Sein Selbstporträt Raffael Sanzios, gestorben im Jahre 1520. 
Bild: Museum Scuderie del Quirinale

BerlinNicht nur, aber besonders an amerikanischen Universitäten demontiert man seit einigen Jahren die Übermacht der eurozentrischen Betrachtung von Kunst- und Kulturgeschichte. Tatsächlich ist der etablierte wissenschaftliche und ästhetische Rahmen von griechischer Antike bis Picasso viel zu eng, um die Kreativität des Menschen abzubilden. Und doch: Einiges aus der als „westlich“ betrachteten Kunstgeschichte bleibt wohl herausragend. Dazu gehört das Werk Raffael Sanzios.

Am 6. April 1520 endete nach zwei Wochen Leidenszeit das nur 37 Jahre währende Leben des phänomenalen Malers, grandiosen Zeichners und Architekten. Er hatte sein Testament gemacht, den künstlerischen Nachlass geordnet, die Geliebte finanziell versorgt und die Letzte Ölung empfangen. Raffael starb nach den Maßstäben der Zeit wohl gerüstet. Schon die Zeitgenossen feierten ihn als „den Göttlichen“, als Ausnahmetalent. Sie bewunderten seine mit Hunderten von ihrerseits sensationellen Zeichnungen vorbereiteten, raffinert ausgeklügelten und ihnen doch ganz „natürlich“ erscheinenden Bildkompositionen, Raffaels klare und doch weiche Farben, seine immense Produktivität, seine Bildung: Er selbst schrieb sich „Raphaele“, mit griechisch anmutendem „ph“ und demonstrierte damit, dass auch Maler und Architekten sich in dieser neuen Zeit der Renaissance mit den klassischen Schriften und im Studium der Antike auskennen mussten, nicht nur Literaten und Philosophen.

Kein Heißsporn, kein Revolutionär

Raffael stammte aus Urbino in Umbrien, einer der schönsten, kultiviertesten, aber auch abgeschlossensten Landschaften Italiens, die eben zu dieser Zeit unter der Herrschaft des Herzogs und Feldherrn Federico da Montefeltre ein Zentrum der Wissenschaften, der Literatur und Musik und der Kunst geworden war. Geboren wurde er 1483, als einziger überlebender Sohn eines wohlhabenden Goldschmieds, Giovanni Santi, und der Mágia di Battista di Nicola Ciarla, die ebenfalls aus einer Kaufmannsfamilie stammte. Im gleichen Jahr erblickte im fernen Eisleben Martin Luther das Licht der Welt – der 1517 jene Reformation initiierte, welche nicht zuletzt durch die immensen Bau- und Ausstattungsprogramme befeuert wurde, zu deren Finanzierung Raffaels Auftraggeber, die Päpste, den Peterspfennig eintreiben und hemmungslos Ablässe verkaufen ließen.

Im Unterschied zu Luther war Raffael aber nach aller Überlieferung kein Heißsporn, auch kein Revolutionär. Er vollendete stattdessen mit seiner erlesenen, so emotional anregenden wie intellektuell erregenden Kunst eine Entwicklung, die etwa 80 Jahre vorher begonnen hatte, durch die Flucht vieler griechischsprachiger Gelehrter nach der osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 nach Italien vorangetrieben wurde: die Renaissance, die Wiedergeburt. Der – römischen – Antike nämlich als einer aktuellen Moderne. Dazu gehörte, damals  tiefe, aber auch durch eineinhalb Jahrtausende Tradition geformete christliche Religiosität. Sie zeigt sich in den vielen und trotz so mancher Schemata auch erstaunlich vielfältigen Madonnenbildern Raffaels, die das Gegenstück sind zu den fundamentalistisch auf die Texte der Bibel zurückweisenden Schriften Luthers. Vor allem aber feierte Raffael die Geschichte. Seine prachtvollen und monumentalen Historiengemälde etwa in den Palästen des Vatikan oder auf Wandteppich-Entwürfen, die dann in Flandern gewirkt wurden. Einer der schwersten Verluste der Berliner Museen ist die Zerstörung eines solchen Sets im Zweiten Weltkrieg. Sie zeigten auf Generationen hinaus, wie viele Personen, Architektur und Natur auf einer Fläche anzuordnen sind, um die maximale emotionale Wirkung, die spannendste Geschichte zu erzielen. Bis in die stalinistische Heldenmalerei, die mexikanischen Murales und die sozialistische Wandmalerei-Bewegung wirkten die dafür gefundenen ästhetischen Formeln.

