Im Netflix-Film „Don’t Look Up“ rast ein gigantischer Komet auf die Erde zu und droht alles Leben zu vernichten, während sich Medien und die sozialen Netzwerke am Beziehungsstreit der Popstars „Riley Bina“ und „DJ Cello“ abarbeiten. Die Parallelen zur aktuellen Situation sind augenfällig: China ist im Lockdown, Putin führt Krieg und die Notenbank der USA hebt die Zinsen an, die Welt treibt in eine Stagflation und die Öffentlichkeit verhandelt sechs Wochen lang lieber en détail den Verleumdungsprozess von Johnny Depp vs. Amber Heard.

Jetzt ist der Streit erst einmal entschieden: Johnny Depp erhält 10,35 Millionen Dollar von Amber Heard, weil sie ihn offenbar verleumdet hat, Heard bekommt 2 Millionen Dollar, weil auch sein ehemaliger Anwalt sie wiederum verleumdet hat. So endet ein Prozess, der mit einem Gastbeitrag in der Washington Post im Jahr 2018 begann, in dem Heard sich als Opfer häuslicher Gewalt bezeichnete. Zwar konkretisierte sie die Gewalt nicht, doch war aufgrund der zeitlichen Zusammenhänge klar, wer gemeint war: ihr Ex-Ehemann Johnny Depp. Als die britische Sun Depp schließlich zum „Wife Beater“ („Frauen-Schläger“) erklärte, verklagte der die Zeitung.

Schon im Frühjahr 2020 war Amber Heard als Zeugin in einem Londoner Gerichtssaal geladen, allerdings noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Depp verlor damals den Prozess; die Tatsache, dass der Sohn des zuständigen Richters bei einem Talkradio arbeitete, das wie die Sun zum Murdoch-Imperium gehört, hinterließ jedoch einen schalen Beigeschmack. Im Hollywoodsystem galt Depp zu dieser Zeit aber längst als „radioactive“, das heißt: Kein großes Studio wollte mehr mit ihm arbeiten. Zu Heards Gewaltvorwürfen gesellten sich unleugbare Drogenprobleme, notorische Unzuverlässigkeit am Set, finanzielle Probleme und nicht zuletzt der offensive Bruch mit alten Weggefährten und Freunden.

Nun also der „Defamation Trial“ in Fairfax, USA, einer beschaulichen Kleinstadt mit nicht einmal einem Zehntel der Bevölkerung von Berlin-Spandau. Während der rote Backsteinbau des städtischen Gerichts von Presse und Johnny-Depp-Fans belagert wurde, wies im Inneren das Anwaltsteam des Schauspielers nach, dass seine Karriere durch Heards Artikel geschädigt wurde. Geklagt wurde auf 50 Millionen Dollar Ausgleichszahlung, während Amber Heard zum Gegenschlag ausholte und Johnny Depp auf 100 Millionen Dollar verklagte, ebenfalls wegen Verleumdung.

Johnny Depp gibt den Medien eine Mitschuld

Über allem stand jedoch der Kampf um die Deutungshoheit und Johnny Depps Versuch, seine öffentliche Reputation wiederherzustellen. Er selbst gibt letztlich den Medien eine Mitschuld an dieser Situation. Depp im Zeugenstand wörtlich: „In der Sekunde, in der die Anschuldigungen gegen mich erhoben wurden und zu einem gefundenen Fressen für die Medien wurden ... da hatte ich verloren.“ Das ist der Grund, warum sich seine Anwälte für Streaming-Kameras im Gerichtssaal starkmachten und der Prozess sechs Wochen lang live verfolgt werden konnte.

Dem Publikum bot der Prozess zunächst eine Armada an faszinierenden Charakteren, gar Glanzlichtern absurder Komik, inzwischen reihenweise zu Internet-Memes geronnen. So beispielsweise der verzettelte Anwalt Adam Nadelhaft, der Einspruch gegen seine eigene Frage erhob, oder der aufgedrehte Psychiater Dr. Spiegel, der in seiner Hybris sogar mit der Richterin zu diskutieren begann. Höhepunkt der seltsamen Vorstellungen war wohl die Zeugenaussage des Gebäudemanagers Alejandro Romero, Pfeife rauchend und aus dem fahrenden Auto heraus.

