Die Sängerin und Songwriterin Fiona Apple
Sony Musik

Die Percussion ist der Schlüssel zu diesem Album von Fiona Apple, mit dem sich eine der nachdrücklichsten Pop-Stimmen unserer Zeit in Erinnerung ruft. Für ein Singer-Songwriter-Album ist das ziemlich außergewöhnlich. Hört man „Fetch the Bolt Cutters“ zu leise, scheint es vor allem zu rasseln und zu scheppern. Melodieinstrumente spielen verhalten,  Bass und Vibrafon grundieren die Lieder wie vom Boden her mit Harmonien, selbst ihr Klavier hämmert meist dunkel bis martialisch perkussiv. Fiona Apple denkt ihre Songs vom Rhythmus her, den ihr Stimmflow stark akzentuiert, er erinnert daher öfter fast an Rap, aber sie fällt genauso in spöttisches Näseln und helles Schwelgen, in raue Aggression, Kieksen und Jaulen. 

Gut acht Jahre verbrachte sie seit dem Vorgänger-Album zurückgezogen in ihrem Haus in Venice Beach, wo   „Fetch the Bolt Cutters“ entstand. Es ist erst ihr fünftes Album, seit sie 1996, kaum 19-jährig, mit „Tidal“ debütierte. Etwas jazzig, aber recht vorschriftsmäßig produziert, erkannte man im Tonfall schon die klar konturierte Künstlerin. Das Selbstbewusstsein, mit dem sie schlecht gelaunte Kritik übte, persönliche Krisen lebte und sich weder um Marketing- noch Benimmregeln des Betriebs scherte, brachte ihr den Ruf der „schwierigen“ Künstlerin ein, machte sie aber  auch zum Vorbild für junge Kolleginnen wie Lorde oder zuletzt Billie Eilish.

Mit jedem Album entfernte sie sich stur ein Stückchen weiter von ihren Anfängen. Heute können ihre Songs mit heiserer Rockemphase behauptet werden, wie im eröffnenden „I Want You to Love Me“, mit einem loungigen Jazzgefühl gefedert sein wie im Titelstück oder in gelayerten Chants an dunkle Fieldhollers erinnern wie „Newpaper“. Und in der fast gradlinig soulvollen Ballade „Ladies“ kann sie ihr Talent für Melodie und Form auch mal ganz unverhüllt stehen lassen. Alles an diesem Album, bis in die leidenschaftlich sprunghaften, sarkastischen, zornigen, begehrenden Texte, scheint lose und spontan zueinanderzufinden – tatsächlich hat sie für die Percussion Hauswände, Blumentöpfe, Blechdosen und sogar die Knochen ihres Hundes benutzt.

Als einen der wenigen Verwandten könnte man Tom Waits erkennen, der in den Achtzigern eine ähnlich unverkennbare Klangsprache fand. Wie Waits gelingt es Fiona Apple, uns in ein ganz eigenes, sehr unbekanntes Sounduniversum ziehen, mit kraftvoller Dringlichkeit, unbeirrt, egal wie oft man ihr, singt sie, unter dem Tisch ans Schienbein kickt. „Ich war viel zu lang hier drin“, drängelt das Titelstück, „holt den Bolzenschneider!“ Mit einem so grandiosen Krachen hat sich lange niemand mehr befreit.

Fiona Apple: „ Fetch the Boltcutters“

Epic/ Sony