„Der Name von Englands bester Band lautet Wolf Alice“, titelte letzte Woche das Magazin der britischen Tageszeitung Evening Standard. Ein überraschendes Prädikat für eine Gruppe, die gerade erst ihr drittes Album veröffentlicht hat. Allerdings ist der vierköpfigen Rockformation um die Sängerin Ellie Rowsell mit „Blue Weekend“ ein wirklich umwerfendes Werk gelungen.

Mit ratternden Gitarren steigen sie in den ersten Titel „The Beach“ ein, zu dem Rowsell mit ihrer glasklaren Stimme etwas abgehackt singt, nein, eher hüpft: „When – will – we – three - meet – again?“ Die Hexenszene aus Shakespeares „Macbeth“. Ja, wann werden wir uns wieder sehen? Die Soundkulisse erinnert an eine Zugfahrt mit offenem Fenster, während Rowsell darüber sinniert, wie sie auch ohne ihre Freunde noch jedes Wochenende etwas trinken kann und vor Treffen eigentlich Angst hat. Der Track wird schneller, mehrere Stimmen versammeln sich im Refrain – von Kopf bis Brust, der Klang wirkt plötzlich leicht verwaschen, eine Art Hupen ist fernab der Gleise zu hören. Dann Stille. Gänsehaut. Und das bereits nach 160 Sekunden. 

Jordan Hemmingway
Wolf Alice brachten 2015 ihr Debütalbum raus, ihre neuste Platte heißt „Blue Weekend“.

Preis für das beste britische Musikalbum

Mit ihrem Debütalbum „My Love Is Cool“ aus dem Jahr 2015 hatten Wolf Alice schon für Aufsehen gesorgt. Damals wurde ihr mit Grunge und Pop getränkter Rocksound mit Bands wie Sonic Youth verglichen, der Sprung zu einer Grammy-Nominierung gelang sogleich. 2018 erhielten sie für ihre zweite Platte „Visions of a Life“, die Anleihen aus Alternative und Synthpop aufweist, den Mercury Prize, Englands renommierte Trophäe für das beste britische Musikalbum.

Nach etlichen Auftritten, unter anderem auf dem Lollapalooza in Berlin, zog sich die Band dann in eine umgebaute Kirche zurück, um mit der Arbeit an neuen Songs zu beginnen. Unterstützt von Markus Dravs, der schon Florence + The Machine, Acarde Fire und Björk produzierte, feilten sie an einem vielschichtigeren und atmosphärischeren Klang. In Liedern wie „The Beach“ und der Ballade „How Can I Make It OK“ glaubt man tatsächlich, das Pathetische von Florence Welch zu hören. Die stimmliche Entwicklung, die ebenfalls in Richtung Welch zielt, ist beachtlich, ebenso, wie gekonnt die Band ihre vergangenen und gegenwärtigen Einflüsse in die Musik mischt. Die elf Lieder über menschliche Beziehungen bekommen so glaubwürdige Tiefe.

Auf dem Cover des Evening-Standard-Magazins ist in der Titelzeile ein „noch“ in Klammern zu sehen. Vermutlich spielt die Redaktion auf den gewonnenen Mercury Prize an und suggeriert bereits den nächsten. Eine weitere Auszeichnung hätten Wolfe Alice für dieses Album jedenfalls verdient.

Wolf Alice: „Blue Weekend“ (Dirty Hit Records)