In den deutschsprachigen Medien meldeten sich immer wieder Stimmen mit der Ansicht zu Wort, die Depp-Heard-Schlammschlacht gehöre in die Bunte oder in die Bild-Zeitung, auf den Boulevard eben, aber nicht in ein Qualitätsmedium. Das aber unterschätzt die Komplexität des Falls und die Vielschichtigkeit, die er inzwischen zu bieten hat.

Wie in einem ausufernden Gesellschaftsroman von Lew Tolstoi bildet der Zwist der Ex-Partner nurmehr die Hauptlinie und den Aufhänger für zahlreiche Verästelungen und Exkursionen. Selten gab es einen so breiten und unverstellten Blick in die Tristesse der kalifornischen Oberschicht, vielleicht der US-Gesellschaft überhaupt: auf der einen Seite die Gewinner einer Entertainment-Branche, die Millionen Dollar anhäufen, auf der anderen ihre schlecht bezahlten Angestellten, die als De-facto-Leibeigene den Alltag managen.

Vor allem Kate James hinterlässt einen nachhaltigen Eindruck, sie war die ehemalige persönliche Assistentin von Amber Heard. Die erste Frage an sie lautet: Was ist ihre Arbeit? Fast schon grimmig gibt sie zu Protokoll: „Okay, mal sehen. Ich meine, wenn sie bereit sind, viel, viel Zeit mit mir zu verbringen, während ich Ihnen all die Details aufliste, wunderbar. Alles, was Sie sich vorstellen können, um das Leben von jemandem zu organisieren: Einkaufen von Lebensmitteln, Verwaltungsdinge erledigen, Auto zur Reparatur schaffen, mit dem Hund rausgehen, Blumen abholen, Absprachen mit der Dekorateurin, mit dem Hausmeister, Reisevorbereitungen usw.“

Anekdoten eines neufeudalen Arm-Reich-Gefälles

Als wandelnder Terminkalender, Umschlagplatz zum Rest der Welt und Mülleimer für Emotionen aller Art hatte die alleinerziehende Mutter auch an Sonntagen oder nachts zur Verfügung zu stehen, entlohnt wie eine Halbtagskraft, selbstverständlich ohne zusätzliche Vergütung. Als Kate James um eine Gehaltserhöhung bittet, spuckt ihr ihre Arbeitgeberin Amber Heard ins Gesicht.

Immer wieder waren es die Anekdoten eines neofeudalen Arm-Reich-Gefälles, die in der Aufarbeitung der Ereignisse ihre Spuren hinterließen, Wohlstandsverwahrlosung auf der einen Seite, prekäres Abstrampeln auf der anderen. Dazwischen die Nutznießer einer undurchsichtigen Unterhaltungsindustrie: wortkarge Disney-Funktionäre, clevere Sensationsreporter oder Deal-Maker, erfüllt vom eigenen Sarkasmus. Sie alle vereint vor dem Hintergrund eines inzwischen paranoiden Studiosystems, wo jeder aussortiert wird, der auch nur in die Nähe des Verdachts sexuellen Missbrauchs gerät.

In den langen Stunden, in denen Amber Heard im Zeugenstand sprach, konnte man tatsächlich nur bei oberflächlicher Betrachtung den Eindruck eines einseitigen Ehe-Martyriums gewinnen. Nahezu mustergültig traten die Merkmale der narzisstischen Persönlichkeitsstörung zutage, die ihr zuvor von der forensischen Psychologin Dr. Curry attestiert wurden: das Imitieren des jeweiligen Kleidungsstils von Johnny Depp oder der Psychologin Dr. Curry selbst stets am Folgetag. Immer drastischer wurden ihre exaltierten Schilderungen (Schläge ins Gesicht, Missbrauch mit Flasche, Nachrichten mit Blut geschrieben), um innerhalb von Sekunden in höhnisches Lächeln oder herablassende Blicke umzuschlagen.

Vor allem aber verstrickte sie sich in inhaltliche Widersprüche, die mit immer neuen Widersprüchen zurechtgebogen werden mussten. Es ist nicht vollkommen ausgeschlossen, dass sich hier eine gemarterte Frau im Zeugenstand emotional entblößen musste. Aber es ist sehr unwahrscheinlich. Kein einziges Foto zeigt die körperlichen Folgen der monströsen Schilderungen, obwohl Heard nie darum verlegen war, zerstörte Möbel oder den schlafenden Ehemann am Zimmerfußboden zu dokumentieren.

