Nachkriegszeit: Flucht und Vertreibung wurden in der DDR totgeschwiegen

Süss argumentiert differenziert, nicht jeder, sagt er, der eine verdrängte Familiengeschichte hat, wird automatisch rechts. Aber wenn man Verletzungen verdrängt, entsteht daraus eine große Härte. Man hat weniger Mitgefühl für Menschen in Notsituationen. Süss: „Die Betroffenen können keine Sensoren dafür entwickeln, was Flucht und Vertreibung bedeuten und werden hart, oder sie müssen das Leid heutiger Flüchtlinge abwehren, um nicht in Kontakt mit ihrem eigenen Leiden zu kommen. Daher Pegida, daher AfD.“

Mit seinen Thesen stieß Süss im Osten Deutschlands lange auf taube Ohren, die Leute hatten andere, existenzielle Sorgen. Beim Fachkongress 2012 in Göttingen zu „transgenerationaler Übertragung“ war kein einziger ostdeutscher Teilnehmer dabei.

Das Vergangene ist nicht tot

Erst langsam ändert sich etwas. Süss hat gemeinsam mit Michael Schneider einen Sammelband herausgegeben, „Nebelkinder“ heißt er. Darin gehen Enkel und Kinder von Tätern und Flüchtlingen aus Ost und West den Spuren ihrer Familie nach. Das Buch ist ein Überraschungserfolg, trifft auch in Ostdeutschland einen Nerv. Die Kostümbildnerin Angela Baumgart aus Eisenach ist eine von denen, die ihre Geschichte erzählen. Sie hat herausgefunden, dass ihre Mutter von Rotarmisten vergewaltigt wurde.

Ein Verbrechen, über das sie ihr Leben lang nicht reden konnte. Nicht reden durfte. „Ich stelle mir vor, wie meine Mutter von Kollegen angeschaut worden wäre“, schreibt Baumgart, „hätte sie ihnen auf einer Versammlung der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft erzählt: Ich bin von Russen vergewaltigt worden. Das wäre sofort dem Parteisekretär gemeldet worden und möglicherweise wäre sie umgehend in eine Nervenklinik eingeliefert worden. Niemand hätte ihr geglaubt.“ Angela Baumgart hat nun das Gefühl, ihr eigenes Leben besser zu verstehen, das Schwere, die Depressionen.

Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd. Bis es nicht mehr geht. Vielleicht musste erst die Mauer fallen, das Trennende, bevor das Vergangene zum Vorschein kommen konnte. In dem Archiv in der Kleinstadt am See war es dunkel, durch das kleine Fenster fiel kaum Licht. Mein Cousin und ich standen am Tresen und warteten. Die Archivarin guckte auf ihren Bildschirm.

Als sie uns endlich ansah und mein Cousin in schönstem Polnisch unser Anliegen vortrug, hellte sich ihr Gesicht sofort auf. Er hat Polnisch in Warschau studiert, liebt die Sprache und die Kultur. Lange hat er gesagt, dass es Zufall war, dass er das Fach ausgewählt hat, weil es keine Zugangsbegrenzung gab, doch inzwischen hat er erkannt, dass seine Studienwahl auch etwas mit unserer Familiengeschichte zu tun hat. „Polen“, sagt meine Oma heute, mit 87 Jahren, „ist meine Heimat.“