Berlin - Die Zeit der Videointerviews geht ihrem Ende entgegen, und jetzt können wir zugeben: Es war nicht leicht. Auch diesmal nicht. Mal hörte Maximilian Lenz nur uns, mal wir nur ihn, mal war er vom Bildschirm verschwunden, einmal waren wir kurz davor ganz abzubrechen. Aber dann sprachen wir doch über frühen Punk, Berlinspaziergänge mit der Pacer-App und deren Zusammenhang mit seinem neuen Album sowie die Zukunft des Nachtlebens.

Herr Lenz, wie geht es Ihnen?

Ich weiß gar nicht, ob ich das zugeben darf, aber ich bin eine heitere Frohnatur und denke bei allem, was geschieht: Ach, wie toll. Einer neuen Situation wohnt immer ein Zauber inne. Man kann aus allem was machen. Neulich habe ich bei „Aspekte“ ein Interview gegeben, in dem ich auch alles lobte. Und da wurde ich von Kollegen aus dem Nachtleben beschimpft: Ich wäre so ein saturiertes Schwein und hätte gar kein Mitleid für die Not, die entstanden ist. Aber darum ging es mir nicht. Mir fiel nur auf, dass ich die letzten 35 Jahre in dieser DJ-Mühle drin war. Ich habe 35 Jahre lang jeden Samstag aufgelegt.

Jedes Wochenende?

Ja. Und wenn Leute prüfen wollen: Ist der überhaupt noch hip, geht der noch tanzen und so, dann sage ich: Leute, ich habe mir einen Vorsprung rausgearbeitet. In den 80ern habe ich Freitag und Samstag im Metropol aufgelegt und von Dienstag bis Donnerstag bin ich in den Dschungel gegangen. Das heißt, ich war fünf, sechs, sieben Tage im Nachtleben unterwegs. In den 90ern waren es noch drei bis vier Tage, aber das war auch anstrengender. Wie heißt es bei Fat Boy Slim: Eat, sleep, rave, repeat.

Aber trotzdem: Zauber der neuen Situation?

Ja! Man kann sich natürlich ärgern, wenn man aus einer Routine herausgezwungen wird. Aber es gibt ja auch Leute, die sagen: Ich nehme jetzt mal ein Sabbatical. Auf so einen Scheiß komm ich nicht. Ich verstehe mich schon auch als Künstler, und der Künstler nimmt keine Auszeit. Aber jetzt sehe ich mich hier selbst … (rüttelt am Laptop, greift zur Kamera)

Hanna Beeskow
Hoch die Hände: Westbam legt seit 35 Jahren auf.

Wir sehen uns alle selbst gerade …

Ich sehe jetzt leider in mein verkommenes Gesicht. Bei Thomas Bernhard gibt es in seinem Buch „Holzfällen“ eine Szene, da trifft er Freunde von früher. Und er ist so angewidert von diesen Menschen, dass er sich abwenden und übergeben möchte. Dann ist da ein Spiegel, und er schaut in sein eigenes verkommenes Gesicht. Eine wunderbare Szene.

Gucken Sie denn nie in den Spiegel?

Doch, doch. Kommt vor. Gerade beim Zähneputzen.

Zurück zum Zauber: Der liegt also darin, dass Sie derzeit eine Pause haben?

Genau. Mein Set liegt im Dornröschenschlaf. Ich habe es auch nicht weiterentwickelt. Ich habe an meinem neuen Album gearbeitet, das kann ich auch sehr gut allein. Ich habe die romantische Vorstellung, dass ein Album zum Individuum spricht, das in eine bestimmte Musikwelt entführt werden möchte. Als DJ aufzulegen ist dagegen für mich der ultimative soziale Vorgang. Ich bin ja ansonsten eine relativ asoziale Existenz.

Aha.

Das DJ-Pult ist der perfekte Platz für mich. Ich stehe allein und kann mit allen kommunizieren. Dass sich jemand zu Hause ein Dancemix macht, ist für mich ein Rätsel. Mein DJ-Ding ist eingefroren. Einen Gig werde ich erst dann haben, wenn ich die Impfung habe.

Wann werden Sie denn geimpft?

Das weiß ich nicht. Ich bin keine 60 und nicht weiter krank, war also nicht priorisiert. Nun ist ja die Priorisierung aufgehoben, aber jetzt kommen erstmal die 30 Millionen Leute, die dieses Jahr nach Malle wollen. Mich mit denen rumzuschlagen – dazu fehlt mir die Lust und vielleicht auch die Kraft.

Ihr neues Album trägt den Titel „Famous Last Songs“. Das klingt ja so …

Final?

Ja, als würden Sie aufhören wollen.

