Wiederholung und Reduktion: Der Berliner Musiker Manuel Göttsching ist tot

Er war Wegbereiter der elektronischen Tanzmusik. Sein berühmtes Stück „E2-E4“ besteht aus zwei Akkorden und ganz viel Freiraum. 2006 spielte er es im Berghain.

Manuel Göttsching (1952–2022)
Manuel Göttsching (1952–2022)ullstein bild/Thielker

Sein ganzes Leben lang hat sich der Berliner Musiker Manuel Göttsching mit Wiederholungen beschäftigt. Mit der Krautrock-Band Ash Ra Tempel, die er Anfang der 1970er-Jahre mit Klaus Schulze und Hartmut Enke gründete – er war der Gitarrist –, experimentierten sie dabei mit Echogeräten. Aber vor allem spielten sie die Loops sozusagen mit der Hand. Die Stücke waren ewig lang. Bis zu drei Stunden, und das in den Hochzeiten der Single mit den Drei-Minuten-Stücken. Es war ihnen egal. Immer wieder dasselbe zu spielen, könne sehr meditativ und beruhigend sein, sagte Göttsching in einem Interview. Auch von einer Konzentrationsübung sprach er.

Der 1952 in Berlin geborene Göttsching hatte klassisches Gitarrenspiel gelernt, bevor er sich mit seinen Bandkollegen in dem Wilmersdorfer Studio in der Pfalzburger Straße traf. So kam er in die Kreise, die später als „Berliner Schule für elektronische Musik“ bekannt geworden sind – weit über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus.

Im Jahr 1974 nahm Manuel Göttsching sein erstes Soloalbum auf: „Inventions für Electric Guitar“. Das Musikstück, das nicht unbedingt ihn berühmt gemacht hat, aber doch berühmt geworden ist, entstand an einem Nachmittag im Dezember 1981: „E2-E4“, benannt nach einem Standarderöffnungszug im Schach. Göttsching hatte vor seiner Karriere als Musiker viel Schach gespielt. Die erste Hälfte ist komplett elektronisch, nach einer halben Stunde kommt seine Gitarre dazu, ein Gänsehaut-Moment.

Larry Levan spielte Göttschings „E2-E4“ in der Paradise Garage in New York

Das 60 Minuten lange Stück beruht auf zwei Akkorden. An eine Veröffentlichung dachte er zunächst nicht. Jahrelang lag es herum, aber auch, als es dann veröffentlicht war, interessierte es zunächst kaum jemanden. Der New Yorker DJ und Produzent Larry Levan spielte das Stück dann aber regelmäßig in der Paradise Garage, und er wünschte sich sogar, dass es auf seiner Beerdigung gespielt würde, was auch geschah. Der Clubhit „Sueno Latino“ von der gleichnamigen House-Band, der 1989 herauskam, ist praktisch eine Coverversion von „E2-E4“, das von Göttsching nie als Tanzstück gedacht gewesen war.

So wurde Göttsching schließlich als Wegbereiter der elektronischen Tanzmusik wahrgenommen, auch wenn das gar nicht unbedingt seinem Selbstverständnis entsprach. Aber als es 2006 darum ging, das „E2-E4“ im Berliner Berghain aufzuführen, sagte er zu.

Eine Stunde, zwei Akkorde. Man könnte denken, in dem Stück passiere nicht viel, es sei monoton. Aber das stimmt nicht. Einmal werden diese beiden Akkorde endlos variiert, aber am wichtigsten ist vielleicht der Freiraum, den diese maximale Beschränkung bietet. „Wenn man zu viel sagen will, kommt nichts richtig zum Ausdruck“, sagte Manuel Göttsching.

Manuel Göttsching ist bereits am 4. Dezember in Berlin gestorben, wie es am Montag auf seiner Webseite ashra.com bekannt gegeben wurde. Er wurde 70 Jahre alt.