Wenige Wochen vor der Eröffnung sieht der Eingangsbereich der neuen Schauspielschule aus wie ein Rohbau. Es werden Umzugs-Lieferungen erwartet, darum stehen alle Türen offen. Draußen sind an diesem Morgen zwölf Grad, drinnen auch. Die Frau am Empfang rollt sich in ihre Wolljacke. Baumaterial stapelt sich auf dem Fußboden.

Den Satz „Da ist aber noch viel zu tun!“ will Holger Zebu Kluth, Rektor der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, jetzt auf keinen Fall hören. Er schreitet vorher ein und erklärt der skeptisch herumguckenden Besucherin, dass der Rohbaucharakter der Schule gewollt ist, genau so. Damit meint er keine rohen Betonwände. Dieser Trend ist ja so alt, dass ihn schon die Tapetenindustrie kopierte – 28 Sorten Industriegrau, die besseren mit Metall versetzt.

Dieses Gebäude in der Zinnowitzer Straße will nicht anheimelnd aussehen. Es war einmal eine riesige Werkstatt über drei Fabriketagen mit Glasdach, die gewaltige Bühnenbilder für Opern herstellte. Sehr imposant, allerdings auch steinalt – es regnete durch. Die Opern-Werkstätten ziehen 2010 weg. Aus dem alten Haus entsteht eine Hochschule, in der von nun an Schauspieler, Regisseure, Choreografen und Puppenspieler ihr Handwerk lernen. Der Werkstattcharakter soll bleiben. Die Rigipsplatten an den Wänden sind zwar verspachtelt, aber auch ungestrichen, man sieht alle Reibeflächen.

Von den Decken hängen bröckelige Farbfetzen, immerhin ist alles mit Schallschutzplatten versetzt. „Und die Wände im Laufbereich, schauen Sie, das sind Tafelverkleidungen. Die kann man beschreiben und abwischen“, sagt der Rektor. „Und da vorn, die frei schwebende Betontreppe, also die habe ich sofort zu meinem Lieblingsplatz erklärt. Da würde ich meinen Schreibtisch aufstellen, wenn nicht dauernd einer lang gelaufen käme. Ist ja nun mal eine Treppe.“

Der auffällige Bühnenbau mit der warmen Holzfassade

Holger Zebu Kluth, 56, ein großer, schlanker Herr in Schwarz mit markantem Bart und tiefen freundlichen Lachfalten, kam erst im vergangenen Herbst an diese Schule. Bis heute verbreitet er die Aura eines Rektors im Glück. Nicht, weil er sich immer noch an seinem Karrieresprung erfreuen würde, den die Berufung an eine der angesehensten deutschen Schauspielhochschulen bedeutet. Prestigedenken scheint ihm eher suspekt. Er hat sich nach dem Studium von Germanistik und Theaterwissenschaften lange und konsequent in der freien Szene bewegt, in Berlin etwa die Sophiensäle mit gegründet, bevor er 2004 nach Hamburg ging und dort Geschäftsführer von Privattheatern wurde.

Vielmehr freut sich Kluth ehrlich darüber, dass ihm, seinen Dozenten und Studenten dieser Prachtbau hier hingestellt wird. Mitten in die Berliner Mitte, drei Minuten zu Fuß zum Nordbahnhof, zwei Minuten zur nächsten U-Bahn. Beim Einbiegen in die Zinnowitzer Straße sieht man gleich den auffälligen Bühnenturm mit seiner warmen Holzfassade. Sie verkleidet die beiden übereinander liegenden großen Studiobühnen, die Unten und Oben heißen. Ausgestattet mit variablen Tribünen und der besten nur denkbaren Technik eignen sie sich auch für klassische Theaterabende.

Der Rektor zeigt einen Raum nach dem anderen her, bis rauf aufs Dach, führt durch die lichte, verglaste künftige Bibliothek über mehrere Etagen, öffnet kleinere Proben-und Seminarsäle, läuft sich wohl auch selbst ein bisschen warm – angesichts von 8800 Quadratmetern Nutzfläche. In den oberen Stockwerken verliert sich das Rohe, die Flure wirken großzügig, hell, einladend und – fertig. Die Fensterfront da hinten soll unbedingt frei bleiben für eine Begegnungs- und Austauschecke mit ein paar Sitzgelegenheiten. Aber Moment mal, was ist das? Kluth entdeckt Balkontüren ohne Balkone, Benutzung nicht ungefährlich. Die Balkone wurden Opfer einer der letzten Sparrunden für dieses Gebäude.

