Der Moment, in dem Dave Grohl begriff, dass Musik mehr ist als ein Geräusch, kam an einem Sommertag im Jahr 1975. Er saß auf dem Beifahrersitz eines Ford Maverick neben seiner Mutter Virginia, die Sonne schien ihm ins Gesicht, und im Radio lief „You’re So Vain“. Der kleine Dave, der damals sechs Jahre alt war, und seine Mutter Virginia sangen lauthals mit, wie sie es immer taten. Dann kam der Refrain, und während Dave Carly Simons hohen Gesang übernahm, sprang seine Mutter in Mick Jaggers Begleitmelodie, ihre Stimmen vereinten sich in einer Harmonie.

„Mein Herz leuchtete auf! Meine Augen wurden groß! Und dann machte etwas Klick. Dieser Moment hat sich in mein Herz und meinen Geist gebrannt.“ So beschreibt es Dave Grohl, einer der erfolgreichsten Rockmusiker der Gegenwart, heute. „Ich war fasziniert, hingerissen, besessen! Ich war Feuer und Flamme!“ Und alles, was es dazu gebraucht hatte, war dieser Funke.

Es war seine Mutter, die Musik in sein Leben brachte. Und zehn Jahre später war es wieder seine Mutter, die Ja sagte, als er darum bat, die High School schmeißen zu dürfen, um mit einer lärmigen Punktruppe namens Scream auf Europatournee zu gehen.

Das Kind wird Rockstar

Wie schafft man es, dass das eigene Kind ein weltberühmter und dazu noch außerordentlich sympathischer Musiker wird? Und was macht das mit dem Leben einer Mutter? Anruf in Kalifornien, wo Virginia Grohl heute lebt. Eine Frau mit ruhiger, freundlicher Stimme, die viel lacht, geht ans Telefon. „Ich habe keine Ahnung“, sagt sie. „Dave ist einfach so auf die Welt gekommen.“

Dave Grohl ist heute 48 Jahre alt, ein Mann mittleren Alters, selbst Vater dreier Töchter. Er wurde als Schlagzeuger von Nirvana berühmt, danach gründete er die Foo Fighters. Die Band wurde mit elf Grammys ausgezeichnet; gerade tourt Dave Grohl mal wieder um die Welt, am Sonntag spielen die Foo Fighters auf dem Lollapalooza Festival in Berlin.

Virginia Grohl hat ein Buch darüber geschrieben, wie es ist, Mutter von so einem Mann zu sein; der als Kind nicht still sitzen konnte, auf allem herumtrommelte, das sich in seiner Reichweite befand, in der Schule die schlechtesten Noten bekam, während er zu Hause Kladden mit selbst geschriebenen Songtexten füllte; der den Musikunterricht hasste und sich Gitarrespielen selbst beibrachte.

Das Buch heißt „From Cradle To Stage“ (Seal Press), von der Wiege bis auf die Bühne. Es sind ihre Erinnerungen, die Virginia Grohl da aufgeschrieben hat, es ist aber auch eine Art Ratgeber geworden für alle mit Kindern, die ein „hohes Energielevel“ haben, wie Virginia Grohl das fröhlich nennt.

Virginia Grohl hat ein Buch geschrieben

Als sie entscheiden sollte, ob ihr Sohn einen Schulabschluss machen oder sein Leben der Musik widmen sollte, hat sie nicht lange gezögert. Vielleicht weil sie selbst Lehrerin war und längst gemerkt hatte, dass in der Schule niemand ihrem Sohn das geben konnte, was die Musik vermochte; weil sie ahnte, dass er unterwegs in Europa mehr lernen würde als in irgendeinem Klassenzimmer. „Alle dachten, ich habe den Verstand verloren“, sagt sie. „Für mich sah es aus wie eine große Chance.“

Virginia Grohl hat nicht nur ihre eigene Geschichte aufgeschrieben; sie hat achtzehn andere Mütter von Rockstars getroffen und porträtiert in ihrem Buch diese Frauen, die meist unerkannt hinter ihren Kindern stehen, „als sei nichts interessant an ihnen außer ihrem Nachwuchs“.

Sie erzählt also, wie sich Verna Griffin als arbeitende, immer wieder alleinerziehende Mutter von Andre Young aka Dr. Dre durchschlug, lässt Marianne Stipe (Michael Stipe, R.E.M.), Hester Diamond (Mike D, Beastie Boys), Mary Morello (Tom Morello, Rage Against The Machine) erzählen. In ihren Geschichten gibt es viele Parallelen, eine davon ist: Irgendwann kommt der Punkt, an dem die Mütter vor allem eine Aufgabe haben – den Kindern ihren Weg zu erlauben.

