Oboen, Klarinetten, Trompeten, Flöten – das klassische, auf Streichern basierende Orchester kann auf fast alle Bläser verzichten. Die Hörner jedoch dürfen seit den Tagen der Mannheimer Schule nicht fehlen. Sind sie dabei, ändert sich der Klang ins Warme, Weite, er gewinnt harmonische Stabilität und Ruhe. Sie sind nicht mehr Signalinstrumente wie einst bei Bach, sondern Harmoniestimmen: Sie ersetzen die Tasteninstrumente des barocken Ensembles und vervollständigten die Akkorde zwischen Melodie und Bass.

Hörner sind der Proteus des Orchesters: Zwar Blechbläser, gehen sie meist mit Holzbläsern zusammen, stützen den Satz unauffällig in der Tiefe oder dominieren die Mittellage. Sie können singen und schmettern, wechseln die Farbe mit den Lagen und Lautstärken. Die Geschichte der Instrumentation ist zur Hälfte eine Emanzipationsgeschichte des Horns: Wie es sich aus seiner Stützrolle befreit, wie es dank der Ventile seine Beschränkung auf Naturtöne überwindet, wie es schließlich mit seiner klanglichen Flexibilität den gesamten Orchesterklang durchdringt. Für mehr als drei Oboen hat ein Orchester keine Verwendung, aber Hörner können auch zu acht gut beschäftigt sein.

Das poetische Horn

Diesem Anker des Orchesterklangs, diesem technisch heikelsten und zugleich klanglich gutmütigsten aller Instrumente widmet sich das diesjährige Musikfest Berlin. Obwohl es sowohl als Natur-, als Ventil- und sogar als Alphorn vorkommt, geht es weniger um die Geschichte des Instruments als um seine Konnotation: Es ist das romantische Instrument schlechthin, Träger des „Poetischen“.

Und so ist das Musikfest 2014 eines, das der romantischen Musik in besonderer Weise verpflichtet ist: An diesem Dienstagabend stehen die beiden Klavierkonzerte von Johannes Brahms mit Daniel Barenboim und der von Gustavo Dudamel dirigierten Staatskapelle, am Ende die Gesamtaufführung der Sinfonien von Schumann und Brahms durch die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. Während in den Programmen des Künstlerischen Leiters Winrich Hopp sonst das Bekannte durch das Moderne in neues Licht gesetzt wurde – Schostakowitsch durch Xenakis oder Bruckner durch Messiaen –, ist es diesmal umgekehrt.

Teilweise ist das schon von den Komponisten der Moderne so angelegt: György Ligetis Horntrio von 1982 zitiert die charakteristischen „Hornquinten“ in verfremdeter Form (6. 9, mit Isabelle Faust, Alexander Melnikov, Teunis van der Zwart). Teils hängt es mit den Instrumenten selbst zusammen: So entstehen in Ligetis Hornkonzert durch die vier Naturhörner im Orchester schillernde, freischwebende Zusammenklänge jenseits des tonalen und atonalen Akkordrepertoires (21. & 22. 9., Konzerthausorchester).

Auf ähnlichen, mikrotonal verfremdeten Pfaden bewegt sich das Concerto grosso für vier Alphornisten (mit insgesamt neun Instrumenten) und Orchester von Georg Friedrich Haas (15. 9., SWR Sinfonieorchester). Wolfgang Rihm, drei Jahre nach seiner Hommage im Musikfest erneut mit sechs Werken vertreten, hat sein Komponieren stets buchstäblich als „Tradition“ verstanden, als Weitertragen und -denken von Anregungen aller möglicher Musik von Gesualdo bis Nono; hier stehen Stücke auf dem Programm, die romantisches Klangrepertoire schon in der Besetzung zitieren, darunter ein Hornkonzert (14. 9. Mahler Chamber Orchestra) und ein Konzertstück für Klaviertrio und Orchester (17. 9., WDR Sinfonieorchester).

Rihms Schüler Jörg Widmann, der sich über die Jahrhunderte hinweg immer wieder auf Robert Schumann bezogen hat, ist mit einem Porträtkonzert vertreten (11.9., Cleveland Orchestra). Am überraschendsten indes ist wohl das Einbeziehen Helmut Lachenmanns. Der galt nie als Komponist „poetischer“ Musik, sondern als linksintellektueller Spielverderber. Die Eleganz, mit der hier sein gewaltiges Klavierkonzert „Ausklang“ neben Strauss’ „Vier letzte Lieder“ und Max Regers Strauss gewidmeter Orgelfantasie und -fuge op. 135 b gesetzt wird (8. 9., Bamberger Symphoniker), als Musik von hohem Anspruch, aber auch traditionssatter Ausdruckskraft, ist einer der dramaturgischen Geniestreiche, die Hopps Programme Jahr für Jahr auszeichnen.

Dramaturgischer Geniestreich

Sie allein würden schon die Existenz des Musikfests rechtfertigen, das auf seinen programmatischen Seitenwegen natürlich noch viel mehr bietet. Vor allem aber erinnert Hopp mit selten gewordener Emphase daran, dass Musik Kunst ist. Die Diskurse um die Zukunft der „ernsten“ oder „klassischen“ Musik geraten im Rechtfertigungsdruck ihrer Kosten auf ein falsches Gleis. Wenn es um die Erhaltung der Orchester geht, wird vor allem über die Tradition der Apparate gesprochen; geht es um den Musikunterricht, werden vor allem die – übrigens kaum bewiesenen – positiven Auswirkungen auf Gehirnarchitektur und Sozialverhalten angeführt. Musik dient hier nur noch zur Verteidigung des Status quo von Orchesterlandschaft und Wochenstunden.

Dass die Werke jedoch ein Geflecht bilden, ein Gespräch der Komponisten über die Zeiten hinweg, dass es um Kunst geht, die zu Kultur heranwächst, das verdeutlicht das Musikfest Berlin Jahr für Jahr anschaulicher und geistreicher als jede Musikgeschichte.

Das spüren auch die Dirigenten, die vielleicht nur ein Konzert des Musikfestes bestreiten, aber bemerken, das ihre Leistung aufgehoben ist in einem Kontext, der ihre Leistung relativiert, aber zugleich aufwertet, indem sie mehr bedeutet als einen persönlichen Erfolg.

So ist es kein Zufall, dass Daniel Barenboim und Simon Rattle als die prominentesten Berliner Dirigenten Eingang und Ausgang des Musikfestes besetzen und Barenboim dem Musikfest auch ein gewichtiges Vorwort ins Journal geschrieben hat: Damit wird anerkannt, dass das Musikfest das wichtigste Ereignis des Berliner Musikjahres ist. Und das nun schon seit zehn Jahren.