Im ersten Kreuzverhör bröckelt Heards Strategie

Dennoch wurde die Schauspielerin unmittelbar nach den vermeintlichen Übergriffen permanent abgelichtet: bei TV-Auftritten, Backstage, rückenfrei auf Festivalempfängen. Weder waren ein zerschundenes Gesicht noch die aufgeplatzte Lippe, blaue Flecken oder Schürfwunden zu sehen. Und das, obwohl Johnny Depp mehrere massive Ringe an den Händen trägt, die er laut Amber Heard nie abgelegt hat.

Lange hatte Heard auch öffentlich behauptet, keinen finanziellen Vorteil aus der Scheidung gezogen, sondern die gesamte Abfindungssumme von 7 Millionen Dollar an ein Kinderkrankenhaus und eine Bürgerrechtsorganisation gespendet zu haben. Doch dort war nur ein geringer Teil des Geldes angekommen. Im ersten Kreuzverhör durch Depps Anwältin Camille Vasquez begann Heards Verteidigungsstrategie schließlich zu bröckeln.

Nun kann man darüber streiten, ob das Urteil der Internet-Öffentlichkeit lange vor dem Urteil der Geschworenenjury der Schauspielerin unrecht tat. Die Ungereimtheiten von Heards Anschuldigungen ließen sich jedoch immer weniger von der Hand weisen. Im Gegenteil, die Tonaufnahmen, in denen sie offen zugibt, ihren Ehemann geschlagen und ihm die Tür in den Kopf gerammt zu haben, lassen wenig Interpretation zu.

An zahlreichen Stellen verhöhnt sie ihn offensiv, beispielsweise mit dem inzwischen berühmten Statement: „Geh doch an die Öffentlichkeit, Johnny, sag ihnen: ‚Ich, Johnny Depp, ein Mann, bin auch Opfer häuslicher Gewalt.‘ Und schau, wie viele Leute dir glauben oder sich auf deine Seite stellen werden.“

Nach Heards erstem Kreuzverhör hatten die Medien auffällig verhalten reagiert. Noch immer scheint die Vorstellung ungeheuerlich zu sein, dass Frauen toxische Lügnerinnen und Männer Opfer weiblicher Gewalt sein können. Der Guardian nennt den Fall noch immer eine „Orgie der Frauenfeindlichkeit“, ein Narrativ, das sich schlicht nicht aufrechterhalten lässt, wenn man den Prozess durchgehend verfolgt hat.

Unter den Prozessvideos sind es vor allem die Kommentare vieler Frauen, die Amber Heard keinen Glauben mehr schenken wollen. Immer wieder stehen dort Berichte eigener Erfahrungen mit häuslicher Gewalt, die sich schließlich genau deshalb auf die Seite Johnny Depps stellen. Auch Männer melden sich mit Missbrauchserfahrungen zu Wort.

Entscheidend ist aber die Signalwirkung des Falls Depp vs. Heard und die Chance, dass sich hier der öffentliche Diskurs erweitern könnte: Ein Mann ist nicht immer automatisch der Täter, eine Frau nicht immer das Opfer. Das ist es letztlich, was den Prozess meilenweit aus dem Boulevard heraushebt und ihm eine gesellschaftliche Relevanz verleiht.

Letztlich sind beide schuldig gesprochen worden, ein doch unerwartetes Ende. Die größere Verliererin bleibt Heard, die sich „zutiefst enttäuscht“ zeigte über das Urteil. „Die Enttäuschung, die ich heute fühle, kann man nicht in Worte fassen“, schreibt Heard am Mittwoch auf Twitter. Es sei ein Rückschritt für alle Frauen. Und wieder spricht sie von einem „Berg an Beweisen“. Depp ließ verkünden, dass er sein Leben zurückbekommen habe. „Ich habe meinen inneren Frieden gefunden“, sagt er, und: Das Beste werde noch kommen. Es klingt ein bisschen wie eine Drohung. Aber jetzt können wir alle uns wieder wichtigeren Dingen zuwenden.

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