Wessis stöbern fasziniert im DDR-Amiga-Archiv: Der Sampler „hallo 22“ lohnt sich

In der DDR gab es Funk und Soul. Rapper Max Herre und der Produzent Dexter haben sich für eine Compilation durch alte Schätze des Plattenlabels Amiga gegraben.

Auf der neuen Amiga-Compilation dabei: Veronika Fischer und Holger Biege, hier im Juni 1979.
Auf der neuen Amiga-Compilation dabei: Veronika Fischer und Holger Biege, hier im Juni 1979.dpa-Zentralbild/Günter Gueffroy

Sie hätte es wissen können: Kutte war ja schon auf dem Standesamt angesoffen, und später findet er nachts berauscht nicht mal mehr allein den Weg zur Toilette. Aber ihn zu verlassen, das geht nicht mehr. Kutte würde sich sonst etwas antun. Angelika Mann besingt in ihrem Song „Kutte“ die toxische Beziehung mit einem Alkoholiker, der manipuliert, stalkt und stinkt. „Mit ihm wurd’ es schlimmer von Jahr zu Jahr / was hat der Mann mich schon gequält.“ Im Hintergrund dudelt ein Funk-Beat, Bläser-Sounds drängeln sich verspielt und viel zu fröhlich in den Vordergrund. Mann singt dazu in breitem Berliner Dialekt lakonisch von einer Geschichte, die zum Heulen ist, weil sie Abhängigkeitsverhältnisse in einer patriarchalen Gesellschaft so treffend spiegelt.

Auch wenn ihr Song inhaltlich an aktuelle Diskurse anknüpft, ist er schon 1979 erschienen. Auf Amiga, dem größten und einzigen Label für Popmusik in der DDR. Bis zu 20 Millionen Kassetten und Schallplatten produzierte das Label in seinen besten Jahren. Von Kinderliedern über Rockmusik bis hin zu einem ostdeutschen Entwurf von Funk und Soul. In diesem Jahr wird Amiga 75 Jahre alt. Und weil der Backkatalog weiterhin von Sony Music vermarktet wird, und weil es außerdem interessant ist, dass es auch in der DDR den Versuch gab, eine durchaus progressive Funk- und Soul-Tradition zu etablieren, erscheint nun eine Compilation mit dem etwas sperrigen Titel „hallo 22: DDR Funk & Soul von 1971–1981“. Darauf befindet sich auch der Song „Kutte“.

Kompiliert haben den Sampler der Rapper Max Herre aus Stuttgart und der Produzent Dexter aus Heilbronn. Zwei Musiker also, die in der BRD geboren und musikalisch sozialisiert wurden. Das ergibt durchaus Sinn. Denn beide graben sich seit Jahrzehnten durch den Amiga-Katalog, haben immer wieder Musik aus der DDR gesampelt und damit in einen Hip-Hop-Kontext gestellt.

Seine erste Begegnung mit Funk und Soul aus der DDR habe er auf einer Party in Stuttgart Ende der 90er-Jahre gehabt, erinnert sich Max Herre. Ein befreundeter DJ spielte neben Marvin Gaye und James Brown plötzlich auch „Es bleibt die Sonne“ vom Gerd-Michaelis-Chor oder Songs von Manfred Krug und Günther Fischer. Er, so erinnert Herre sich, habe dann schnell nachgefragt, was das gerade gewesen sei – da es so gut funktioniert habe. Nach seinem Umzug nach Berlin Anfang der 2000er stieg Max Herre endgültig in die Amiga-Welt ein. Er trieb sich auf Berliner Flohmärkten rum, die in dieser Zeit geflutet wurden mit den abertausenden Amiga-Platten, die in Ostberliner Kellern verstaubt waren.

