Der Klavierstimmer ist eine Schattengestalt des Musikbetriebs. Ohne ihn klingt es nicht, aber vor das Publikum tritt er nicht und bekommt keinen Applaus. Viele Pianisten beschäftigen einen Klavierstimmer und -techniker ihres Vertrauens, dennoch wird er nicht namhaft. Es ist ein Beruf zwischen Handwerk, Wissenschaft und Kunst. Wissenschaft, weil die Temperierung eines Tasteninstruments eine komplexe mathematisch-physikalische Angelegenheit ist, Kunst, weil all das Gewusste dann eben doch mit Geschmack, Gefühl und Erfahrung umgesetzt werden muss.

Also ein Beruf, über den man sich durchaus musiktheatralische Gedanken machen kann, wie es der Schweizer Theatermacher Thom Luz im Apollo-Saal der Staatsoper Unter den Linden getan hat. „Werckmeister Harmonien“ heißt die Produktion und hat nichts mit dem nahezu gleichnamigen Film von Belà Tarr zu tun. Zwölf Klaviere stehen auf der Bühne und sollen von zwei Frauen und drei Männern gestimmt werden, zwischendurch fragt einer immer wieder, ob er das Publikum hereinlassen solle.

Aber diese Szenerie ist am Ende nicht wirklich wichtig, es entsteht durch sie kein Zeitdruck, keine „realistische“ Spannung. Denn das Interesse sammelt sich vor allem in einem Gedanken, den Luz im Programmheft formuliert: „Man hätte gern alles rein und ordentlich, aber diese Vorstellung passt nicht in die Wirklichkeit.“

Gianmarco Bresadola
Es stimmen und spielen mit: Samuel Streiff, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel, Mara Miribung und Annalisa Derossi (v.l.)

Andreas Werckmeister war ein Musiktheoretiker des Barock

Andreas Werckmeister, ein Musiktheoretiker des Barock, fundierte seine Theorie in der Astronomie – nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass im System der freien Künste die Musik zunächst der Astronomie untergeordnet war. Die Proportionen der Planetenbahnen – schon von Johannes Kepler in kurze Melodien transkribiert – sollten sich in den Intervall-Proportionen spiegeln. Aber dabei musste er diverse Kompromisse eingehen, weil sich die Natur den Idealen widersetzt.

Dass man alles gern rein und ordentlich hätte: Schon wenn zwei der Klavierstimmer aus ihrem Leben erzählen und eingestehen, dass dies natürlich nicht der Beruf war, den sie ursprünglich ergreifen wollten, ist das ein Beispiel für eine Vorstellung, die nicht in die Wirklichkeit passt. Und auch ein exzessiv gegenderter Redeteil, in dem die doppelten Artikel und Pronomen und das ständige „-innen“ den Inhalt des Gesprochenen vollkommen überwuchern und unverständlich machen, zeigt, wie ein Reinheitsideal scheitert. Schließlich schwingt sich einer zum polemisch-aggressiven Gestus politischer Rede auf: Stimmsysteme, die C-Dur rein darstellen, schüfen „marginalisierte“ Tonarten, und überhaupt: Jeder hätte andere Vorstellungen davon, was „rein“ sei.

Metaphorisch ist also das Thema Stimmung durchaus aktuell und hatte auch schon früher seinen allegorischen Sinn. Der Zusammenhang mit dem musikalischen Teil ist dabei eher assoziativ. Aber Annalisa Derossi, Mara Miribung, Daniele Pintaudi, Samuel Streiff und der musikalische Leiter Mathias Weibel laden ihn mit zuweilen bestrickener Poesie auf. Am Anfang wird auf einem Klavier, einer kleinen Orgel und auf einem Cembalo ein Ton ins Schweben gebracht und damit die Ohren des Publikums sensibilisiert. Daraus entsteht dann eine harmonische und rhythmische Struktur – wunderbar unauffällig und dennoch unwiderstehlich. Alle Darstellenden können Klavier spielen, singen, und zwei werden am Ende sogar Henry Purcells „Fantasia Upon One Note“ streichen, während die anderen singen. Auch die Glühbirnen geben Laute von sich.

„Werckmeister Harmonien“: Die kleinen Verzerrungen hätte man gern gehört

Warum es in dieser offenen Form dann allerdings nicht möglich gewesen sein soll, die Hörschule, die das Stimmen verschiedener Temperaturen mit sich bringt, weiter zu vertiefen, leuchtet nicht ein: Man hätte die „Kommas“, also die kleinen Verzerrungen, die eine auf reinen Quinten oder Terzen beruhende Stimmung für andere Intervalle bedeutet, gern auch einmal gehört. Auch, wie diese Abweichungen dann „temperiert“, also verteilt werden, sodass kein Intervall mehr rein ist. Oder in den gesungenen Motetten von Heinrich Schütz dann eben auch mal reine Intervalle. Aber sowohl die „Quarter-Tone Pieces“ von Charles Ives für gegeneinander verstimmte Klaviere als auch die Passage, in der drei gegeneinander verstimmte Klaviere direkt auf den Saiten zum Klingen gebracht werden, eröffnete dem Ohr ein geheimnisvolles und eigentlich noch immer von den Komponisten nicht ausgeschöpftes Reich klanglicher Möglichkeiten. „Werckmeister Harmonien“ ist ein offener, lustiger, reicher Abend zwischen allen Gattungs-Stühlen.

Werckmeister Harmonien 26., 29. Mai (22 Uhr) sowie 27., 28. Mai (15 Uhr), Karten und Informationen unter Tel.: 20354555 oder www.staatsoper-berlin.de