Als ich heute Morgen aufgestanden bin, habe ich mich gefragt: Max, was kannst du eigentlich erzählen? Und ich dachte: Max, erzähl nicht zu viel über den Albumtitel. Natürlich habe ich mir was dabei gedacht. Es ist mir einfach aufgefallen, dass viele DJ-Kollegen meine Lieder am Schluss auflegen.

Als Rausschmeißer?

Das letzte Lied ist nichts Schlechtes. Das nimmt man ja mit nach Hause. Und es heißt ja auch „Famous Last Songs Vol. 1“.

Hanna Beeskow
Zur Person

Westbam kam als Maximilian Lenz am 4. März 1965 in Münster, Westfalen zur Welt. Mit der Musik kam er zuerst durch die Punk-Szene in Berührung, gründete mehrere Bands und auch ein Fanzine. Um 1983 begann er dann als DJ, war später mit DAF auf Europa-Tour und veranstaltete 1991 in Berlin-Weißensee erstmals das Festival Mayday, nachdem er zuvor bereits regelmäßig auf der Loveparade und rund um den Globus spielte. Bis heute hat er mehrere Schriften und Alben veröffentlicht. Seine neuste Platte heißt „Famous Last Songs Vol. 1“.

Jetzt sind Sie plötzlich schwer zu verstehen. Wo ist denn Ihr Mikrofon?

Das weiß ich auch nicht. Näher rangehen hilft vielleicht. (geht mit dem Mund an die Kamera) Hier, da? (Dreht eine Papiertüte, durch die er spricht, wie durch einen Lautsprecher)

Ja, so versteht man Sie besser.

Bei der letzten Untersuchung hieß es noch, ich hätte keinen Hörschaden. Mein Großvater war Architekt und hat eigentlich immer in der Stille gelebt. Aber mit 70 brauchte er ein Hörgerät. Und wenn ich dann mit 14 Punkrock gehört habe, sagte er: Mein Junge, mach doch nicht so laut, du wirst schwerhörig.

Das haben alle Eltern gesagt.

Meine Eltern nicht, die waren ja antiautoritär.

Ihr neues Album klingt interessanterweise von den Achtzigern inspiriert.

Lustig, dass Sie das sagen. Ist es so Achtziger? Es sind natürlich ein paar Stimmen aus dieser Zeit drauf, und die Achtziger sind die Gründungszeit der elektronischen Musik. Alles ist irgendwo das Ding dieser großartigen Zeit.

Entstanden ist Ihre Musik in Berlin, wofür Sie die Stadt auch erkundet haben. Wie haben Sie die wahrgenommen?

Der gebürtige Berliner ist ja ein Kiezler, der kennt nur seinen Stadtteil. Wenn die mal woanders hin müssen, sind die völlig lost. Ich bin Wahl-Berliner, aber quasi alt-zugereist. Mit 15 bin ich das erste Mal nach West-Berlin getrampt und hab gleich gedacht: genau meine Sorte Stadt. Das denke ich bis heute. Und ich dachte, ich kenn mich aus. Jetzt bin mit meiner Pacer-App durch Berlin gelaufen – jeden Tag zehn Kilometer – teilweise auch mit den Öffentlichen raus nach Reinickendorf oder Steglitz, nach Marzahn, Lichtenberg und so. All diese Orte, wo man nie hinkommt. Das hatte Einfluss auf das Album. Elektronische Musik produzieren, das bedeutet immer wieder zu hören: einen Track dazu, einen weglassen, einen Mix verändern, Reihenfolge verändern, Arrangement verändern, Kopfhörer auf, loslaufen. Und Berlin ist auch wirklich meine musikalische Heimat und das Weltzentrum dieser Kultur.

Hanna Beeskow
Für sein neues Album hat Westbam Berlin erkundet.

Wie meinen Sie das?

Ich bin als Punkrocker von Münster, wo es zwei Punks gab, nach Berlin getrampt, wo es eine ganze Szene gab. Ich hab in besetzten Häusern gelebt, bin auf Konzerte gegangen. Als Schüler, als heterosexueller Teenie, bin ich in die homosexuelle Dance-Welt reingestolpert. Das war das totale Aha-Erlebnis. Da gab es eine von der Außenwelt nicht beachtete Welt von jungen Männern, die die ganze Nacht zu diesem einen Beat tanzten. So etwas gab es zu diesem Zeitpunkt nicht in München, nicht in Hamburg, nicht in Stuttgart. Das gab es auch in der Hetero-Welt nicht. Das gab es nur in Berlin, und ich bin da immer hingepilgert. Bald kamen auch Berliner Vorstadtkids. Die fanden das auch toll. 1987 bei „Die Macht der Nacht“ fing ich dann an, diese ganzen Houseplatten zu spielen. Da haben das Tausende gefeiert, obwohl es noch gar keine House-Szene gab. Es ging nicht mit Acid los, sondern mit der schwulen Tanzszene.

