Lydia Night von der Band The Regrettes gehört zu denen, die Vorwürfe gegen das Label erhoben haben. 
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Dass der Rock’n’Roll-Mythos nicht zuletzt auf der Vorstellung „Junger Mann spielt Gitarre, minderjähriges Mädchen himmelt ihn dafür an und signalisiert damit sexuelle Hörigkeit“ basiert, schien bis heute unauslöschlich manifestiert. Doch dann veränderten die Proteste der MeToo-Bewegung das Denken. Was jahrzehntelange feministische Bestrebungen im Indie-Rock nicht vermochten, scheint nun dank der ansonsten ja nicht immer ganz ungefährlichen Streukraft sozialer Medien Fahrt aufzunehmen: Nachdem das kalifornische Garagenrock-Label Burger Records der Verstrickung in sexuelle Übergriffe beschuldigt worden war ( u. a. von Regrettes-Sängerin Lydia Night), gab es am Dienstagabend bekannt, den Betrieb ab sofort einzustellen. Das berichtet die amerikanische Musik-Website Pitchfork.

Den Label-Betreibern Sean Bohrman und Lee Rickard sowie Mitgliedern mehrerer mit Burger Records verbundener Bands wie etwa The Black Lips, The Growlers, SWMRS oder the The Buttertones war über den am Wochenende erstellten Instagram-Account „Lured_By_Burger_Records“ vorgeworfen worden, eine Kultur, „die auf pädophilen Tendenzen und der Fetischisierung von Teenagern aufbaut“, kuratiert zu haben. In anderen Posts steht, Minderjährige seien von älteren Männern ins Hinterzimmer des vom Label betriebenen Plattenladens oder zu Tour-Vans gelockt und dort mit Alkohol und Drogen versorgt und, so wird suggeriert, sexuell belästigt worden.

Burger Records löschte alle seine Social-Media-Accounts

Zunächst distanzierte sich das Label in einem Statement von einigen Mitarbeitern sowie Musikern. Lee Rickard trat zurück und Sean Bohrman kündigte eine Umstrukturierung sowie einen Relaunch als BRGR RCRDS an. Die Mitarbeiterin Jessa Zapor-Gray wurde Interims-Chefin und schlug Sicherheitszonen für junge Frauen bei Konzerten sowie ein Sub-Label für Frauen vor. Doch sah sie sich mit einem Backlash in sozialen Medien konfrontiert, der eine transparente Aufklärung der Vorwürfe verlangte. Doch dazu kam es nicht. Das Label stellte nun sämtliche Aktivitäten ein und löschte alle seine Social-Media-Accounts. Es kündigte an, die Bands könnten ihre Musik selbstständig auf Streaming-Plattformen anbieten.

Bohrman und Rickard gründeten Burger Records 2008 als Kassetten-Label. Analog zu dieser nostalgischen Ausrichtung bot Burger Records vielen sehr jungen, ihren Klang ebenfalls an einer spezifischen Musikvergangenheit orientierenden Garagenrock- und Punkbands eine Plattform – und lieferte offenbar die Retro-Gesinnung bezüglich sexueller Verhaltenscodices gleich mit: Seit mit der Geburt des Rock’n’Roll Mitte der Fünfzigerjahre der Teenager als gesonderte, im Nachkriegsaufschwung erstmals mit eigener Kaufkraft ausgestattete Zielgruppe entdeckt wurde, perpetuierten seine lange ausschließlich männlichen Protagonisten – Musiker, Manager, Label-Bosse – eine Vermarktungsstruktur, die zentral die Ausbeutung eines noch im Reifen befindlichen weiblichen Sexualverlangens beinhaltete.

Dieses Verlangen als Motor darzustellen war wichtig, denn: So ließ sich darauf verweisen, dass minderjährige Groupies auf eigene Initiative oder zumindest in Einverständnis handelten. Und natürlich gab und gibt es im Pop-Konzert/Party-Umfeld zahlreiche spontane sexuelle Begegnungen unter jungen Menschen, die unbedenklich sind.

Auch die Berichte der jungen Frauen auf Instagram räumen eigenes Einverständnis ein. Doch verweisen sie eben auf ein Umfeld, in dem ihre Unerfahrenheit als Minderjährige gefährlich ausgenutzt werden konnte und bewusst wurde – und das bekanntermaßen seit Jahrzehnten flächendeckend existiert, eben nicht nur bei dem einen, relativ kleinen Independent-Label.