L. trat in mein Leben und löste darin langsam, sicher und heimtückisch eine tiefgreifende Erschütterung aus.“ So schreibt es Delpine de Vigan in ihrem 2015 erschienenen Roman „Nach einer wahren Geschichte“. Die Erzählerin ist Schriftstellerin. Sie ist es gewohnt, genau wahrzunehmen, was um sie herum passiert, sie ist darauf trainiert, Menschen zu beobachten, ihr Handeln einzuschätzen. Sie schreibt weiter: „L. trat in mein Leben wie mitten in der Vorstellung auf eine Bühne, als hätte ein Regisseur dafür gesorgt, dass sich ringsum alles zurücknimmt, um ihr Platz zu lassen.“

Nun hat sich tatsächlich ein Regisseur mit dieser Angelegenheit beschäftigt. Roman Polanski verfilmt dieses Buch aus der Perspektive einer Schriftstellerin, der eine fremde Frau zur Freundin wird, ehe sie regelrecht von ihr Besitz ergreift. Polanski beherrscht das Genre des Psychothrillers seit „Rosemary’s Baby“ und er ist ein Meister des Kammerspiels („Der Gott des Gemetzels“), wie es für diesen Stoff auch passt.

Elle schreibt im Namen anderer

Der Name der Figur, die in das Leben der Schriftstellerin tritt, ist doppeldeutig: Elle heißt sie im Film wie Elisabeth, recht eigentlich jedoch wie elle, das französische weibliche Personalpronomen. Für das Drehbuch holte Polanski sich Olivier Assayas als Co-Autor, der 2014 mit „Die Wolken von Sils Maria“ auch eine besondere, zwischen Anziehung und Abstoßung, bis zur Abhängigkeit reichende Frauenbeziehung gestaltete.

Wenn sich in „Nach einer wahren Geschichte“ die Blicke Delphines (Emmanuelle Seigner) und Elles (Eva Green) zum ersten Mal begegnen, ist es ein besonderer Moment. Delphine hat an dem Tag schon zu viele Leute gesehen, etliche Bücher signiert, doch Elle weckt ihr Interesse. Im Folgenden stellt Elle es so an, dass die Schriftstellerin den Kontakt zu ihr suchen wird, ohne zu bemerken, wie sie manipuliert wird. Delphine hat noch mit der Resonanz auf ihr jüngstes Buch zu tun, das von ihrer Mutter handelt. Viele Leser können sich in dem komplizierten Verhältnis erkennen, andere werfen ihr Voyeurismus vor, die heftigen Reaktionen führen bei Delphine zu einer Schreibblockade. Elle äußert Verständnis, ist sie doch selbst eine Autorin. Allerdings arbeitet sie als Ghostwriter: Elle schreibt im Namen anderer.

Der Film könnte also Fragen nach dem Verhältnis des Schriftstellers zu seinem Werk stellen, drängt doch Elle hier Delphine, mehr aus ihrem Leben zu erzählen. Er könnte auch die Grenzen der Identität erforschen, denn die Frauen nähern sich so einander an, dass sie sich immer ähnlicher zu werden scheinen, man sieht Elle bald in Kleidung von Delphine. Unter der Vorgabe, die erschöpfte Schriftstellerin zu beschützen, beantwortet die Freundin bald in deren Namen E-Mails. Diese Sorte Post kommt ja ohne persönliche Unterschrift aus. Sie bietet ihr auch an, Termine für sie wahrzunehmen.

Wäre der Film bloß keine wahre Geschichte

Leider verspielt Polanski schnell den Zauber des Anfangs, zu bald kann sich der Zuschauer die nächsten Schritte der Protagonisten ausrechnen. Emmanuelle Seigners Delphine gibt sich der anderen Frau mit einer Vertrauensseligkeit hin, die heutzutage nahezu lächerlich wirkt: Sie verrät Passwörter, gibt ihren Wohnungsschlüssel aus der Hand, lässt ihr Smartphone herumliegen. Daneben agiert Eva Greens Elle ihrer eleganten Erscheinung zum Trotz geradezu grob. Zunächst liegt in ihren Blicken zu viel von einem „Wart’s nur ab“. Bald ändert sich auch die Sprache vom interessierten zum dominanten Ton.

Lehnt man sich ein Stück zurück, liegt schnell vor Augen, wie der Film hätte gelingen können. Nämlich, indem er nicht wie eine wahre Geschichte wirkt. Dezenter im Auftritt, könnte Elle das zweite Ich der Schriftstellerin sein, die treibende Kraft in ihr, die gegen die Schreibblockade ankämpft. Sie sind ja fast immer allein miteinander. Polanski lässt seine Schauspielerinnen in den begrenzten Räumen der Wohnung und des Landhauses jede Begegnung überdeutlich zeigen, als stünden sie auf einer Bühne, von der aus sich die Spannungen noch bis auf die hintersten Plätze verbreiten müssten. Der Regisseur vertraut nicht der besonderen Magie des Kinos, mit der Kameraperspektive, mit dem Licht, mit flüchtigen Kontakten eine Situation so anzureißen, dass es in der Schwebe bleibt, ob sie erlebt oder erträumt ist.