Die gute Nachricht zuerst. Es gab auch aktuelle und relevante Musik zu hören an diesem Abend von einem der aufregendsten jungen Künstler, die uns der Pop der Gegenwart zu bieten hat. 

In einem überdimensionalen, aus roten Laserstrahlen gebildeten Käfig bot der kanadische R’n’B-Sänger Abel Tesfaye alias The Weeknd sein Lied „The Hills“ dar. Schroffheit und zarte Intimität, wagemutige musikalische Avantgarde und unmittelbar in das Ohr gehende Melodien vereint The Weeknd in einer Weise, die man auf großen Konzertbühnen nur sehr selten zu sehen bekommt, und schon gar nicht bei Popmusik- oder sonstigen Shows, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen zur besten Sendezeit ausstrahlt.

Das war also ein großer Moment bei der diesjährigen Verleihung der Echo-Musikpreise am Donnerstag in den Messehallen unter dem Berliner Funkturm.

Dieser Moment dauerte rund fünf Minuten, etwa von viertelvorneun bis zehnvorneun. Insgesamt dauerte die Verleihung der Echo-Musikpreise 195 Minuten, von viertelnachacht bis halbzwölf. Die restlichen 190 Minuten wurden in der von dieser Veranstaltung gewohnten Weise von künstlerischen Belanglosigkeiten beherrscht, es gab viele rätselhafte, beschämende, aber auch einige ekelerregende Momente mitzuerleben.

Weit aufgerissene Augen und Witze wechselnder Qualität

Moderiert wurde der Abend von Barbara Schöneberger, die mit durchweg weit aufgerissenen Augen Witze wechselnder Qualität in die Menge brüllte. Die irische Esoteriksängerin Enya interpretierte ihr Lied „Echoes in Rain“, während sich neben ihr auf der Bühne zwei gemischtgeschlechtliche Paare in Unterwäsche nassregnen ließen; der singende Reichsbürger Xavier Naidoo führte im Sitzen seinen Song „Frei“ auf.

Die meisten Preise des Abends, nämlich vier, erhielt Helene Fischer; unter anderem wurde ihr aktuelles Album „Weihnachten“ als „Album des Jahres“ prämiert. Zwar werden die Echos nach Angaben der Veranstalter ausschließlich von den Verkaufszahlen bestimmt. Aber weil die Interpretin des tatsächlich meistverkauften Albums des letzten Jahres, Adele, offenbar keine Lust hatte, zum Echo zu kommen, machte man in diesem Fall einmal eine Ausnahme, wofür Helene Fischer sich mit einem herzlichen „Frohe Weihnachten“ bedankte. Adele wurde immerhin als Künstlerin des Jahres geehrt, was während der Show jedoch keine Erwähnung fand.

In den vergangenen Jahren waren die Veranstalter des Echo verschiedentlich wegen der Intransparenz und vermeintlichen Korruptheit der Preisvergabe kritisiert worden. Nachdem sie diesem Eindruck zwischenzeitig entgegenzutreten versucht hatten, ließen sie es in diesem Jahr wieder bleiben. Je nach Bedarf und Auftrittswilligkeit der Künstler wurden neue Kategorien erfunden (zum Beispiel „Nationaler Act im Ausland“ – konkurrenzlos verliehen an Robin Schulz) und alte verworfen oder verschwiegen; Udo Lindenberg bekam aus lauter Dankbarkeit für sein Kommen einen Echo für das „beste Musikvideo“ in die Hand gedrückt, obwohl dieses in dem für die Echo-Preise angeblich relevanten Zeitraum noch gar nicht erschienen war.

Auf besondere Heiterkeit unter den in den Messehallen versammelten Mitgliedern der Echo-Kritikerpreis-Jury (zu denen bis zum Donnerstag auch der Verfasser dieses Artikels gehörte) stieß der Umstand, dass der allen Beteiligten bislang unbekannte Sänger Joris für ein Album mit quälend biederem Bausparvertragspop namens "Hoffnungslos hoffnungsvoll" den Echo-Kritikerpreis erhielt.

Nachdem der Bundesverband der Musikindustrie die Entscheidungen der Kritikerjury in früheren Jahren immer zu massenpublikumsunfreundlich fand und darum in der TV-Übertragung auf ihre Verkündung verzichtete, wurde 2015 die Jurysitzung abgeschafft, die Abstimmung anonymisiert und in diesem Jahr mit Joris nun erstmals ein Künstler gefunden, der so konturlos und weichgespült war, dass man ihn nicht nur in die Show hinein-, sondern dort sogar ein ganzes Lied singen ließ. Ein echter Fortschritt!

Sollte irgendein Mitglied der Echo-Kritikerpreis-Jury tatsächlich für Joris gestimmt haben, bitte ich es darum, sich umgehend bei mir zu melden. Alle Juroren, die ich am Donnerstagabend noch sprach, wollten hingegen umgehend ihren Rücktritt von diesem Amt erklären.

Niemand protestiert mehr gegen drohend-nationalistische Töne

In der Kategorie „Rock/Alternative National“ wurde schließlich die italienische Band Freiwild ausgezeichnet, wofür deren Sänger Philipp Burger sich in der ihm eigenen Mischung aus weinerlicher Opferpose und Aggression gegenüber einer ihn angeblich unterdrückenden Gutmenschengesellschaft bedankte. „Heute zeigt sich, dass Ehrlichkeit am längsten währt; dass Fehlentscheidungen richtig gestellt werden könnten; dass manche Einsicht zwar spät, aber dennoch sicher kommt.“

Der Preis stünde der Band zweifellos zu. „Aber dennoch, zu Hause aufstellen werden wir ihn nicht.“ Stattdessen wolle man ihn „als Symbol für Standhaftigkeit und Durchhaltevermögen in der Öffentlichkeit präsentieren“.

Vor drei Jahren wurde der Auftritt von Freiwild noch dadurch verhindert, dass einige andere Gruppen und Künstler für diesen Fall mit ihrem Fernbleiben drohten. Inzwischen ist der drohend-nationalistische Ton der Freiwild-Musik („Ich dulde keine Kritik / an diesem heiligen Land, / das unsere Heimat ist“) so unübersehbar in der Mitte der Gesellschaft angelangt, dass die Echo-Verantwortlichen sich offenbar zu diesem Kotau vor dem Soundtrack von AfD und Pegida genötigt fühlten.

Keiner von den honorigen Künstlern in der ersten Reihe des Echo, die sich sonst als weltoffen und emanzipiert geben – weder Udo Lindenberg noch Peter Maffay – hat an diesem Abend dagegen protestiert. Bis auf ein paar Buhrufe im Publikum passierte nichts. So konnte man bei dieser Echo-Verleihung immerhin noch einmal erleben, in welcher Geschwindigkeit sich unser Land gerade verändert.