Zwischen Identitätspolitik und Komfortzone: Neue Intendanz in der Komischen Oper

Susanne Moser und Philipp Bröking übernehmen die Intendanz der Komischen Oper von Barrie Kosky. Diese eröffnet mit Luigi Nonos „Intolleranza 1960“.

Eiswüste in der Komischen Oper: Szene aus Nonos „Intolleranza 1960“.
Eiswüste in der Komischen Oper: Szene aus Nonos „Intolleranza 1960“.Barbara Braun

Die neue Intendanz der Komischen Oper, aufgeteilt auf Susanne Moser und Philipp Bröking, gestaltet mit ihrer ersten Premiere gleich das ganze Opernhaus um. Schon im Foyer umfängt den Besucher am Freitag eine kalte, düstere Beleuchtung. Den Saal erkennt man nicht wieder: Statt Parkett eine schneebedeckte Spielfläche, alle Balkone sind mit weißem Tuch verkleidet, ringsum weißes Plastikgestühl, auf der Bühne eine Tribüne, die vorn sitzenden Besucher werden mit weißen Capes behängt, damit sie zur Schneelandschaft passen. Das Orchester der Komischen Oper samt einem Teil des durch das Vocal-Consort Berlin verstärkten Chors des Hauses ist im zweiten Rang untergebracht.

Caspar David Friedrichs „Gescheiterte Hoffnung“ mag das Vorbild dieses immersiven Arrangements sein: Es ist ein vielsagender Rahmen für Luigi Nonos „Intolleranza 1960“. Nono fand zwar eine Welt voller Gewalt und Unterdrückung vor, aber hätte er keine Hoffnung gehabt, hätte er seine Musik kaum geschrieben, im Gegenteil, das Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens verstand sie als Mittel im Klassenkampf.

Ein goldenes Zeitalter der Kunst

Erst mal tief Luft holen. Die erbittert ernsten Auseinandersetzungen um die neue Musik in den Fünfzigerjahren scheinen auf eine Goldene Zeit der Kunst zu deuten, denn offenbar ging es damals noch um etwas. Während zum einen die enorme Behaglichkeit jener Jahre heute unsere nostalgischen Begehrlichkeiten weckt, versuchte andererseits die Kunst den Bürger aus dem Wirtschaftswunder-Schlaf zu rütteln. Aber noch diese Spannung scheint im Vergleich zu unserer durchinformierten Müdigkeit als eine Form von Leben, gegen das gehalten der eingefahrene Betrieb unserer Häuser reichlich untot vor sich hin west. Dass Kunst einmal etwas anderes gewesen sein soll als Konsum, klingt heute beinahe drollig. „Intolleranza 1960“ brachte zur Uraufführung 1961 in Venedig das Publikum gegen sich auf, heute wird die Produktion einhellig bejubelt. Soll man daran den Fortschritt ermessen?

Nono verlangte, dass jede neue Produktion sich mit den Konflikten ihrer Gegenwart befasst, so wie er selbst den Algerienkrieg thematisierte. Die Komische Oper bat Carolin Emcke um einen Text, der von Ilse Ritter als „Engel der Geschichte“ vorgetragen wurde. Und wovon spricht die vielfach ausgezeichnete Kriegsberichterstatterin? Von der körperlichen Erfahrung von Flucht und Krieg und von der Würde von Menschen, die auf „ihre eigene Art glauben, beten, begehren“.

Dieses Ausweichen vor den manifesten Verhängnissen unserer Zeit in die konsensuelle Komfortzone der Identitätspolitik prägt die gesamte Produktion. Der Regisseur Marco Štormann wird nirgends konkret. Das Stück handelt von einem Arbeitsmigranten, der wegen der Bedingungen im Bergwerk wieder in seine Heimat zurückgehen will, auf dem Weg gefangen genommen und gefoltert wird und zu Hause erleben muss, wie ein Hochwasser die Ernte vernichtet. Nono erzählt das, angeregt von den Dramaturgien Majakowskis, Piscators und Brechts, in Stationen, er stellt den „Emigrante“ nicht als Charakter, sondern als Repräsentanten vor. Nichts von diesen Stationen wird sichtbar, die Eiswüste bleibt Metapher ohne konkrete Bedeutung für das Spiel der Figuren. Die Tendenz zum Oratorium wird trotz der beweglichen Chöre vollstreckt.

Gewaltdarstellung nimmt Züge eines Genussmittels an

Aber vielleicht ist das Stück auch schon wieder zu aktuell und eine Konkretisierung seiner Handlung banal? Und vielleicht liegt die Produktion selbst auf dem Weg, den „Intolleranza 1960“ selbst eingeschlagen hat, den einer Entpolitisierung des Theaters – so widersprüchlich das auch klingen mag.

Denn ob der politische Inhalt zugleich einen politischen Gehalt impliziert, ist keineswegs sicher. Man muss dazu nicht jene Diskussion aufwärmen, die eine allzu selbstbewusste Avantgarde gegen Nono führte, indem sie behauptete, dass nur das autonome Komponieren gesellschaftskritisch wirken könne, während „Intolleranza 1960“, mit den Worten seines Schülers Helmut Lachenmann, einen „fäusteballenden und rhetorisch herumfuchtelnden Nono“ zeige. Tatsächlich hat noch jede künstlerische Gewaltdarstellung irgendwann die Züge eines Genussmittels angenommen. Und so sind auch Nonos Katastrophenklänge, so wenig sie auch illustrativ gedacht sind, 60 Jahre nach ihrer Entstehung zu einem Sound geworden, bei dem es einen wohlig gruselt.

Dieser Sound ist unter Gabriel Feltz’ Leitung in besten Händen, überhaupt lässt die Aufführung musikalisch keine Wünsche offen: Nonos Abstraktionen zwischen Blechbläser-Schichtungen und Schlagzeug-Attacken sind expressiv reich gestuft und beeindrucken auch durch kahle Zartheiten wie in den von David Cavelius schier unfassbar sauber einstudierten Chören, die das Werk eröffnen und beenden.

Sean Panikkar zeigt sich als Emigrante mit schneidendem und lyrischem Tenor den Zumutungen der Partie mehr als gewachsen – dass er unter seinen darstellerischen Möglichkeiten bleibt, hat die Regie zu verantworten. Sie schafft keine Beziehungen zwischen den Figuren, nur Tom Erik Lie als Algerier wird mit ebenfalls souverän präsenter Erscheinung zum Schicksalsgenossen im Konzentrationslager.

Die Spielzeiteröffnung ist markant gedacht, auch wenn sie den Traditionen des Vorgängers Barrie Kosky folgt, der von „Moses und Aron“ bis zu den „Soldaten“ immer wieder die großen Werke der Moderne angesetzt hatte. Das Haus kann das alles leisten. Aber die Zeit zurückdrehen und der „engagierten Kunst“ der Vergangenheit ihre Kraft zurückzugeben, das vermag es nicht.