WienJa, wir befinden uns in beängstigenden Zeiten. Diese Pandemie, sie vereinzelt uns und lässt unsere Zukunft ungewisser erscheinen, als wir es jemals geahnt hätten. In dieser angespannten Situation trifft uns der Terror dort, wo er besonders wehtut. Ein Terroranschlag will uns in diffuse Angst stürzen. Die Wahllosigkeit, die ein solcher Anschlag an den Tag legt, soll in uns das Gefühl erwecken, dass jeder Mensch jederzeit verletzt und von Gewalt getroffen werden kann. Wir alle sind gemeint. Eine Welle der Angst verbreitet sich durch all unsere Köpfe, durch all unsere vereinzelten Körper. Die Angst, sie sagt zu uns: „Such Schutz ... Egal wie ... Such Schutz.“

Ich hatte am Sonntagabend noch eine letzte Lesung bei den Nibelungenfestspielen in Worms, kurz bevor in Deutschland die kulturellen Schotten dicht gemacht wurden. Am Montag ging es wieder zurück nach Wien, die Nacht war ungewöhnlich lau. Viele Wiener gingen noch mal ins Theater oder auf ein letztes Bier irgendwo im Freien, bevor es am Dienstag für sie in den coronabedingten Winterschlaf gehen sollte.

Ein obszönes Phantasma

Kurz nach dem Anschlag poppte im Newsfeed meines Telefons schon ungefragt ein drastisches Bild des Terrorakts auf, rund um den Wiener Schwedenplatz. Der österreichische Boulevard hatte sich dazu entschieden – ohne Rücksicht auf Opfer und Hinterbliebene –, Bilder und Videos der Schreckenstat in Echtzeit und in all ihrer Explizitheit zu publizieren. Die Algorithmen der Neuen Medien sorgen dafür, dass jene Inhalte, die die meisten Emotionen auslösen, auch die größte Verbreitung finden. Angst und Hass sind die pulsierenden Goldadern eines medialen Netzes, das nicht lange fragt, wer eigentlich der Autor dieser Gefühlsregungen ist – und ob er sie gezielt dafür einsetzen will, um die Massen zu polarisieren.

Foto: Regina Laschan
Ferdinand Schmalz

Ferdinand Schmalz, 1985 geboren, ist ein Wiener Theaterautor. Zuletzt feierte sein Stück „jedermann (stirbt)“ am Schauspiel Frankfurt Premiere. Es wurde auch am Deutschen Theater in Berlin gezeigt. Die Uraufführung seines Stückes „die hildensaga“ bei den Nibelungenfestpielen Worms wurde coronabedingt auf 2022 verschoben.

Gerade bei einem Terroranschlag ist die Gier nach drastischen Inhalten besonders problematisch, weil damit die Terroragenda weitergetragen wird, die die Menschen zu ängstigen und ihnen eine Identifikationsmöglichkeit mit dem Gewalttäter zu bieten versucht. Und so wird der Gewaltexzess zum obszönen Traum der Selbstbespiegelung für all jene, die kein anderes Mittel sehen, um sich Anerkennung und Respekt zu verschaffen.

Die liberale Geisteshaltung ist die Antwort

Es liegt in der menschlichen Natur, dass wir uns in solchen Momenten der Angst nach einem Garant für unser Wohlergehen sehnen. Nach übergeordneten Instanzen, die uns die Sicherheit wieder zurückgeben. Auch jetzt lässt die Angst bei vielen Österreichern den Wunsch nach einem starken Beschützer wachsen, nach einem Souverän, der mit aller Härte vorgeht – ohne Rücksicht auf die als lähmend empfundene Rechtsstaatlichkeit.

Wenn uns aber die 2000er-Jahre eines gelehrt haben, dann doch diese Erkenntnis: dass man auf die Schrecken des Terrors nicht mit abschreckenden Maßnahmen antworten darf. Sie sind es, die erst den Boden bereiten, auf dem Organisationen wie der Islamische Staat gedeihen können. Das deklarierte Feindbild des Terrors ist ein liberal demokratischer Rechtsstaat, in dem niemand Angst haben muss aufgrund der eigenen Meinung, der eigenen sexuellen Präferenz, der eigenen Religionszugehörigkeit, ein Staat, in dem niemand Angst haben muss vor Verfolgung und Unterdrückung.

Die Aushebelung dieses Rechtsstaates und seiner Prinzipien der Freiheit ist das erklärtes Ziel des Terrors. Es hat sich gezeigt, dass dort, wo sich die politischen Entscheidungsträgerinnen nicht auf die Mechanismen einer von Angst infizierten Politik eingelassen haben, die Auswirkung des Terrors auf die Gesellschaft geringer ausfiel. Ja, dass das gestärkte Selbstbewusstsein einer liberalen Gesellschaft die weitaus bessere Antwort ist als alle martialischen Gesten und pauschalen Kriegserklärungen.

Keine Angst

Das Phänomen des Terrorismus ist komplexer, als dass man ihn mit wahllosen Rundumschlägen oder Totalüberwachungen ersticken könnte. Zumal die Milieus, aus denen die Attentäter kommen, ja meistens bekannt sind. Hier braucht es präzise Präventionsarbeit, die sich vor allem auch gegen die radikalisierende Macht der Neuen Medien wenden muss. Außerdem brauchen wir eine entschreckende Politik, eine radikal demokratische Antwort auf diesen Angriff, weil die Infektionsrate der Angst eine weit höhere ist als diejenige des Coronavirus.

Hier sind vor allem wir als Gemeinschaft gefragt, die Infektionsketten der Angst zu durchbrechen, also im Angesicht der beängstigenden Tatsachen trotzdem die Hoffnung und den Glauben in eine freie Gesellschaft nicht zu verlieren. Wo Terror, Pandemie und Populismus schon klaffende Risse in unsere Gesellschaft getrieben haben, dürfen wir nicht aufhören, neue Verbindungen, neue Bündnisse, neue Verbindlichkeiten zu schaffen. Und auch wenn Kunst und Kultur gerade die Hände gebunden sind, müssen gerade sie jetzt den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Um es mit den Worten des 2008 verstorbenen Wiener Musikers Hansi Lang zu sagen: „Ich schreibe auf alle Fenster, auf alle Türen, auf alle Mauern, auf alle Herzen, keine Angst, keine Angst.“