Vielleicht ist es ja wirklich das Beste, was man mit „My Fair Lady“, dem legendären Broadway-Erfolgsmusical, machen kann: es einfach – wie es Andreas Homoki nun in der Neuinszenierung an der Komischen Oper tat – weit, weit entfernt in den 1920er-Jahren stecken zu lassen. Was könnte man sonst etwa tun mit diesem dämlich-nervigen Professor Higgins, der mit Menschen nur in Kontakt treten kann, indem er Macht über sie ausübt; der das Blumenmädchen Eliza, das ihm Versuchsobjekt ist und dem er schließlich erfolgreich eine feine Aussprache beibringt, ein Mädchen nennt, „zusammengesetzt aus den vergammelten Resten eines Gemüsemarktes“; der ihr schließlich, als sie nach erfolgter Sprachbehandlung sein Haus verlässt, hinterherjammert, weil er „ihr Gesicht“ vermisst, mehr aber auch nicht.

Frederick Loewes großartig streichelnde, schmeichelnde Musik will uns an dieser Stelle weismachen, dass es sich hier um Liebe handelt – und wird in ihrer Lüge leider Recht bekommen. Eliza kommt zurück, obwohl sich zuvor ein netter junger Herr um sie bemüht hatte: Freddy. Und weil in dieser Premiere am Sonnabendabend niemand so schön und herzvoll singt wie Johannes Dunz in der Freddy-Rolle, ist diese Wendung doppelt schwer zu verstehen.

Man trägt Bart, Frack und Zylinder

Besser also gleich das Ganze mit zeitlichem Sicherheitsabstand auf die Bühne bringen, in einer Vergangenheit, da ein Wissenschaftler noch ungehobelt und frauenfeindlich sein durfte und sich nicht um Rankings oder mediale Verwertbarkeit scheren musste. Glatteste 1920er-Jahre gibt es zu sehen bei Homoki, dem ehemaligen Intendanten der Komischen Oper, der seit 2012 in gleicher Funktion am Opernhaus Zürich tätig ist.

Man trägt Zwirbelbart, Frack und Zylinder und diejenigen, die ein bisschen weniger haben und sozusagen Unterschicht sind, haben immerhin frischgewaschene Latzhosen an und tragen coole Ballonmützen auf dem Kopf. Alles überragend aber in Frank Philipp Schlößmanns staubfreiem Bühnenbild: ein Grammophon, das Arbeitsgerät des Phonetik-Professors Higgins und außerdem Symbol schlechthin aller Nostalgie. Dinosaurierhaft riesig ragt es da vor sich hin, mannshoch allein schon der hölzerne Korpus, auf dem sich der Plattenteller dreht; obendrüber ein riesiger Schalltrichter wie eine Satellitenschüssel, die in die Tiefen des Universums hineinhorcht. Über den Abend verteilt bekommt das Dinosaurier-Grammophon Kinder und Enkelkinder in allen möglichen Größen. Die Dinger stehen stumm da, werden herumgeschoben und vom Bühnenpersonal beturnt. Außerdem füllen sie die Bühne.

Dazwischen spielt sich gut gemeintes, aber doch mäßig komisches Kalauer-Theater ab. Die frischgewaschenen, muskelprächtigen Ballonmützen-Arbeiter tanzen boygroupartig oder noch lustiger: im Ententanz. Eliza unterzieht sich – Zasasasasasasa Hei-hei-hei-hei – ersten Zwerchfell- und Kehlkopflockerungsübungen. Außerdem wird kräftig berlinert. Allen zuvorderst und tatsächlich glaubwürdig Katharine Mehrling als Eliza. Eigentlich stammt sie aus dem Hessischen. „Ick sare nur: Boulette!“ blafft sie, als sie keine Lust mehr hat auf Higgins’ Sprechübungen.

Berliner Thema verschenkt

Dass man in der deutschen Übertragung aufs Berlinerische zurückgreift als Äquivalent für das derbe Milieu-Englisch, das der Phonetik-Professor seinem Versuchskaninchen abgewöhnen möchte, ist nichts Neues. Geblieben sind die damit verbundenen Probleme: Dass diese Berliner gemäß Libretto in Londoner Stadtteilen wohnen und sich in Ascot beim Pferderennen treffen. Spätestens an diesem Punkt fragt man sich, ob nicht eine riesige Chance vertan wurde, das Stück bei seiner überhaupt ersten Inszenierung an der Komischen Oper auf durchweg Berliner Format zu bringen. Das hätte freilich nicht wenige Umarbeitungen gebraucht, hätte aber auch die Möglichkeit geboten, tatsächlich Milieus der Stadt nachzuspüren. Eliza dringt in die Oberschicht vor, weil sie Sprache und Habitus der Oberschicht gelernt hat.

Gerade in der Hauptstadt mit ihren Politik- und Repräsentanzkreisen auf der einen und sozialer Ungerechtigkeit beim Zugriff auf Bildung auf der anderen, ist das ein Thema, das sich wohl behandeln ließe. Homoki verlegt sich jedoch auf den puren Unterhaltungswert des Stückes. Womit er sich in direkten, schwer zu bestehenden Wettbewerb mit dem jetzigen Intendanten Barrie Kosky begibt. Der hat in der Vergangenheit mehrfach gezeigt, dass er solche Stücke ziemlich schrill aufpeppen kann.

Bei Homoki stimmt immerhin das Tempo. Der Druck, die letzte, aufgedrehte Begeisterung fehlt jedoch, weshalb es letztlich beim Eindruck des Brav-Gediegenen bleibt, das gerne cool sein möchte. Das Orchester der Komischen Oper, geleitet von Kristiina Poska spielt Loewes geschmeidige Musik passend lässig aber auch ohne Glanz. Max Hopp als Professor Higgins ist zu förmlich-glatt, als dass man seiner Figur die abstrusen Meinungen als Verrücktheiten durchgehen lassen könnte. Sonnenschein der Aufführung ist Katharine Mehrling, die Elizas Wandlung vom Gör zur Weltdame glaubhaft nachvollzieht. Als Schwarzweiß-Film wäre das recht hübsch. In Farbe wirkt es recht oll.