Szene aus Krautrock 1. 
Foto: Metronome

BerlinEnde der 60er-, Anfang der 70er-Jahre kam es in Westdeutschland zu einem erstaunlichen musikalischen Phänomen, das als gegenkultureller Entwurf zum übermächtigen Einfluss der englischen und amerikanischen Popmusik gehört werden konnte. Wilde Klänge waren das, selbstbewusst und hässlich. Diese Musik arbeitete mit Repetition, Nonsens-Gesang, Naturgeräuschen, Rückkoppelung und Übersteuerung und Verzerrungen und Loops.

Jedes analoge Instrument, je ungewöhnlicher desto besser, kam ihr ebenso recht wie jedes elektronische Klangerzeugungsgerät. Alles, was tönte, wurde bis in seine verstecktesten Möglichkeiten ausgelotet. Mal wurde live auf der Bühne forsch drauflos improvisiert, mal wurde im Studio gefinkelt, montiert, mal wurde die Mucke gar zur Gänze im Computer programmiert. Die Protagonisten jener vorwiegend in Köln, Düsseldorf und Hamburg virulenten Szene unternahmen Ausflüge in den Free Jazz und in die Neue Musik und forderten beide gleichermaßen heraus. Was sie schufen zählte zur Avantgarde, doch es trug einen seltsam biederen Namen: Krautrock.

Wobei, so ein bisschen nach Kraut und Rüben hörte sich das so manches Mal durchaus an. Und ehrlich gesagt, wirkt auch der Film, der diese musikalische Strömung nun zu porträtieren sich anschickt, ein wenig wie Kraut und Rüben. „Krautrock 1“ ist der vierte einer auf mindestens sieben Teile angelegten Saga der progressiven Musik, an der Adele Schmidt und José Zegarra Holder seit inzwischen zehn Jahren arbeiten. Der komplette Originaltitel des vorliegenden Kapitels lautet „Romantic Warriors IV: Krautrock (Part I)“ und stellt in Gestalt eines groben Überblicks die Basis bereit, auf der die geplanten beiden Folgeteile – über die Essener Songtage 1968 zum einen und über West-Berliner Bands zum anderen – aufbauen können.

Gut gelaunt und uneitel erinnern sich da also die Protagonisten des Krautrock an ihre wild bewegten Pioniertage und entsteht mit der Zeit der Eindruck eines hoch fluktuierenden Feldes, auf dem die Musiker beständig in Austausch und Bewegung waren – und vielfach bis heute noch sind. Es fließen die (a)tonalen Energien und die analog-digitalen Konzepte von Kraftwerk über Krautwerk zu Neu!, von La Düsseldorf zu Japandorf, von Can zu Damo Suzukis Network. Das vom Journalisten Uwe Nettelbeck angezettelte kollektive Lebens- und Arbeitsexperiment der Gruppe Faust in der alten Dorfschule in Wümme bleibt ebenso wenig unerwähnt wie die bedeutende Rolle des Studioproduzenten Conny Plank.

Doch treten die Versäumnisse des gut zweistündigen Films allmählich immer deutlicher zutage. Beispielsweise kommen zwar viele, viele freundliche ältere Herren zu Wort, aber keine einzige Frau, sieht man von der Schlagzeugerin der US-amerikanischen epigonalen Combo Wume ab, die ganz am Ende auch mal ein Sätzchen sagen darf. Schmerzlich vermisst man auch eine fundierte Einordnung des Krautrock in die allgemeine Musikgeschichte sowie einen einigermaßen ernsthaften Versuch, das Spezifische dieses Stils musikwissenschaftlich zu beleuchten. Die größte Sünde aber ist, dass dieser Musikfilm all die wundersam eigensinnigen Klangkonstrukte, von denen er handelt, kaum je länger als eine halbe Minute zu Gehör bringt.

Krautrock 1 (Romantic Warriors IV: Krautrock (Part I)) USA 2019. Regie: Adele Schmidt und José Zegarra Holder, Musik: div. Krautrock-Bands, 129 Minuten, in Farbe und Schwarz-Weiß.