Erstaunlicher Realismus

Zwar war er einer der ersten Künstler, von denen wir wissen, dass sie auch weibliche Aktmodelle zeichneten, und der Realismus mancher Details seiner Gemälde ist staunenswert, zeigt den Einfluss der flämisch-burgundischen Kunst bis nach Italien. Dennoch schrieb er in einem Brief an einen seiner Auftraggeber sinngemäß, die Natur sei zwar Ratgeberin, aber erst die Kunst könne durch die Kombination aller natürlicher Zufälligkeiten wirkliche Vollkommenheit erzielen. Und darum ging es ihm und vielen anderen Zeitgenossen: Perfektion, Vollkommenheit, die Vorstellung, dass nichts dazu getan und nichts weggenommen werden könne, ohne das Werk zu zerstören.

Raffael wurde schon von den Zeitgenossen als ungewöhnlich gut aussehender, eher zart gebauter Mann beschrieben, als höflich und umgänglich, durchaus konkurrenzbewusst – anders hätte er in der unglaublich aktiven Kunstszene Italiens jener Hochzeit der Renaissance auch kaum bestehen können.  Aber nicht einmal Giorgio Vasari, der in seinen legendären Lebensbeschreibungen, den „Vite“ der italienischen Künstler Skandalgeschichten gerne überliefert, konnte Raffael anders als integren Menschen zeichnen. Im 19. Jahrhundert wurde diese Überlieferung zum blanken Kitsch kondensiert, der Renaissance-Maler zum bürgerlichen Ideal umgeformt, treu und freundschaftlich, edelmütig bis zur Langeweile. Auch um diesen Mythos zu zerstören, entdeckte man zunehmen, dass auch ein Raffael fehlbar war: Er habe die Syphilis gehabt, sei seiner Braut untreu gewesen, habe unverheiratet bis zu seinem Tod mit einer anderen Frau zusammen gelebt. Das passte ins den Mythos vom wilden Künstler, wie ihn die Moderne liebte. Doch reichte es nicht.

Andy Warhols Aktualisierung

Seit den 1850er-Jahren sank Raffaels Ruhm, auch wenn seine Werke an den Kunstakademien und in den Architekturschulen – er war einer der brillantesten Architekten seiner Zeit – weiter als Vorbild dienten, immer neue Kopien seiner Werke entstanden. Die Hohenzollern legten sich sogar eine Sammlung möglichst aller Raffael-Werke in Kopien zu, die in der Potsdamer Orangerie ausgestellt wird. Selbst die Sixtinische Madonna war nicht immer tabu für Angriffe, Leo Tolstoi schrie peinlich berührt, er fände sie eigentlich langweilig. Das 20. Jahrhundert gefiel sich darin, die Suche nach ästhetischer Vollkommenheit anzulehnen, das wilde Genie zu bevorzugen. Es brauchte die Pop-Art, es brauchte Andy Warhol, um Raffael aus der Ecke des Edel-Kitsches herauszu holen – indem er ihn mit reichlich Wiederholungen der Sixtina radikal zum Hyper-Kitsch machte. Und damit wieder erträglich.

Als Raffael starb, hielte es die Zeitgenossen übrigens für nur angemessen, dass bei der Beerdigung Kardinäle den Sarg trugen, der Papst die Hand des Toten küsste. Auch sein Begräbnis wurde so zum Modell für ungezählte Ehrungen der Kunst durch die Politik. Seinem Wunsch gemäß wurde Raffael im auch nach damaliger Ansicht wertvollsten Bau, der aus der römischen Antike die Zeiten überstanden hatte, dem Pantheon beerdigt – bis heute liegen eigentlich immer Blumen auf seinem Sarg.