„Gestern waren wir noch Baustelle, seit heute sind wir Hochschule"

Interessant – Sparrunden? Selbst an dieser Stelle mag der Rektor kein verdammtes negatives Wort über die wunderbare neue Schule verlieren, die er in drei Wochen groß eröffnet: „Ja, den Studenten hätte es natürlich gefallen, ihre Diskussionen draußen im Freien fortzusetzen. Aber die Bewohner da drüben, die werden uns ewig dankbar sein für die relative Ruhe, die ihnen das Fehlen der Balkone schenkt.“ Tatsächlich kommen die nagelneuen Wohnhäuser dem Schulgebäude dermaßen nahe, dass man den Familien dort beim Frühstück auf den Tisch schauen kann.

Das Studienjahr beginnt im Oktober, aber vor einer Tür stehen schon 25 Paar Schuhe – die neuen Schauspielstudenten sind seit heute da, beginnen den ersten Tag mit Bewegungsunterricht. Dass der Umzug zeitlich absolut Spitz auf Knopf steht, erzählt der nächste Satz: „Gestern waren wir noch Baustelle, seit heute sind wir Hochschule. Die Abnahme hat geklappt!“, sagt der Rektor beschwingt. Noch ein Tag Verzögerung und die Neuen hätten wieder gehen müssen – kein Unterricht auf Baustellen.

Wer sich fragt, warum ein Gebäude, das vor acht Jahren leer gezogen wurde, mit Ach und Krach in letzter Sekunde fertig wird, sei erinnert: Hier baut das Land Berlin. Als Bauherr hat es einen schrecklichen Ruf. Zuletzt gab es für die Sanierung der Staatsoper 500 statt 239 Millionen aus und brauchte mehr als die doppelte Zeit. Vor allem, weil es auf eine anständige Planung verzichtet. Aber zur Eröffnung heißt es spritzig: In zehn Jahren spricht kein Mensch mehr über die Kosten. Eine zauberhafte Lockerheit im Umgang mit Geld, das einem nicht gehört.

21 Jahre Suchen, Planen, Bauen und aggressives Trödeln

Bevor sich nun Politiker bei der Eröffnung dieser großartigen kleinen Hochschule wieder auf die Schulter klopfen, ein kurzer Blick zurück auf die Geschichte der Baustelle. Stimmt es, dass die ersten Pläne für eine neue Schule von 1997 stammen? Ja, gewiss. Damals beginnt die Suche nach einem zentralen Standort für die „Ernst Busch“. Nicht, um der Künstler-Elite von morgen oder deren Professoren von heute eine besser erreichbare Hochschule zu spendieren. Vielmehr sind ihre vier Standorte in vier Stadtbezirken in Gänze marode. In Niederschöneweide bei den Schauspielern etwa notiert ein Gutachten Sanierungsbedarf durch Asbest, bleihaltiges Wasser, versiffte Duschen und Regen in der Bibliothek. Es kommt zu dem Schluss, dass es billiger wird, die vier Standorte in einem Gebäude zusammenzuführen, statt alle separat herzurichten.

Nach ausgiebiger Suche steht 2008 tatsächlich ein Umzug in die Pankower Garbáty-Höfe bevor. Architekten legen einen klasse Entwurf dafür vor, die Baukosten von 29 Millionen Euro stehen im Haushalt auf Abruf, Professoren und Studenten sind happy – als der Senat die Ausschreibung eines Tages plötzlich abbricht. Ihm fällt ein, er könnte mehr verlangen für sein Geld, zum Beispiel zusätzlich die Sanierung des Studiotheaters bat in der Belforter Straße.

Unbillig, diese Forderung!, rügt ein Gericht und verurteilt das Land Berlin zu einem Schadenersatz in Millionenhöhe für die Architekten. Die Schäden für jahrelanges Umsonst-Planen lassen sich schlechter beziffern. Es ist nicht die Zeit, in der sich Politiker mal erklären für das, was sie verbocken, gar Fehler zugeben. Das aggressive Trödeln geht weiter. Nachdem sich die Opernwerkstätten in der Zinnowitzer Straße als neuer Standort anbieten, fliegt das Bauprojekt 2010 aus dem Haushaltsplan. Berlin braucht sein Geld woanders. Wolfgang Engler, Rektor von 2005 bis 2017, im Hauptberuf Standort- und Umzugsplaner, spricht damals von einem „Klima der heimlichen Freude am Misslingen. Wir haben permanent das Gefühl, dass wir stören, nerven, lästig fallen.“ So kann man natürlich Politik machen.

„Das Schiff war schon gesunken und die Studenten haben es vom Grund nach oben gezogen."

Doch manchmal führt sie zur Revolte. Denn als der zweite durchgeplante Standort – die Opernwerkstätten – wieder platzt, fliegt den Berliner Politikern ihre Taktik um die Ohren. Das passiert im Mai 2012, in der Woche, als Klaus Wowereit die Verschiebung der Flughafen-Eröffnung verkündet – noch ahnungslos über das Ausmaß des Milliardengrabs. Da also betritt der SPD-Haushälter Torsten Schneider die Bühne und erklärt, dass er sich das nicht bieten lässt. Die Kosten für die neue Schule seien ja von 33 auf 34,8 Millionen Euro gestiegen! Nicht mit ihm! Dann gibt es eben keinen Neubau, der alte wird saniert und fertig!

