Es ist vielleicht ganz zweckmäßig, hier kurz darauf hinzuweisen, dass Bob Dylan noch lebt, wie erst kürzlich in Rostock zu beobachten war. Berlin fehlte diesmal in seinem Tourplan, Zwickau und Flensburg waren ihm wichtiger. Man mag sich nicht vorstellen, was einmal los sein wird, sollte er eines Tages eventuell nicht mehr auf Erden weilen, sorgt doch sein Nachlass schon heute für gute Unterhaltung. Dauernd taucht jetzt irgendwas aus irgendeinem Karton auf, das bislang noch keiner je gehört, gelesen oder gesehen hat. Zumindest keiner außer ihm selbst, wie zu vermuten ist. Vielleicht hatte er die Sachen vergessen oder verlegt oder auch in die Tonne geworfen. Nun jedenfalls sind sie wieder da. Und da nichts aus dem Dylan’schen Werk nichts zu bedeuten hat, ist die Aufregung allenthalben groß.

Gefunden wurden zum Beispiel 149 bisher unbekannte Aufnahmen von Songs, die Ende der 60er Jahre zum größten Teil auf den Alben „Nashville Skyline“, „Self Portrait“ und „New Morning“ erschienen: Demos und unfertige Versionen. Dem Plattensammler Jeff Gold ist nun das sagenhafte Glück beschieden, mit einem Mann befreundet zu sein, dessen Schwester genau jenes Haus im New Yorker Stadtteil Greenwich Village gehörte, in dessen Erdgeschoss sich Dylan damals sein Probenstudio eingerichtet hatte. Als die Frau unlängst starb, fand der Bruder in einem Einbauschrank zwei Pappschachteln mit dem Aufdruck „Old Records“. Diese verkaufte er seinem Freund, dem Sammler, und der wiederum gab digitale Kopien an Dylans Plattenfirma Columbia weiter. Was daraus wird, ist unklar, zumal erst im vorigen Jahr bis dato unveröffentlichte Aufnahmen aus jener Ära veröffentlicht wurden.

„Willst Du was draus machen?“

Ein anderes Projekt, das auch gut vierzig Jahre zurückreicht, ist da schon weiter. Im Herbst erscheint das Album „Lost on the River: The new Basement Tapes“, auf dem 20 Songs versammelt sind, zu denen Dylan 1967 zwar die Texte geschrieben hatte, aber keine Musik. Dylans Verleger gab die handbeschriebenen Blätter, auch diese fanden sich in einer Kiste, in die Obhut des Produzenten T Bone Burnett und fragte ihn: „Willst Du was draus machen?“

Er sei zunächst geschockt gewesen, erzählte Burnett dem Londoner Guardian, dann habe er gefragt, ob Dylan überhaupt eingeweiht sei, und als ihm dies bestätigt wurde, sei er an die Arbeit gegangen. Als praktizierendem Musikhistoriker, der nicht nur die Soundtracks zu Filmen wie „The Big Lebowski“, „O brother, where art thou?“ und „Inside Llewyn Davis“ zusammengestellt hat, sondern in den Siebzigern selbst mit Dylan auf Tournee gewesen ist, muss ihm sofort klar gewesen sein, dass es nicht einfach darum gehen konnte, ein paar übrig gebliebene Liedzeilen zu vertonen. Der Auftrag hat einen geschichtlichen Kontext.

Entstanden waren die Texte während jener legendären Sessions in Woodstock, bei denen sich Dylan mit seiner Begleitgruppe The Band kreuz und quer durchs Repertoire der amerikanischen Volksmusik gespielt hatte, ohne den Druck der Plattenfirma, nur so aus Spaß. Nach und nach streute Dylan, der sich zu dieser Zeit gerade von einem bösen Motorradunfall erholte, auch eigene Songskizzen ein, die er meistens gleich im Übungskeller aufs Papier gekritzelt hatte. Ein paar von ihnen wurden gemeinsam vollendet, wie etwa „I Shall Be Released“, andere blieben liegen. Am Ende kamen „The Basement Tapes“ dabei heraus, das erste Bootleg überhaupt, 1975 auch offiziell veröffentlicht.

Solch ungezwungenes Musizierens schwebte T Bone Burnett nun auch für die Aufnahmen der damals liegen gebliebenen Stücke vor. Er stellte eine Truppe aus Songwritern und Bandleadern zusammen, zu der auch Elvis Costello und Marcus Mumford gehörten, drückte jedem 16 Texte in die Hand und lud sie im März zu einer beschwingten Runde in die Capitol Studios von Hollywood ein, wo die Songs dann eingespielt wurden – wie es sich gehört im Keller des Hauses; benutzt wurde nicht digitale Aufnahmetechnik, sondern eine Tonbandmaschine.

Hoteleröffnung in Woodstock

Was Dylan von all dem hält, wird natürlich nie zu erfahren sein, aber seltsam ist es schon, einem lebenden Musiker auf diese Weise hinterherzukomponieren. Zwar gab es ähnliche Projekte bereits zu Nachlasstexten von Woody Guthrie und Hank Williams (bei letzterem sogar unter Dylans Regie), aber die waren da auch schon lange tot und konnten ihr Vermächtnis nicht mehr selber verwalten.

Dass für die liebevolle Fremdpflege des überkommenen Materials nicht immer nur die ganz große Vergangenheit in Frage kommt, beweist die Countryband Old Crow Medicine Show. Ihr wurden 26 Sekunden einer Aufnahme von 1973 zugespielt, auf der eine Melodie und sehr viel Gelächter zu hören gewesen seien, wie der Bandleader Ketch Secor in einem Musikmagazin zitiert wird. Sie haben was daraus gemacht. Und nun kommt’s! Dylan hat sich das Demo persönlich angehört und den jungen Leuten ein paar Ideen gesteckt: Wie wär’s, wenn man die Harmonika durch eine Fiddle ersetzen würde, die Harmonien ein wenig veränderte und die Taktfolge im Refrain variierte. Jetzt hätte das schmissige „Sweet Amarillo“ auch gut auf seine LP „Desire“ gepasst.

Womit sich Bob Dylan selbst so beschäftigt, wenn er gerade nicht auf Tournee ist, weiß man nicht. In Woodstock hat kürzlich das Hotel „Dylan“ eröffnet, dort checkt er bestimmt nicht zur Erholung ein. Für demnächst ist ein neues Album angekündigt, es wird „Shadows In The Night“ heißen und soll Coverversionen amerikanischer Standards enthalten. Schließlich fühlt sich Bob Dylan von jeher dem Erbe verpflichtet, nur eben nicht seinem eigenen.