Tote Winkel im gesamtdeutschen Pop-Kontext

Interessanterweise haben sonst vor allem Rapper aus Ostdeutschland wie MC Bomber oder die Pilskills aus Prenzlauer Berg (die den Exzess in Ostberliner Kneipen besingen) und der Leipziger Morlockk Dilemma Samples von auf Amiga veröffentlichten Songs genutzt. Vermutlich auch aus nostalgischen Gründen. Max Herre und Dexter wiederum nehmen die 18 Songs, die sie für die Compilation ausgewählt haben, viel zu ernst, um nostalgisch zu werden.

Die beiden haben sich indes mit Acts von der Compilation getroffen, um die Songs auf dem Sampler besser durchdringen zu können – unter anderem mit Günther Fischer (der die Musik für unzählige Defa-Filme produzierte) und mit der Sängerin Uschi Brünning. „Wir wollten“, sagt Max Herre, „einem toten Winkel in der deutschen Musiklandschaft Beachtung schenken.“ Der Sampler stellt die Musik aus dem toten Winkel nun in einen gesamtdeutschen Pop-Kontext, an dem sie sich messen muss – und auch kann. Trotz der schwierigen Bedingungen, unter denen vor allem Songtexte in der DDR entstanden sind.

Es gibt die Geschichte von den grünen und den weißen Elefanten. DDR-Künstler sollen bewusst provokative Inhalte in Songtexte eingebaut haben: die grünen Elefanten. Sie stachen so sehr ins Auge, dass die subtilere Kritik am Staat, der weiße Elefant, gar nicht wahrgenommen wurde. Denn jeder Song, der auf Amiga erschienen ist, wurde vorher von sogenannten Lektoren auf systemfeindliche Inhalte hin überprüft.

Waren Zeilen zu kritisch oder beschäftigten sich mit Themen, die die DDR-Führung nicht gerne hören wollte, mussten die Texte entweder verändert werden oder die Songs wurden nicht veröffentlicht. Auch wenn die Zensur bei Amiga weitaus weniger streng war als beim direkt dem Zentralkomitee der SED unterstellten staatlichen Rundfunk, waren das doch starke künstlerische Einschränkungen, mit denen die Songwriter:innen in der DDR wiederum spielten. Das ist auch der Grund dafür, dass die eigentlich als Mainstream-Pop angelegten Stücke auf „hallo 22“ gespickt sind mit surrealistischer Sprache und schönen Metaphern.

Pop war damals keine Männerdomäne

Wenn man der Repression etwas Positives abgewinnen möchte, dann also zumindest die dadurch entstandene poetische Sprache, die verglichen mit aktuellem Mainstream-Pop auf einem ganz anderen Niveau ist. Interessant ist natürlich die Frage, ob sich in Zeilen wie „Alle Wasser kühlen nicht die Sehnsucht nach dir / alle Wasser löschen nicht die Feuer in mir / scheinen Ufer noch so ferne / fern bis an den Rand der Sterne“ vom Ekkehard-Sander-Septett, in den verträumten Erzählungen von der nächtlichen Schönhauser Allee von Veronika Fischer oder in der Hommage an Angela Davis („Oh, Angela“ von der Uve-Schikora-Combo) ein weißer Elefant versteckt. Und interessant ist auch, dass auf dem von Herre und Dexter kompilierten Sampler das Verhältnis zwischen Künstlern und Künstlerinnen ausgeglichen ist. Das sei, sagt Max Herre, eine bewusste Entscheidung gewesen, und es zeigt, dass es möglich ist und auch schon in den 70er-Jahren möglich war, Pop als Männerdomäne zu durchbrechen.

Damit sind wir wieder bei „Kutte“ von Angelika Mann angelangt. Es stellt sich die Frage, ob ein Song, in dem eine Frau so deutlich ihren suchtkranken Abuser thematisiert, heute im Mainstream-Pop überhaupt möglich wäre, so zwischen Mark Forster und Helene Fischer. Vermutlich nicht. Gerade wegen solcher Erkenntnisse ist „hallo 22“ ein wichtiges und vor allem ein zeitgemäßes Projekt. Ganz ohne lästige Ostalgie.

hallo 22 (Amiga/Sony Music)