Sie haben vorhin von einem Dornröschenschlaf gesprochen. Schläft das Nachtleben oder ist das sein Untergang?

Das ist der Dornröschenschlaf. Die Leute haben hier ja immer einen Alarmismus: Jetzt gehen alle Strukturen kaputt, der Staat muss uns helfen, das arme Nachtleben. Ich hatte gerade mit Dr. Motte eine Diskussion dazu, der ja für einen Wohlfahrtsstaat ist. Ich finde auch, dass der Staat helfen soll. Aber ich finde es abartig, wenn man sagt, unsere Kultur kann nur so stattfinden. Das kenne ich anders. Ich weiß, wie das losging. Und es war nicht in einer riesen Disco. Das war in einem kleinen schwarzen Raum mit vier Boxen, einer Nebelmaschine und zwei Plattenspielern. Und ich weiß: Wenn das Nachtleben zurückkommt, wird es größer sein als jemals zuvor.

Was macht Sie so sicher?

Der Wunsch ist da. Man sieht doch, wie die Leute irgendwo auf einer Bank zusammenhocken, sobald ein bisschen Sonnenschein ist. Menschen lieben Menschen. Die erleben sich nicht für sich allein, sondern im Zusammensein, im Spiegel der anderen, in der Reflektion. Das gilt auch für mich als Künstler. Im Zusammenspiel mit Menschen habe ich gemerkt, wer ich bin.

In Berlin haben Sie aber lange nicht mehr aufgelegt, oder?

Berlin ist die Stadt, in der ich am meisten aufgelegt habe! Über die letzten Jahre mindestens vier, fünf Mal im Jahr. Für einen DJ, der durch die Gegend reist, ist das ein Rekord. Die letzte Party, die ich gespielt habe, war meine Geburtstagsparty. Da ist auch das Video zu „Sky Is The Limit“ entstanden.

Wo war das?

Im Orwo-Haus mit all diesen netten Kids. Die Berlin-Mitte Neu-Berliner-Szene interessiert mich viel weniger als diese ganz normalen Berliner Straßenkinder. Das sind genau die Leute, für die ich spielen möchte.

Das Berliner Nachtleben hat sich in den letzten zehn Jahren sehr verändert. 80 Prozent des Publikums spricht heute Englisch, erzählte uns Dimitri Hegemann neulich. Wie sehen Sie das?

Ich möchte das jetzt gar nicht dissen. Berlin ist eine Stadt, wo immer wieder etwas Neues passiert. Um trotzdem nochmal zurück zum Orwo-Haus zu kommen, mit diesen Berliner Kids aus Lichtenberg, Marzahn oder aus Reinickendorf. Das kann man mit dem New Yorker Nachtleben vergleichen, das haben auch Kids aus New Jersey erschaffen. Das ist auch das, was mir an diesem ganzen Ibizascheiß nicht gefällt, diese überfütterte, super geschmackssichere Szene mit ihren besten DJs und ihren Zitronencrèmebällchen obendrauf. Aber Housemusik kommt aus dem Warehouse in Chicago. Es war die Musik der Bedrückten. Wenn du schwul und schwarz bist in den Staaten, dann gehörst du zu denen, die von allen draufkriegen. Diese Menschen treffen sich irgendwo und feiern. Darf ich sagen: die Mühseligen und Beladenen. Das gilt übrigens auch für die Kids in Stettin, für die ich auflege. Oder in St. Petersburg. Die haben nicht die große Asche. Aber die sind für mich der Motor der Popmusik.

Also werden die Kids aus Reinickendorf und Marzahn das Berliner Nachtleben wiederbeleben?

Ja, aber die Touristen auch. Wie heißt dieser Dingsbums zum Fliegen noch gleich?

Easyjet?

Ja, Easyjet. Die bringen die Techno-Touristen, und die gehen ins Berghain, ins Watergate und in all die anderen Läden, die in den Touristenführern stehen. Die sind auch gar nicht schlecht. Es gibt dieses Easyjet-Techno-Berlin, und ich möchte das auch gar nicht beschimpfen. Aber Berlin war mal dieser verlassene, von der Welt vergessene und von der Welt abgewandte Ort, den es gar nicht interessiert, hip zu sein. Das hab ich geliebt. Aber ich habe auch bis heute immer wieder Aha-Erlebnisse. Da kommst du nach Neukölln, oben ist eine Kebap-Bude, und du kletterst mit einer Strickleiter runter in den Keller, stehst mit 80 Leuten in einem Gewölbe, und ein Transvestit spielt einen komischen French House, Acid Techno, den du noch nie gehört hast. Und du denkst: Ja, das gibt es immer noch.

Westbam: „Famous Last Songs Vol. 1“ (Embassy of Music /Tonpool) erscheint am 25. Juni.