Wir poppen in einer politischen Welt: Das Festival Pop-Kultur ist gestartet

Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Kultursenator Klaus Lederer verurteilen den durch den BDS initiierten Boykott. Im Zentrum stand aber das Feiern des Pop.

Die pakistanische Grammy-Preisträgerin Arooj Aftab spielte auch beim Pop-Kultur-Festival.
Die pakistanische Grammy-Preisträgerin Arooj Aftab spielte auch beim Pop-Kultur-Festival.imago/Gonzales Photo

Wir sind keine Avatare mehr. So viel ist klar, als 21 Downbeat vom Theater RambaZamba das Festival Pop-Kultur im Palais eröffnen mit ihren perkussiven Grooves. Wir sind keine Couchkartoffeln mehr, die (wie etwa bei der 2021er pandemischen Ausgabe des Berliner CTM-Festivals) als Computerspielfiguren durch digitale Klanggebirge stiefeln. Sondern wir sind live auf dem Gelände der Kulturbrauerei, das eigens rollstuhlfit gemacht wurde mit schnittigen Rollwegen übers Kopfsteinpflaster hinweg. 2020 fand das Pop-Kultur-Festival ausschließlich digital statt; 2021 zwar wieder vor Ort, aber doch mit Einschränkungen: Maskenpflicht und Sicherheitsabstandsitzreihen. Jetzt im Spätsommer 2022 also wieder: Showbiz wie früher.

BDS-Boykott beim Festival Pop-Kultur

Wobei auch etwas anderes an früher erinnert: Wie schon 2017, 2018 und 2019 wird das Festival boykottiert von ein paar Acts, die eigentlich gebucht waren. Lafawndah, Alewya und Franky Gogo haben an den beiden Tagen vor Festivalstart kurzfristig abgesagt – mit Verweis auf die Boykott-Kampagne des BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“), einer politischen Bewegung, in der Kritiker:innen der israelischen Politik und antisemitische Stimmen zusammenfinden. Die Tatsache, dass ein Projekt auf dem diesjährigen Pop-Kultur-Festival mit 5000 Euro von der israelischen Botschaft gefördert wird, ist für den BDS Anlass genug, den Boykott des Festivals zu fordern. In vorherigen Jahren war zu erfahren, dass sie dabei wohl auch Künstler:innen dazu drängen, abzusagen.

„She's sooo punk“, schwärmen Expats im Palais, als Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) bei ihrer Eröffnungsrede im Palais passioniert vom subversiven Spirit des Pop schwärmt. Doch dann schlägt die beherzte Tonlage der Ministerin in Groll um: „Wer boykottiert, beendet jeden Dialog; und beendet jede Auseinandersetzung. Autoritären Druck, wie ihn BDS immer wieder gegen alle richtet, die ihre Ansichten nicht teilen, werden wir nicht tolerieren.“ Großer Applaus im Palais. „Wer den Dialog verweigert, wird nicht dazu gezwungen. Er muss sich dann allerdings damit abfinden, nicht gehört zu werden.“

Die Debatte stellt den Pop nicht in den Schatten

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte die Boykott-Kampagne bereits am Mittwochnachmittag auf Twitter als „widerlich“ bezeichnet. Unter dem „sehr dünnen Deckmantel der Kritik an der Politik des Staates Israel“ würden durch den BDS „massiv antisemitische Denk- und Deutungsmuster bedient“.

Gut, dass die politische Debatte die Acts bei Pop-Kultur nicht in den Schatten stellt; denn tatsächlich ist Pop-Kultur eines der am besten programmierten Festivals des Landes – das auch Leute auf die Bühne hebt, die bei den großen kommerziellen Festivals meist unsichtbar bleiben: Neben den schon erwähnten 21 Downbeat, bei denen Menschen mit und ohne Behinderung zusammenfinden, glänzen am ersten Abend besonders die gegen Hass empowernde Kreuzberger Rapperin Wa22ermann und der queere New Yorker R&B-Sänger Tama Gucci.

Der in New York lebende Musiker und Performer Tama Gucci.
Der in New York lebende Musiker und Performer Tama Gucci.Tama Gucci

Beide performen in der sogenannten Çaystube, einer gemütlich hellhölzern überdachten Freilichtbühne. Im RambaZamba-Theater bringt der neuköllnische Kanadier Sean Nicholas Savage hinter einer Bestienmaske (und mitunter auch als Schattenriss hinter einer blau beleuchteten Leinwand) sein pychothrillerndes Ein-Mann-Mystery-Musical „The Fear“ gleich drei Mal zur Aufführung.

Gefühlt alle wollen im Palais die Soulstimme der ersten pakistanischen Grammy-Gewinnerin Arooj Aftab erleben, deren Gitarrist dem Klang nach mindestens vier Hände haben müsste. Die Schlange vor dem Palais macht derweil der des Berghain Konkurrenz. Manche, die nicht länger warten wollen, schweifen ab zur Çaystube – wo inzwischen Karaoke als performative Installation gefeiert wird. Ein paar Mädchen singen begeistert Beyoncé. Pop ist ein Fest. Und dieses hat gerade erst begonnen.