Die Realität ist anders als es die ARD mit ihrem Werbespruch „Wir sind eins. ARD“ suggerieren will. Wenn sich die Intendanten am Montag und Dienstag in Frankfurt zu ihrer Tagung treffen, wird es an einem jedenfalls ganz sicherlich mangeln: an Einigkeit. Bei einem noch dazu föderalen Apparat dieser Größe mag das kein Wunder sein. Das Bild, das die ARD derzeit abgibt, ist jedoch fatal.

Unter Beschuss steht die Vorsitzende der ARD, WDR-Intendantin Monika Piel: in ihrer eigenen Anstalt toben die Proteste gegen die Reformen der Hörfunkwellen, und auch ihr Rundfunkrat hat sie vergangene Woche hart attackiert. Nicht minder in der Kritik steht sie ARD-intern. Zwischen Piel und Programmchef Volker Herres tobt ein Machtkampf, der zuletzt auf dem Rücken von Thomas Gottschalk ausgetragen worden ist.

Werbung für die ARD als Arbeitgeber war das keine. Womöglich wird sie das noch spüren, wenn sie das nächste Mal einen prominenten Moderator gewinnen will, der sich dreimal überlegt, ob er bereit ist, sich verheizen zu lassen. Schon müssen sich Kai Pflaume und der eine oder die andere der fünf Talk-Moderatoren fürchten, ihre Sendung zu verlieren. Natürlich wird auch die nach wie vor nicht gefundene Einigung im Streit mit den Verlegern in Frankfurt auf der Tagesordnung stehen. Immerhin hat sich Piel die absehbare Abstimmungsniederlage bei ihrem Kampf um „Gottschalk Live“ erspart. Sie ist ihr zuvorgekommen, als sich abzeichnete, dass die Mehrheit der Intendanten für die Absetzung stimmen würde. Deshalb berief sie am Mittwoch um 14 Uhr jene telefonische Schaltkonferenz ein, an deren Ende das Aus angeblich sogar einstimmig beschlossen worden ist. Trotzdem muss Gottschalk noch bis Anfang Juni, dem regulären Beginn der Sommerpause, irgendwie weitersenden. Denn zumindest damit hat sich Piel durchgesetzt – nicht, um Gottschalk länger zu quälen, sondern um sich nicht auch noch dem Vorwurf auszusetzen, für Millionen-Verluste wegen der Werbeausfälle verantwortlich zu sein. Das wäre der Fall gewesen, hätte sich Herres durchgesetzt, der für ein Aus im April plädierte.Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen. Gottschalk, den sowohl die ARD als auch die bei kleinen, tagesaktuellen Formaten unerfahrene Produktionsfirma Grundy Light Entertainment („Deutschland sucht den Superstar“) ohne Konzept auf den Bildschirm gelassen haben, musste erfahren, wie es ist, Opfer von Intrigen und nicht eingehaltenen Zusagen zu werden. Und die ARD kehrt nun zu jenem Zustand zurück, der sie überhaupt erst zur Einführung von „Gottschalk Live“ veranlasst hatte: Das Boulevardmagazin „Brisant“ wird von Juni an wieder verlängert, danach folgen „Verbotene Liebe“ und jene Krimis der Reihe „Heiter bis tödlich“, die schon „Gottschalk Live“ keinen guten Vorlauf boten. Am Donnerstag sahen den Krimi 5,7 Prozent der Zuschauer.

Vielleicht hätte die ARD ja bedenken sollen, was unser Leser Klaus Winkler per Mail an die Redaktion geschrieben hat: „Thomas Gottschalk musste scheitern, denn ein ARD-Programmdirektor Herres müsste eigentlich wissen, dass eine Talksendung, auch wenn sie Gottschalk macht, auf diesem Sendeplatz (…) scheitern muss, weil zu dieser Zeit alle dritten Programme Regionalnachrichten bringen.“ Ein Blick auf die Quoten genügt: Wer zum öffentlich-rechtlichen Publikum zählt, der Realität also nicht entflieht, indem er auf RTL „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ schaut, schaltet am Vorabend sein jeweiliges Drittes Programm ein und beschert ihnen dort jeweils Marktanteile von 20 Prozent und mehr. Wäre „Gottschalk Live“ erfolgreich gewesen, dann wohl nur zu Lasten der ARD-Dritten. Ein Programmdirektor, der das nicht bedenke, schreibt unser Leser, „erfüllt seine Aufgaben nicht und ist fehl am Platz. Er hat offenbar von Fernsehprogrammgestaltung keinerlei Ahnung“.

Tatsächlich war es vor allen anderen die ARD-Vorsitzende Piel, die sich für Gottschalk stark gemacht hatte. Herres war, wenngleich aus anderen Gründen dagegen, und so gelangten vergangene Woche die Ergebnisse einer Studie zum Magazin Der Spiegel, deren Veröffentlichung ihren Zweck, Gottschalks Aus zu befördern, nicht verfehlt hat.

Demnach soll Gottschalk der ARD nicht nur die (schon zuvor miesen) Quoten am Vorabend verdorben haben. Er soll mit seiner lediglich 25 Minuten dauernden Sendung sogar dafür verantwortlich sein, dass das Erste insgesamt in der Publikumsgunst auf den vierten Rang abgerutscht ist.

Sollte das stimmen, müsste die ARD ja nach der Sommerpause in der Zuschauergunst nach oben schnellen. Falls nicht, braucht es einen neuen Schuldigen. Der ARD wird schon jemand einfallen.