"From Cradle To Stage"

Es ist kein besonders kritisches Buch geworden. Dabei kommen auch Mütter wie Janis Winehouse zu Wort, deren Tochter Amy 2011 mit 27 Jahren und vier Promille Alkohol im Blut tot in ihrer Wohnung in London gefunden wurde. „Es ist so einfach, der Mutter die Schuld zu geben“, sagt Virginia Grohl. „Mir ging es aber nicht darum, im Schmutz zu wühlen.“ Das hatte sie auch den Frauen vor ihren Treffen versprochen. „Ich wollte die Geschichten der Mütter erzählen, was sie erlebt haben, wie ihre Beziehungen zu ihren Kindern waren.“

Trotzdem gab es Mütter, die nicht bereit waren, sich mit Virginia Grohl zu treffen. Wendy Cobain ist eine davon. Virginia Grohl hat ihr dennoch ein Kapitel gewidmet: „Meine Freundin Wendy“. Die Mutter von Kurt Cobain war die erste Rockstarmutter, die Virginia Grohl kennenlernte. Das war 1992, Nirvana waren gerade berühmt geworden, sie trafen sich in New York, wo die Band bei MTV und Saturday Night Live auftreten sollte. Ein Bild im Buch zeigt die beiden Frauen, blass vom Blitz des Fotoapparates, an einem Tisch in einem Diner, vor ihnen Weingläser, mit denen sie auf ihre Söhne anstießen. Sie redeten den ganzen Abend. „Wir waren so stolz“, schreibt Virginia Grohl.

Virginia Grohl und Wendy Cobain

Als sie Wendy Cobain anrief, um sie zu fragen, ob sie sie interviewen könnte, war gerade der Dokumentarfilm „Montage of Heck“ erschienen, ein Porträt Kurt Cobains, das sein Leben von seiner Geburt bis zu seinem Selbstmord im April 1994 erzählt. Wendy Cobain war in seine Entstehung mit einbezogen. Sie war dann aber enttäuscht davon, dass der Film sie als eine Mutter zeigte, die ihren Sohn im Stich gelassen hatte. Sie wollte es nicht riskieren, noch eine Version dieser Geschichte in der Welt zu sehen, die nicht mit ihren Erinnerungen übereinstimmt.

Also erzählt Virginia Grohl kleine Episoden wie die aus New York. „Werden diese Schnipsel dem Bedürfnis der Leser nach der ganzen Geschichte gerecht?“, schreibt sie. „Ich weiß es nicht. Ich frage mich, ob überhaupt jemand die ganze Geschichte kennt. Ich habe nur ein paar Szenen aus meinem Gedächtnis wie verblasste Schnappschüsse aus einem alten Fotoalbum.“ Szenen wie diese: 1991, das Reading Festival in England, es regnet, die Fans stehen knietief im Schlamm, und Kurt Cobain tritt ans Mikrofon: „Heute hat Daves Mutter Geburtstag, lasst uns für sie singen.“ Virginia Grohl wurde auf die Bühne gezogen, und Tausende sangen ihr ein Ständchen.

Die Mütter der Rockstars

Am Ende ist „From Cradle To Stage“ ein liebevoller Blick auf den eigenen Sohn und die Frauen hinter den großen Rockstars dieser Welt; das macht ihn aber nicht weniger interessant. Viele der Musiker, aber auch deren Mütter und Väter haben längst eigene Biografien geschrieben – wer mehr über die Abgründe einzelner Familien wissen will, sollte also besser dort nachlesen.

Vermutlich hätte Virginia Grohl auch kaum die Geschichte der bangenden Mutter, deren Kind im Sumpf aus Sex, Drugs und Rock’n’Roll versinkt, erzählen können. „Ich wusste, dass Dave Marihuana raucht, damit konnte ich leben“, sagt sie. „Er hat mir immer versprochen, dass er keine härteren Drogen nimmt.“

Sie hatten Abmachungen, und Virginia Grohl sagt, sie konnte sich auf ihren Sohn verlassen. Dave Grohl kam lieber für ein paar Tage zu ihr nach Hause, wenn ihm alles zu viel wurde, als sich mit Drogen zu betäuben. Auch das ist Virgina Grohls Botschaft: Eltern, redet mit euren Kindern. Bleibt an ihnen dran. Wisst, was mit ihnen los ist.

Dave Grohl dankt seiner Mutter

Als Entschädigung für all die frühen Sorgen ob der ungewissen Zukunft, für all die Stunden voller Musik, an die viele der Mütter sich erst mal gewöhnen mussten, widmeten ihnen ihre Kinder Songs, kauften ihnen Häuser und zeigten ihnen die Welt.

Virginia Grohl erlebte einige der schönsten Momente ihres Lebens am Rande der Bühne, wo sie auch heute noch oft die Konzerte von einem Klappstuhl aus beobachtet, meist schaut sie dabei in die Gesichter der Fans, weil sie es liebt, die Freude darin zu sehen. Sie traf Barack Obama im Weißen Haus, und Paul McCartney – an einem einzigen Abend. „Keine Liebe ist wie die einer Mutter“, schreibt Dave Grohl im Vorwort zum Buch. „Wir stehen alle in der Schuld dieser Frau, die uns das Leben geschenkt hat. Denn ohne sie gäbe es keine Musik.“