Manchmal möchte man Max Müller einfach in den Arm nehmen. Nicht, weil er so ein knuffiges Kerlchen wäre. Aber wie kein Zweiter in der deutschen Popmusik verkörpert er das Unwohlsein in der eigenen Existenz, die tief sitzenden Zweifel am Rockmusikerdasein – und das nach über dreißig Jahren auf Jugendzentrums- und Theaterbühnen. Am Dienstag konnte man wieder einen dieser flüchtigen Max-Müller-Momente im Saal des HAU2 erleben. Dort hatte sich ein repräsentativer Querschnitt der Berliner Kulturbohème auf ein Feierabendbier eingefunden. Anlass war die Live-Präsentation des neuen Albums „Text und Musik“ von Müllers Band Mutter. Man stand also lockere Konversation betreibend herum, als Müller plötzlich wie aus dem Nichts am Bühnenrand auftauchte, sich kurz räusperte und seine Mitmusiker nach einem verhaltenen „Hallo“ mit „So Viel Platz“ vom inzwischen zehnten Album loslegten.

Wobei das mit dem Loslegen bei Mutter so eine Sache ist. Es handelt sich vielmehr um ein vorsichtiges Hineinfühlen in die Songs, aber auch eine Art mentale Akklimatisierung mit der Publikumsgunst. Und Max Müller fühlte die Lieder anfangs sichtlich noch nicht, obwohl das Publikum der Band augenblicklich wohlgesonnen war. Entsprechend, nun ja, lose gestalteten sich die ersten Stücke vom neuen Album. Einmal verpasste er seinen Einsatz, ein anderes Lied musste zweimal angefangen werden, Ansagen liefen bewusst ins Leere. Und schon erinnerte man sich wieder, was nach so vielen Jahren die ungebrochene Faszination dieser Band ausmacht. Dass Mutter-Konzerte eben keine einstudierten Performances sind, sondern ein ständiger Work-in-Progress: ein immer wieder neues Den-inneren-Schweinehund-Überwinden, ein Austesten der eigenen (Sprecher-)Position.

So wurde man im HAU Augenzeuge, wie Müller sich erst ganz allmählich in seinen Liedern wiederfand. Es war wie so häufig bei Mutter ein kleines Ereignis und barg später noch Stoff für mittelschwere persönliche Tragödien. Alles vorgetragen in dieser unnachahmlichen, unerschütterlich-distanzierten, aber immer emphatisch-affirmativen Mutter-Sprache, der jeder Manierismus fremd ist. So stand Müller, der Straßenpoet der Eigentlichkeit, anfänglich etwas befremdet mit verschränkten Armen auf der Bühne, hatte sich irgendwann aber doch mit der Live-Situation angefreundet, kauerte bald über den Monitorboxen und warf seinen Körper in ungelenke Rockposen, während er unverständliche Textfragmente in sein Mikro spuckte.

Müllers Texte zwischen kultiviertem Weltekel und schicksalsergebenem Optimismus haben auf dem neuen Album eine musikalische Form gefunden, die im Vorfeld Anlass zu Spekulation gab, ob Mutter auf ihre alten Tage doch noch ihren inneren Frieden gefunden haben. Man könnte auch sagen, dass ihnen mit „Text und Musik“ das beste deutschsprachige Popalbum seit Blumfelds „Ich-Maschine“ gelungen ist. Eine Platte, die ihr Unbehagen an der Welt nicht in kompliziert klingenden Plattitüden oder schroffen Noise-Texturen veräußern muss, deren Harmonien und feinsinnige Arrangements (eine Querflöte erklingt im Instrumentalstück „Qui?“) Müllers Skeptizismus vielmehr etwas erträglicher machen. Stücke wie „Wer hat schon Lust so zu leben“ oder „Früher oder Später“ könnten – ignoriert man die Texte – auch tagsüber im Radio laufen.

Live bauen Mutter natürlich noch das eine oder andere Flipper-Schlurfpunk-Gedenkriff in ihre Lieder ein. Es sind natürliche Impulse einer Musik, die im Konzert mit dem latenten Kontrollverlust liebäugelt. Gleichzeitig klangen Mutter noch nie so kompakt wie in der aktuellen Besetzung, von der neben Müller nur noch Schlagzeuger Florian Koerner von Gustorf zur Urformation gehört. Dieses Bekenntnis zum Wandel ist ein Grund für ihre konstant hohe Qualität. Während ein paar Kilometer weiter im Berghain die allmächtigen Swans, zu denen man sie vor zwanzig Jahren noch ins Vorprogramm gesteckt hätte, ihr Publikum mit brachialen Lärmwänden traktierten, feierten Mutter im HAU eine Familienzusammenführung. Im Publikum standen unter anderem Ex-Gitarrist Frank Behnke und Müllers neunjähriger Sohn Felix. Freunde und Familie trugen die Band auf einer Welle der Sympathie und richteten sie, wenn nötig, auch wieder auf. Mal ehrlich: Dürfte man für einen Tag im Leben Rockstar sein, in welcher Haut möchte man lieber stecken als in der von Max Müller?