Anetta Kahane ist eine mutige Frau. Sie scheut sich nicht, die Dinge so auszusprechen wie sie sie sieht. Auch wenn das manch einem nicht gefällt. Das bekam die Mitbegründerin und Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung in den vergangenen Jahren immer wieder zu spüren. Oft zieht Anetta Kahane die Wut auf sich, weil ihre Stiftung gegen Rassismus und neonationalistische Ressentiments Position bezieht.

Das steht auch bei ihrem neuen Buch zu befürchten. „Nach Auschwitz: Schwieriges Erbe DDR“ ist der Titel des Werks. Verkürzt gesagt, geht es darin um einen Zusammenhang zwischen einer fehlenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR und heutigen Phänomenen wie der völkischen Pegida und der AfD. Es ist zu erwarten, dass auch diese Erwägungen Protest auslösen werden.

Nur unzureichend erforscht

Gemeinsam mit Enrico Heitzer von der Gedenkstätte Sachsenhausen, dem Historiker Martin Jander und dem Kulturanthropologe an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Patrice Poutrus, hat Anetta Kahane diesen Sammelband mit verschiedenen Aufsätzen zum Thema herausgegeben. Die Herausgeber wollen ihn als Plädoyer verstanden wissen, sich stärker als bisher in der Zeitgeschichtsforschung wie der politischen Bildung mit der SED-Diktatur als einer von drei Nachfolgegesellschaften des Nationalsozialismus zu befassen.

Nur unzureichend sei bisher erforscht worden, „wie genau die Entnazifizierung angelegt war, in welcher Weise Nazis in der DDR ausgeschlossen oder integriert wurden, wie der aus dem Nationalsozialismus und der Zeit davor herrührende Antisemitismus gebrochen wurde oder weiterwirkte, wie überlebende NS-Opfer entschädigt wurden oder nicht, wie Kommunisten ihre Geschichte als NS-Verfolgte zur Legitimation einer neuen Diktatur einsetzten, ob der Antifaschismus auch antisemitisch untersetzt war oder nicht“ und so fort.

Die Bundesrepublik als Transformationsgesellschaft

Der Band will nur ein Anstoß sein, tiefer einzutauchen. Er versammelt denn auch nur schlaglichtartig einiges, was zu sagen wäre, darunter ein Blick auf die sich teilende Stadt Berlin, Abhandlungen über den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR, die Stigmatisierung junger Menschen auf der Suche nach neuen Lebensstilen, den Umgang der DDR mit dem NS-Völkermord an Sinti und Roma, die Instrumentalisierung der Vergangenheit in der vereinigten Bundesrepublik.

Anetta Kahane beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit den neuen Ländern nach dem Beitritt zur Bundesrepublik als Transformationsgesellschaft. „Rechte Parteien gewinnen an politischem Raum oder gestalten bereits die Regierungspolitik mit“, schreibt sie.

Vorstellung in der TU

Und: „Die Errungenschaften der liberalen Moderne werden nicht nur infrage gestellt, sondern als Grundübel der Gesellschaft bezeichnet.“Die besondere Verunsicherung in den Ländern des ehemaligen Ostblocks erklärt sie nicht nur mit Verwerfungen im sozialen Bereich. Die Zivilgesellschaft habe keine Zeit zum Wachsen gehabt. Dazu komme aber außerdem, dass schon die DDR ihre Vergangenheit und in der Folge ihre Identität als Nachfolgestaat des Nationalsozialismus vollkommen verdrängt habe, um im Kreise der Bruderstaaten zur Gruppe der Opfer gehören zu können. Noch immer werde diese Opfer-Erzählung für die Ostdeutschen fortgeschrieben.

Im Gespräch mit Samuel Salzborn vom Zentrum für Antisemitismusforschung werden die Herausgeber den Sammelband an diesem Donnerstag in der TU Berlin vorstellen.

Neue Blicke auf die DDR: 22. November 2018, 19.30 Uhr, TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin, Hauptgebäude, H 3007