvibes, denen ein wenig Soul beigemischt wurde. Verantwortlich dafür zeichnet Anoki, der als Voract von Zugezogen Maskulin auftritt. So gemächlich, dass dieser kurzerhand das Instrumental für den Song, den er doch unbedingt spielen wollte, auf seinem PC nicht mehr findet. Das Publikum, mit in Glasflaschen verkauftem Bier in der Hand, reagiert gelassen, spendet trotzdem brav Beifall. Kurze Pause. Dann scheint es loszugehen. Aus den Lautsprechern tönt ein merkwürdig verzerrter Sound, dem Lyrics von Zugezogen Maskulin untergemischt wurden. Das Publikum erwacht langsam zum Leben. Und tatsächlich, los geht’s: Testo und grim104 springen auf die Bühne.

Die beiden sind als Zugezogen Maskulin seit über einer Dekade fester Bestandteil der Deutschrapszene und schaffen es mit ihren gesellschaftskritischen, vielschichtigen und von geistesgeschichtlichen Anspielungen gesäumten Texte auch jene zu begeistern, die sich sonst nicht unbedingt im Deutschrap zu Hause fühlen. So ist das Publikum auch an diesem Abend gut durchmischt. Alt und Jung, Punker und HipHopper reihen sich aneinander, sind in freudiger Erwartung auf den Abend.

Parallelen zur Weimarer Republik

Das aktuelle Album von Zugezogen Maskulin erschien bereits vor über zwei Jahren. Auf ihm blicken die beiden Rapper zurück, ziehen ernüchternde Bilanz: „10 Jahre Abfuck“, ist ihr Fazit, und so heißt auch das Album. Der „Abfuck“ hat für Testo und grim104 viele Gesichter, aber vor allem ist er bei ihnen ein gesellschaftlicher. Ausgehend von Thilo Sarrazins rechtspopulistischem Skandalbuch „Deutschland schafft sich ab“ beschreiben die beiden den Rechtsruck und ziehen die Parallele zur Weimarer Republik: „Tanz’ gerade so schön auf dem Vulkan / Freue mich darauf, die Balance zu verlieren“.

Seit dem Albumrelease hat sich die Liste der „Abfucks“ in kurzer Zeit beachtlich verlängert: Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise. Der Vergleich mit den 1920er erscheint noch mal handfester als vor zwei Jahren. Inzwischen sind so viele Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen, dass die Tafeln teilweise keine neuen Bedürftigen mehr versorgen können. Andere blicken angsterfüllt auf ihre Heizrechnungen. Und in das von einer zahnlosen und zerstrittenen Linken nicht besetzte politische Vakuum schlüpfen Rechtsextreme, die sich schon warmlaufen, auch an diesem Sonnabend in Berlin, bei der AfD-Demo. Vorausschauend, was grim104 schon auf dem Album von 2020 erkannte: „Jetzt kommen die Zwanziger / Der Abfuck ist längst nicht zu Ende“.

„Künstler mit Haltung oder so ’ne Scheiße“

Auf der Bühne präsentieren sich Testo und grim104 indes gut gelaunt, zu Späßen aufgelegt. Die meisten Songs moderieren die beiden mit amüsanten, fiktiven Geschichten an, auch interaktiv wird es teilweise. So darf das Publikum darüber abstimmen, ob grim104 seine angebliche Alkoholabstinenz für einen Schluck Bier brechen soll. Obwohl das Publikum dagegen ist, genehmigt sich grim104 ein paar Tropfen: „Demokratie ist ein tolles System“, kommentiert er sarkastisch. Dann setzt der Beat zu dem Song „König Alkohol“ ein. Politischer wird es in den Ansagen der beiden nicht. Zwar seien sie „Künstler mit Haltung oder so ’ne Scheiße“, wie Testo festhält; die muss das Publikum aber aus der Kunst der beiden ablesen, nicht aus deren Bühnenansagen.

Dennoch sind die gegenwärtigen Krisen auch an diesem Samstagabend präsent: Die durch Russlands Angriff auf die Ukraine ausgelöste Krise ist nicht „nur“ ein gesellschaftlicher und politischer Abfuck, sondern nebenbei noch, nach der Corona-Pandemie schon die zweite heftige Belastungsprobe für die Kulturbranche in kurzer Zeit: Nachdem Künstler die letzten Jahre bereits „gelitten haben wie die Hunde“ (grim104), wird es nun aufgrund der gestiegenen Sprit- und Energiepreise auch noch teurer, Konzerte zu spielen. Gleichzeitig bricht aber auch die Ticketnachfrage ein, da Menschen unter Spardruck stehen.

Auch Zugezogen Maskulin haben das am eigenen Leib erfahren. So mussten die beiden die für diesen Herbst geplante zweite Hälfte ihrer Tour auf drei Stopps reduzieren, von denen diese Show im SO36, die eigentlich in der bedeutend größeren Columbiahalle hätte stattfinden sollen, nun die letzte ist.

Schon nach einer Stunde kündigen Zugezogen Maskulin am Samstagabend den letzten Song an – um dann ein wahres Zugabenfeuerwerk abzufackeln. Zunächst spielt grim104 jeweils einen Track von jedem seiner drei Soloalben, anschließend kommt Testo mit einem bisher unveröffentlichten Song auf die Bühne. Dass die beiden – in welcher Form auch immer – an neuer Musik arbeiten, hatten sie bereits in einem vorab online veröffentlichten Statement erwähnt. Für viele Fans sicherlich eine tolle Nachricht; spielten Zugezogen Maskulin doch noch auf der, bereits früher am Abend performten Single „Exit“ mit dem Gedanken, die Musikkarriere an den Nagel zu hängen: „Ich will’s selber entscheiden, wie Gunter Sachs / Bevor man mich von der Bühne runterjagt“ rappt grim104 dort.

Schweiß und zerklirrende Flaschen

Im S036 will die beiden niemand von der Bühne jagen. Im Gengenteil: Die Menge wird immer euphorischer, bald wird auch ganz hinten im Raum wild rumgesprungen. Erste Glasflaschen, vom in Trance geratenen Publikum an der Seite abgestellt, zerklirren; das auslaufende Bier mischt sich zum tropfenden Schweiß der inzwischen zur homogenen Masse vereinten Körper, die aus voller Inbrunst mitschreien. Die anfängliche Gemütlichkeit ist passé.

Und obwohl sich das längliche SO36 nicht wirklich dafür anbietet, nimmt Frequenz und Größe der Moshpits immer weiter zu. Ein Tanz auf dem Vulkan? Oder ein Menschenwärme spendender Modus der Gegenwartsbewältigung, ein Moment der Rebellion gegen den allgemeinen Wahnsinn? Bei „Alles brennt“, dem letzten Song des Abends, gibt es kein Halten mehr, der gesamte Saal bebt, und Zugezogen Maskulin feuern mit einer Nebelkanone in die Masse, sodass nur noch Konturen der Tanzenden zu sehen sind. War das da vorne links gerade ein in die Höhe gestrecktes Peace-Zeichen?