Der Parlamentsausschuss kippt den neuen Standort, Schneider bellt: „Der Beschluss ist unumkehrbar!“ Er tut, als seien die höheren Baukosten Ergebnis von Luxuswünschen der Schule und nicht von jahrelangen politischen Hinhalte-Manövern. Theater schicken Protestnoten, Engler spricht von Amoklauf, dann nehmen die Studenten die Sache in die Hand. Sie gehen in den Streik, legen mit einer Demonstration die Friedrichstraße lahm und machen die peinliche Provinzposse mit einer Piratenaktion im Fernsehen bundesweit bekannt. Sie besetzen das Gelände der künftigen Schule und hängen ein Riesenplakat an die Fassade mit der Aufschrift: „MEINS. Dieses Gebäude. Diese Partei. Diese Stadt. Torsten Schneider. SPD.“ Danach rudert die Politik zurück. Sie kann das Grundstück in bester Lage doch nicht an Investoren verkaufen, wie all die Sozialwohnungen zuvor.

Auch Holger Zebu Kluth weiß, dass er ohne den selbstlosen Aufstand der Studenten in Schöneweide hängen geblieben wäre. „Wie ich höre, war das Schiff schon gesunken und die Studenten haben es vom Grund nach oben gezogen. Was dieser Erfolg sie dabei lehrte an Solidarität und Ensemble-Arbeit, kann ein Lehrplan gar nicht bieten. Wir laden die Studenten von damals zur Eröffnung ein und zeigen ihre Revolution in einer Foto-Ausstellung.“

„Nach Oberschöneweide kam ja keiner, aber hier geht alles."

Bei seiner Bewerbung für dieses Amt 2017 gibt Kluth zu, nicht zu wissen, wie man die Schule weiterentwickeln könne. Er kannte sie nicht von innen und sie funktionierte ja, glänzt seit jeher mit diesem unerhörten Renommee. Nach einem der 25 Schauspielplätze stehen jedes Jahr mehr als tausend Bewerber an, die Vermittlungsquote liegt bei hundert Prozent.

Nach seinem intensiven Einsatz als Umzugs- und Baustellenbeauftragter wird Kluth nun als Harmonierer und Zusammenführer gebraucht für vier Studiengänge mit ihrer unterschiedlichen Geschichte. Dabei will er der Schule zu mehr öffentlicher Präsenz verhelfen, an diesem zentralen Ort soll sie mit allen Sparten in die Stadt strahlen. Zu einem Ort der Diskussion werden, mit Theater, Foren, Gästen. „Nach Oberschöneweide kam ja keiner, aber hier geht alles. Und wir können auch darüber reden, wie wir das klassische Theaterhandwerk erhalten, die hohe Qualität der Sprecherziehung, und uns trotzdem zeitgenössischen Tendenzen öffnen. Unsere Studenten müssen ein Bild von der Welt mitnehmen, die ein Markt geworden ist.“

Eröffnungsfest „Anfang für Alle“

Bevor es um die Zukunft der Ausbildung geht, könnte zur Eröffnung noch mal die Frage nach den Kosten für die ewige Baustelle auftauchen. Immerhin verschob sich auch der letzte Umzugstermin von 2016 noch mal deutlich. Nun, Berlin hat gebaut wie immer. Stellte beim Baggern fest, dass der Baugrund „schwierig“ und die Bausubstanz des Gebäudes „schadhaft“ ist. Wer ahnt denn so was? Ein langer Baustillstand folgt, weil eine Baufirma Pleite geht, eine andere wegen „Schlechtleistung“ ausfällt. Nun kostet die neue Schauspielschule nicht 33 Millionen, sondern knapp 45 Millionen Euro.

Torsten Schneider, immer noch SPD-Haushaltssprecher, der für sehr viel weniger den Stecker ziehen wollte, sagt dazu heute dezidiert gar nichts. Und die Bauverwaltung? Hätte sie nach der Staatsopern-Erfahrung die neue Kostenlawine nicht durch gute Bauplanung vermeiden können? Auch sie schweigt zu der Frage. Schickt stattdessen ein Zehn-Seiten-Papier mit den Ausgaben. Klar, so stählt man Vertrauen in die Lernfähigkeit von Politik.

Aber die Studenten, die wollen lernen. Werden ihr neues Domizil in seinen unendlichen Möglichkeiten randvoll mit Enthusiasmus füllen. „Anfang für Alle“ nennt die Hochschule ihr großes Eröffnungsfest und lädt jeden ein. Was sie jetzt für Platz hat, um Theater zu zeigen: zwei Studios im Haus, das bat und noch die Uferstudios. Der Spielplan ist voll. Es klingt auch nach viel Arbeit.