Im Jahre 1958 schrieb der polnische Komponist Witold Lutoslawski eine Trauermusik „à la mémoire de Béla Bartók“ für Streicher. Nichts in diesem Stück klingt nach Bartók, es fehlt jeder folkloristische Anklang in Melodie und Rhythmus; vielmehr mag man angesichts des strikt auf wenige Intervalle, Notenwerte und Klangfarben reduzierten Materials und seiner schnörkellos-strengen Formung in ungebrochenen Steigerungswellen an moderne Rasterfassaden und schnurgerade Magistralen denken.

Lutoslawski projiziert Bartóks Kompositionsprinzipien – formale Symmetrien, kontrapunktische Techniken und die Prägung des chromatischen Materials durch Beschränkung auf wenige Intervalle – aus der expressionistischen in die funktionale Moderne der Nachkriegszeit. Bartók starb 1945 im New Yorker Exil, sechs Wochen nach den Atombomben auf Japan, er erlebte die große Zeitenwende des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Bartók zu beerben, konnte nicht heißen, seinen Folklorismus fortzuführen – obwohl Lutoslawski auch das in seinem „Konzert für Orchester“ von 1954 tat–, sondern ihn weiterzudenken.

Radikal andere Musik

Es gab noch eine andere Moderne im 20. Jahrhundert als die westeuropäische. Das morgen beginnende Musikfest 2013 erzählt ihre Geschichte. Der künstlerische Leiter Winrich Hopp betont, dass es bei der Fokussierung auf den Jubilar Witold Lutoslawski, auf den großen Anreger Béla Bartók und auf Leoš Janáček nicht um ein „Osteuropa-Programm“ geht, mit dem das „Amerika-Programm“ des letzten Jahres balanciert werden soll. Wichtig ist Hopp nicht der regionale, sondern der funktionale Unterschied zur etablierten Moderne-Erzählung.

Die etablierte Moderne der Wiener Schule um Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern ist esoterisch. Sie setzt an auf dem hohen Sublimierungsniveau der Spätromantik und führt es weiter – durch weitergehende Sublimierung oder durch bewussten Gegensatz. Kunst zeugt sich aus sich selbst heraus fort.

Das ist bei Janáček und Bartók anders. Beide gehen in den bäuerlichen Regionen ihrer Heimatregion auf Volksliedjagd; sie lernen eine ursprüngliche, mit dem Leben verbundene Musik kennen, die mit den geraden Rhythmen und Skalen des bis dahin üblichen Folklorismus von Franz Liszt oder Antonin Dvorak nichts zu tun hat.

Unter diesem Einfluss entstand im frühen 20. Jahrhundert eine radikal andere Musik, als man sie in Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien pflegte. Während dort die kulturelle Atmosphäre allmählich stickig wurde und von mal müd-aristokratischen, mal aufgeputscht barbarischen Genüssen zwischen Ravels „Schéhérazade“ und Strawinskys „Sacre du printemps“ erfüllt wurde, riss man in Osteuropa die Fenster auf. Leoš Janáček gewann aus zugespitzt volkstümlichen Intonationen und auf der Straße aufgeschnappten Sprachmelodien einen Opernrealismus der drastischen Art, während Bartók aus seinen Volksmusikfunden Werke von großer rhythmischer Kraft und konstruktiver Intelligenz schuf.

Später jedoch, in der Einflusszone der Sowjetunion, wurde aus dem explorativen Umgang mit der Volksmusik eine sozialistisch-realistische Pflicht. György Ligeti erinnerte sich mit Grauen an die Kantaten und Volksliedbearbeitungen, die er in Ungarn schreiben musste. Lutoslawski, zehn Jahre älter, schuf ebenfalls Klavierbegleitungen zu Volks- und Kinderliedern – und begrub die als „formalistisch“ getadelte Erste Sinfonie in der Schublade.

Die Sehnsucht nach der Avantgarde des Westens war groß und regte mangels sinnlicher Eindrücke die Fantasie an, während sich gleichzeitig am volkstümlichen Material ästhetische Überzeugungen bildeten, die mit dieser Avantgarde kaum zu vereinbaren waren: „Bei uns war damals alles Melodie, und das ist par excellence tonale Musik, aber nicht Dur-Moll-tonale, sondern modale, pentatonische, hexachordale, pentachordale Musik. In dieser Melodieeuphorie konnte uns eine Musik wie die Schönbergsche nicht erwärmen“, sagt Ligeti über seine ungarischen Studienjahre. Später floh er in den Westen; in seinen späteren Werken jedoch findet man immer wieder Reflexe jener anders tonalen Musik.

Von Debussy, Bartók und Strawinsky geprägt

Lutoslawski konnte zwar die für polnische Intellektuelle übliche Studienreise nach Paris wegen des Kriegs nicht antreten. Aber ästhetisch war er durch Debussy, Bartók und Strawinsky geprägt, lange bevor er 1955 den „Warschauer Herbst“ gründete, das Festival, das erstmals und teils mit großer Verspätung die westliche Avantgarde durch den Eisernen Vorhang brachte: Lutoslawskis Ideal einer klangsinnlichen, großformal schlüssigen Musik stand da längst fest und suchte nur nach neuen technischen Anregungen.

Mit dem Einfluss Ligetis oder Lutoslawskis auf westliche Komponisten ist die Geschichte einer alternativen Moderne zu Ende. Das Musikfest 2013 erzählt sie anhand zahlreicher Werke Lutoslawskis – so wird Anne Sophie Mutter im Eröffnungskonzert des Pittsburgh Symphony Orchestras das ihr gewidmete „Chain II“ spielen, während Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks die Konzerte für Orchester von Lutoslawski und Bartók einander gegenüberstellen.

Janáčeks „Glagolitische Messe“ mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle demonstriert den Einfall volkstümlicher Intonationen in die geistliche Musik, während die Aufführung aller sechs Bartók-Streichquartette in drei Konzerten mit dem Emerson, dem Diotima und dem Philharmonia Quartett die Läuterung dieser Intonationen in die Sphäre sublimster Kammermusik darstellt.

Seitenwege dieses Programms im Geiste einer aus der Lebenspraxis hervorgegangenen Musik beschreiben die sozialem Engagement verpflichteten Werke Dmitri Schostakowitschs – vertreten mit den Sinfonien 13 bis 15 – und Benjamin Brittens, der auch zu den Jubilaren dieses Jahres gehört. Ein besonderes Programm bietet der Rias-Kammerchor mit „Les Noces“: Strawinskys drastische Schilderung einer Bauernhochzeit erklingt in der ursprünglich geplanten, von Theo Verbey fertiggestellten Pianola-Fassung, die Strawinsky wegen praktischer Probleme mit den mechanischen Instrumenten nicht abgeschlossen hatte: Die naturalistische Musik der Lebenswelt, hervorgebracht von klingenden Automaten.