Hitlerjungen bei der Vereidigung: Szene aus der Dokumentation „Kinder des Krieges“.
Quelle: RBB

BerlinGisela Jäckel ist zehn, als sie in der Küchenschublade den Brief aus Auschwitz findet und lesen muss, dass ihre Mutter längst gestorben ist. Die neunjährige Isabella Zangl wird im April 1945 samt ihrer Familie von amerikanischen GIs an Hunderten Leichen erschossener KZ-Häftlinge vorbeigeführt und muss lachen, als ein Kopf aus dem offenen Sarg heraushängt. Brigitte Rossow hält nicht still, als ihre Mutter ihr die Pulsadern aufschneidet, weil die Russen kommen – da ist sie zehn. Der 16-jährige Ruprecht von Poncet wird von Rotarmisten für einen Werwolf gehalten und ins Internierungslager gesteckt. Der zwölfjährige Alois Schneider sprengt sich beim Spielen mit einer Granate Hand und Bein ab.

Die ARD-Dokumentation „Kinder des Krieges – Deutschland 1945“ fasst Dutzende solcher Dramen zusammen. „Sie sind vor dem Krieg geflohen und konnten ihm doch nicht entkommen. Sie haben gesehen, was sie nie vergessen werden“, betont Sprecherin Anna Thalbach. Viele Filme des öffentlich-rechtlichen Rundfunks blicken in diesen Tagen auf das Jahr 1945 aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen zurück. Es wird der letzte große Anlass sein, sie zu befragen: Die meisten sind weit über 80. Wer damals zu jung war, um schuldig zu werden, kann aber auch anders berichten. „Sie sind gute Beobachter – und setzen sich früher mit der NS-Diktatur auseinander als ihre Eltern“, hat Autor Jan Lorenzen erfahren.

Wie unbefangen er Begriffe wie Flammenwerfer, Waffenstillstand und Vergewaltigung lernte, daran erinnert sich Hans-Dieter Grabe in seinem Film über den Sommer 1945 in Dresden. Der damals Achtjährige erlebt einen Bombenangriff auf die heimische Villa, bangt, als der Vater, ein Oberst der NS-Luftwaffe, in Buchenwald interniert wird, und beschreibt seinen Moment des Friedens: Als er einer Seiltänzerin zuschaute – und beim Blick nach oben nicht mehr an Flugzeuge dachte.  

Die Perspektive von Jugendlichen bestimmt auch Volker Heises „Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt“. Das 17-jährige Lehrlingsmädchen Brigitte Eicke hat festgehalten, wie sie mit ihren Freundinnen im Frühjahr 1945 ausging. Kinovorstellungen wurden wegen eines Bombenalarms unterbrochen – und nach der Entwarnung fortgesetzt. Als sie nach Kriegsende zur Enttrümmerung abkommandiert wird, beklagt sie sich: „Es ist furchtbar, wie wir Deutschen erniedrigt werden!“ Volker Heise legt seinen Film als „multiperspektivisches Mosaik“ an. Neben den Berlinern kommen Zwangsarbeiter aus Russland und Frankreich, Rotarmisten wie Konrad Wolf, eine untergetauchte Jüdin, NS-Führer wie Joseph Goebbels sowie Journalisten und Schriftsteller zu Wort. Die NS-Diktatur funktionierte bis zum Schluss: Noch wenige Wochen vor dem Ende wurden Regimegegner zum Tode verurteilt und Juden nach Theresienstadt deportiert – Heise lässt die komplette Transportliste vortragen. Die Filmbilder jener Tage sind zwangsläufig Propaganda aller Seiten. Der Film stellt die Bilder englischer Kampfpiloten den Bildern von heimischen Verteidigern gegenüber – er verzichtet auf Historiker-Kommentare.

Den Blick von beiden Seiten betont die ARD-Doku „Getrennt durch Stacheldraht. Jugendjahre im KZ Gusen“. Hier werden die Erinnerungen eines damals 17-jährigen KZ-Häftlings aus Slowenien denen eines Altersgefährten gegenübergestellt – dem Sohn des Lagerkommandanten. Walter Chmielewski kehrte im April 1945 als Kriegsgefangener zurück – um Hunderte Leichen Ermordeter zu begraben. Erst sieben Jahre alt war der Nürnberger Robert Wild, als er im Mai 1945 begann, seine Erlebnisse aufzuschreiben.

Die ZDF-Doku „Deutschland von oben – 1945“ bietet dazu besondere Filmaufnahmen: Die Amerikaner hatten nach dem Sieg für ihre Truppen ein Rundflugprogramm über das zerstörte Deutschland betrieben. Die Aufnahmen zeigen: Nicht nur Dresden, sondern auch Städte wie Köln oder Pforzheim waren Steinwüsten, Düren galt als meistzerstörte Stadt Europas. Daneben setzt sich die Doku mit dem Mythos der „Trümmerfrauen“ auseinander. So gelingt es, etwas Neues zu erzählen, neue Bilder zu finden, neue Zusammenhänge herzustellen – es lohnt, sich eine Woche lang komplett ins Jahr 1945 zu versenken.  

Kinder des Krieges, ARD, 20.15 Uhr

Waffenstillstand – Mein Sommer ’45 in Dresden, 3Sat, 22.25 Uhr

Mit Gott gegen Hitler. Bonhoeffer und der christliche Widerstand, ARD, 23.15 Uhr (alle am Montag, den 4.5.)

Berlin 1945 – Tagebuch einer Großstadt, Arte, 20.15 Uhr (und auf RBB am Freitag, den 8.5.)

Deutschland von oben – 1945 , ZDF, 20.15 Uhr (alle am Dienstag, den 5.5.). Weitere Dokumentationen in den Mediatheken von ARD und ZDF