In Symphoniekonzerten kommt seit einigen Jahren bevorzugt ein Typus zeitgenössischer Musik zur Aufführung, der auf bequeme Wahrnehmbarkeit setzt. Gefällige Klangfassaden oder anspielungsreiche Romantizismen bilden den stilistischen Rahmen. Der estnische Komponist Erkki-Sven Tüür hat mit „Lux Stellarum“ – „Sternenlicht“ – ein Flötenkonzert geschrieben, das ganz sicher nicht an die Romantik anspielt und auch nicht ohne weiteres gefällig zu nennen ist.

Am Donnerstag wurde es von den Berliner Philharmonikern unter Paavo Järvi uraufgeführt. Tüür war immer ein Komponist, der zwar auch tonale Mittel einsetzte, sie aber immer in einen komplex strukturierten Zusammenhang setzte, anders als sein Landsmann, der wenig komplexe Arvo Pärt oder der romantizistische Lette Peteris Vasks: Das Spannungsniveau war bei Tüür deutlich höher.

„Lux Stellarum“ indes strebt stärker nach einem Stil. Das heißt vor allem, dass Tüür größere sprachliche Differenzen unterdrückt. Zwar gibt es hier und da Akkordflächen mit wummernden Bässen, aber deren tonales Potenzial wird nicht realisiert. Es herrscht der Eindruck einer überdrehten Beweglichkeit, der etwa die Grenzen zwischen erstem und zweitem Satz verwischt: Man bemerkt irgendwann, dass die klanglichen Abbauprozesse des Beginns sich an schweren orchestralen Kontrasten reiben, dass das anfängliche Verglitzern hoher Klänge sich zu dichteren Klangbändern fügt.

Die globale kompositorische Perspektive, in der einzelne Töne nicht viel gelten, setzt sich auch im langsamen Satz fort und versagt ihm Prägnanz. Wie überhaupt die astronomischen Vorstellungen, wie sie in Satztiteln wie „Tanzende Asteroiden“ oder „Flutende Galaxien“ zum Ausdruck kommen, Tüür keine gerade neue Instrumentalrhetorik für das Solo-Instrument eingegeben haben: Die Flöte ist in der neuen Musik eines der bevorzugten bis berüchtigten Instrumente für solistische Musik geworden; es hat sich eine stereotype Virtuosität entwickelt mit großen Intervallsprüngen, raschen Figurationen und drastischen Lagenwechseln.

Unerschöpflich kraftvoll, aber spröde

Dem Solisten und Widmungsträger Emanuel Pahud sind diese Tricks natürlich sämtlich bekannt, er meistert sie souverän und zugleich engagiert, sein Ton ist über die halbe Stunde Dauer unerschöpflich kraftvoll, seine Rhetorik energiegeladen. Problematisch ist indes, dass dieser Flötenpart immer alles aufbietet und also wenig Abstufungen kennt. „Lux Stellarum“ erscheint so als sehr ernsthaftes Stück, aber trotz aller klanglichen Vielfalt durchaus spröde.

Eine von Järvi durchaus eigensinnig gesteuerte, aber im orchestralen Zusammenspiel ziemlich holzige Achte Symphonie von Beethoven bildete den Abschluss eines Konzerts, das mit Sibelius’ Siebenter verheißungsvoll begonnen hatte: Järvi zeichnete die organische Form ebenso nach, wie er die seltsam versickernden heroischen Gesten zur Geltung brachte. Trotz vertrauter Sprachmittel bleibt das Werk rätselhaft.