Die Staatsoper im Schiller-Theater hat einen neuen Intendanten. Der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller stellte am Dienstagnachmittag im Schiller-Theater Matthias Schulz als Nachfolger von Jürgen Flimm vor.

Diese Personalie hatte man nicht richtig auf dem Schirm. Jürgen Flimm hatte die Intendanz 2010 übernommen, als die Staatsoper aus ihrer maroden Spielstätte Unter den Linden ins Schiller-Theater umziehen musste. Und so, wie sich die Fertigstellung der Sanierung Jahr für Jahr verzögerte, so – das war anzunehmen – würde sich auch die Intendanz Flimms verlängern; man hätte sich jedenfalls nicht darüber gewundert, wenn die Intendanten-Frage erst 2017 aufgetaucht wäre. Müller und sein Kulturstaatssekretär Tim Renner haben effektiv im Geheimen gearbeitet, um, so Müller, „den Generationswechsel“ am Haus einzuleiten. Daniel Barenboim verzog bei dem Wort keine Miene.

Was qualifiziert Matthias Schulz für den Intendanten-Posten?

Flimm galt 2010 als Interims-intendant, seine Berufung wurde überaus skeptisch aufgenommen. Was Flimm dann zusammen mit Barenboim und seiner einzigartigen Vernetzung im internationalen Kulturbetrieb und unter den Bedingungen des Provisoriums auf die Beine stellte, war allerdings überaus beeindruckend und gab der Staatsoper ein neues Profil. Aus dem etwas müden Repräsentationshaus machte Flimm ein modernes Musiktheater.

Was qualifiziert nun Matthias Schulz dazu, neben Barenboim, einem Giganten an Einfluss und Machtbewusstsein, als Intendant zu arbeiten? Schulz, 1977 in München geboren, ist ein großer Mann, dessen Erscheinung man stromlinienförmig nennen könnte.

Er hat eine musisch-kaufmännische Ausbildung als Pianist und Volkswirtschaftler. Sehr früh, mit 22 Jahren, hat er angefangen, bei den Salzburger Festspielen zu arbeiten, er begann als Notenwender bei Klavierabenden und stieg auf zum Konzertchef des künstlerischen Leiters der Konzertsparte der Festspiele, Markus Hinterhäuser. Aus dieser Zeit ist Schulz mit dem einstigen Salzburger Intendanten Flimm bekannt und auch mit Daniel Barenboim.

Seit 2012 ist Matthias Schulz Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg. Es leuchtet nicht spontan ein, inwieweit die Leitung einer Mozart-Gedenkstätte mit Konzertbetrieb eine Vorbereitung auf die Leitung eines der wichtigsten Opernhäuser des Landes sein soll.

Ein offener, liebender Blick

Und auch der Kultursenator weiß, dass Schulz in die neuen Dimensionen seiner Tätigkeit eingearbeitet werden sollte: Ab März 2016 beginnt er neben Flimm als designierter Intendant, ab September 2017 wird er dessen Co-Intendant, mit Beginn der Saison 2018/19 wird er Jürgen Flimm ablösen. Alle wichtigen Fragen zur Identität des Hauses werden zusammen besprochen, und mit der Planung seiner ersten Saison beginnt Schulz sofort und sicher unter der wohlwollenden Aufsicht seines Vorgängers und des ewigen Generalmusikdirektors.

Daher hatte Schulz auf der Pressekonferenz auch schon einiges zu erzählen. Zunächst zu seiner Qualifikation: Als 2006 bei den Salzburger Festspielen alle 22 Mozart-Opern aufgeführt wurden, oblag ihm die Organisation dieses Gewaltakts. Auf die Kunstform Oper wirft er einen „offenen, liebenden Blick“, Regie-Ambitionen sind ihm so fern wie mittlerweile auch der pianistische Ehrgeiz – deswegen sei sein Blick ja so unverstellt, zudem fühle er sich in der „Rolle des Erfüllungsgehilfen wohl“.

Schulz verspricht eine „barrierefreie Ästhetik“, die von der Barockoper bis zur Moderne reicht. In der Barockschiene möchte Schulz auch in der Inszenierung Formen historischer Aufführungspraxis erproben, in der Moderne möglichst jedes Jahr ein Auftragswerk uraufführen, das sich mit aktuellen Fragen der Gegenwart auseinandersetzt.

Das letzte Wort hat Daniel Barenboim

Dann wurde es immer allgemeiner: Es soll eine Art Labor entstehen, um die Verbindungen mit anderen Kunstformen zu erforschen, die Jugendarbeit soll verstärkt werden. Schön sei auch, dass es an der Staatsoper ein großartiges Orchester wie die Staatskapelle gebe, und der Auftritt in den neuen Medien sei auch wichtig. Schulz habe Respekt vor der Aufgabe, aber keine Angst und freue sich, mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Berlin zu kommen.

Ja, ist auch in Ordnung, man kann auch nicht zu jedem Punkt über Nacht etwas Neues erfinden. Daniel Barenboim fasste es einfach zusammen: Schulz wird das Gute bewahren und Neues bringen. Wie sich Konzept und Realisierung zueinander verhalten, das hätte er bei vielen Opernregisseuren schon zur Genüge erfahren: In der Realität sei vom Konzept nicht mehr viel erkennbar.

Das klingt ja schon mal sehr ermutigend für den Neuen. Wer die Hosen in diesem Haus anhat, war eindrucksvoll daran zu erkennen, dass nicht etwa der Regierende Bürgermeister die Pressekonferenz beendete, sondern Daniel Barenboim mit einem ungeduldigen „Herzlich Willkommen!“