Die Berliner Philharmoniker wählen am 11. Mai unter größter Geheimhaltung einen neuen Chef. Die 124 Musiker können autonom entscheiden, wer Nachfolger von Sir Simon Rattle wird. Das weltweit geschätzte Orchester ist natürlich diskret. Kein Wort fällt vorab über den Favoriten oder die Shortlist. Aber außerhalb der Philharmonie wird in diesen Wochen eifrig spekuliert. Diverse Namen sind im Gespräch. Wir mischen ein wenig mit.

Kirill Petrenko

Kirill Petrenko wäre wäre vielleicht der Lieblingskandidat der Kritiker, den Berlinern bestens bekannt als Chefdirigent der Komischen Oper zwischen 2002 und 2007. Petrenko ist unter den hier aufgeführten Dirigenten fast der einzige, der nicht aus purer Musizierlaune ans Pult tritt.

Er ist ein nachdenklicher Mensch, dessen künstlerisches Verantwortungsgefühl und Fleiß sich auch daran zeigt, dass er sich gerne unsichtbar macht, um lange allein zu sein mit den Partituren. Nach seinem sensationell erfolgreichen Bayreuth-Debüt 2013 mit dem „Ring des Nibelungen“ wurde Petrenko Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper.

In Petrenkos „Ring“ war nichts einfach einer Tradition geschuldet und nichts vital, weil der Dirigent dem Affen lediglich Zucker gäbe; dieser „Ring“ war so lebendig, weil er von vorne bis hinten neu durchdacht war, ohne auf den Effekt des Neuen zu spekulieren. Aber Petrenko ruft nicht lediglich in der Aufführung ab, was er akribisch in den Proben vorbereitet – akribischer als die meisten Kollegen. Er wächst am Pult noch einmal über das hinaus und inspiriert die Orchester zu Leistungen, deren schiere Präsenz zuweilen an den legendären Carlos Kleiber erinnert.

Künstlerisch wäre Petrenko zweifellos ein Gewinn für das Orchester. Seine zurückgezogene, geradezu öffentlichkeitsscheue Art indes ist auf so einer Position nicht unproblematisch, zumindest nach den Maßstäben, die ein Kommunikator wie Simon Rattle gesetzt hat und wie sie in der Zeit des „Meet the artist“ üblich geworden sind. Und vielleicht hat sich Petrenko in einem Akt der Selbstdestruktion, wie sie bei höchst skrupulösen Künstlern vorkommen, durch sein Verhalten im Dezember aus dem Karussell verabschiedet: Mahlers Sechste sollte er da dirigieren und sagte kurz vor knapp ab. Man munkelt, es sei keineswegs aus Krankheit gewesen, sondern weil man ihm nicht das richtige Hotelzimmer gebucht hatte.

Christian Thielemann

Christian Thielemann ist einer der aussichtsreichsten Kandidaten. Leider. In seinen letzten Konzerten im Januar ließ er dem Orchester seinen Willen, erlaubte den Musikern zu spielen, wie sie es gewohnt sind, und das lernt ein Orchester nach 15 Jahren straffer Kontrolle und interpretatorischer Nervosität unter Rattle verständlicherweise schätzen. Aber allein der Gedanke, nach einem Österreicher, Italiener und Briten könnte nun ein Deutscher, mehr noch: ein Berliner die Berliner Philharmonikern leiten, hat einen provinziellen Beigeschmack – der durch Thielemanns provinzielles Repertoire noch verstärkt wird.

Nichts gegen Wagner, Strauss, Brahms oder Beethoven, aber mit dieser Musik ist auf dem Plattenmarkt kein Stich mehr zu machen, zumal Thielemann das alles bereits mit anderen Orchestern aufgenommen hat. Natürlich hat Thielemann auch schon Puccini dirigiert, Henze oder Debussy. Aber sein Musikbegriff ist so unerschütterlich im deutschen 19. Jahrhundert verwurzelt wie für seine Kapellmeisteridole Wilhelm Furtwängler und Hans Knappertsbusch. Was Rattle für die Entwicklung des philharmonischen Repertoires unternommen hat, wäre mit Thielemanns Wahl sofort kassiert.

Jahrhundert verwurzelt wie für seine Kapellmeisteridole Wilhelm Furtwängler und Hans Knappertsbusch. Was Rattle für die Entwicklung des philharmonischen Repertoires unternommen hat, wäre mit Thielemanns Wahl sofort kassiert.
Das gefährlichste Problem ist Thielemanns hochproblematischer Sozialcharakter.

Wo er auftaucht, gibt es Ärger, zuletzt in Dresden, wo Thielemann als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle die Autonomie des Orchesters derart gegen die Interessen der Semperoper verteidigte, dass der designierte Opernintendant Serge Dorny noch vor Amtsantritt entlassen wurde. Bei den Münchener Philharmonikern konnte Thielemann nicht akzeptieren, dass auch die Intendanz ein Wörtchen bei Programm und Auswahl der Gastdirigenten mitreden wollte. Ähnlich lief es in Berlin, wo der Senat am Intendanten Udo Zimmermann vorbei Thielemann als Generalmusikdirektor bestätigte.

Zuletzt hat sich Thielemann täppisch zu Pegida geäußert, deren Anhänger vor seiner Oper demonstrieren. Er warb darum, den „Unzufriedenen“, wie er sie nennt, zuzuhören – also Überfremdungsfantasten jenes Verständnis zu widmen, das er bei berechtigten Vertragsverhandlungen verweigert. Künstlerisch ist Thielemann als Chef der Berliner Philharmoniker kaum tragbar, politisch überhaupt nicht.

+++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wer noch Nachfolger von Simon Rattle werden könnte +++