Auf den ersten Blick wirkt das Programm des Musikfests Berlin 2015 wie ein Rückfall in die Berliner Festwochen Ulrich Eckhardts: Im Zentrum stehen Gustav Mahler und Arnold Schönberg, die durch ihre Wiener jüdische Herkunft verbundenen Gelenkstellen von der Romantik in die Neue Musik, deren Werk die Berliner Festwochen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts aus allen Winkeln beleuchteten.

Doch hat sich seitdem in der Rezeption dieser Komponisten etwas verändert. Mahler ist abgespielt, Schönberg ein regelmäßig aufgeführter Teil des Repertoires. Ein reines Schönberg-Programm wie das, mit dem das Musikfest am Donnerstag eröffnet wird, wäre vor 15 Jahren noch als provokatives „Bekenntnis zur Moderne“ empfunden worden und nur mit einem energischen Michael Gielen am Pult denkbar gewesen; diesmal spielt die Staatskapelle unter Daniel Barenboim.

Mahler und Schönberg haben mithin an Kontur eingebüßt, und somit könnte man denken, dass das Musikfest 2015 eher spannungsärmer ist als die betreffenden Jahrgänge der alten Festwochen. Aber Winrich Hopp, Künstlerischer Leiter des Musikfests, hat mit dem dänischen Komponisten Carl Nielsen, der vor 150 Jahren geboren wurde, einen verblüffenden Kontrapunkt zu den Wienern gefunden.

Von ihren Geburtsdaten her sind sie Zeitgenossen, ihre Sterbedaten jedoch eröffnen verschiedene Erfahrungsräume: Mahler starb drei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, Nielsen acht Jahre vor Ausbruch des Zweiten, Schönberg sechs Jahre nach dessen Ende. Für Mahler und Schönberg waren Richard Wagner und Johannes Brahms die lebendigen Ausgangspunkte ihres Komponierens. Für Nielsen war es zunächst die Volks- und Kapellenmusik seiner Heimat Fünen, später zwar auch Wagner und Brahms, aber die waren eher technische Verpflichtung als kulturelle Heimat; von Wagner hat sich Nielsen zudem schnell distanziert.

Aus diesem Abstand vermochte Nielsen, so Winrich Hopp, eine „total affirmative Musik“ zu schreiben. Was damit gemeint ist, wird sofort klar, wenn man Mahlers Sechste (am 5. 9. mit Boston Symphony unter Andris Nelsons) oder Neunte (am 6. 9. mit dem Israel Philharmonic unter Zubin Mehta) mit Nielsens Vierter (18. 9. mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle) vergleicht. Bei Mahler ist alles auf den Untergang gerichtet, es ist eine Musik im Strudel des Abgrunds, eine Kultur an ihrem Ende. Nielsens 1916 beendete Vierte dagegen trägt den Beinamen „Das Unauslöschliche“, sie kennt auch katastrophische Klänge und lässt im Finale plakativ zwei Pauken gegeneinander feuern – aber sie endet strahlend. Sie soll, wie Nielsen sagte, zeigen, „was wir unter Lebensdrang oder Ausdruck des Lebens verstehen – alles, was den Willen zum Leben hat, weder böse noch gut genannt werden kann, weder hoch noch niedrig, weder groß noch klein“.

Das ist ein anderes Programm als das Mahlers oder Schönbergs – aber kein unbedenkliches. „Das Programm hat einen dunklen Keller“, sagt Hopp, und der besteht nicht nur aus dunklen Werken wie den Schönberg-Monodramen „Erwartung“ (14. 9. mit dem Royal Danish unter Michael Boder) oder „Die glückliche Hand“ (18. 9.), sondern auch aus der Natur-, Erd- und Lebensbegeisterung, die schnell in eine Geringschätzung der Zivilisation umschlagen kann.

Zwei Programme stellen im engeren Sinn den Umgang mit dem Thema „Erde“ dar: Das Swedish Symphony Orchestra unter Daniel Harding stellt Mahlers „Lied von der Erde“, die zärtliche Rückschau eines Sterbenden auf den Planeten, neben Harrison Birtwistles „Earth Dances“, die den chthonisch-eruptiven Aspekt verherrlichen (15. 9.). „Michaels Reise um die Erde“ von Karlheinz Stockhausen aus seinem Opernzyklus „LICHT“ ist dagegen ein Stück kosmischer Weltmusik, in der die Erde einerseits als rotierender Himmelskörper, andererseits als Kulturraum diverser musikalischer Stile dargestellt wird. Die Aufführungen am 18. und 19. 9. durch das Ensemble Musikfabrik unter Ilan Volkov und vor allem den grandiosen, noch von Stockhausen selbst instruierten Trompeter Marco Blaauw steht in der Tradition großer Musikspektakel, mit der das Musikfest neben seinen ausgeklügelten dramaturgischen Zusammenhängen immer wieder aufwartet; ein weiterer Höhepunkt ist die Aufführung von Schönbergs unvollendetem, im Klang entfernter Frauenstimmen entschwebenden Oratorium „Die Jakobsleiter“, das der Rundfunkchor Berlin und das Deutsche Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher am 17. 9. aufführen.

Neben solch monumentalen Programmen aber wartet das Musikfest, von den Berliner Festspielen als Orchesterfestival geplant, mit einer sechsteiligen Streichquartett-Reihe auf, in der alle Schönberg-Quartette, aber auch, gespielt vom Danish String Quartet, alle vier Nielsen-Quartette zu hören sind – da dessen beide erste Symphonien im Programm fehlen, stehen sie für das Frühwerk des Komponisten.