Der Medienbegriff „Nachrichten“ hat einen höchst sachlichen Klang. Nachrichten, das klingt nach Relevanz und „Tagesschau“, nach Kleber, Köpcke, Berghoff, Friedrichs, ziemlich bedeutsam, schwer informativ. Nach Nachrichten hat man sich ja schon rein etymologisch darum zu richten, weil sie von Wissen, wenn nicht gar Wahrheit künden. Falls ein Sender „Nachrichten“ also bereits – und sei es abgekürzt – im Titel führt, muss es ihm offenbar ernst sein mit Wissen, Wahrheit, Wirklichkeit.

Dann aber schaltet man zu N24 und sieht: Superlative und Sternenkunde, wilde Tiere und starke Kerle, Dramatik statt Brisanz und überhaupt: viel Lärm um recht wenig. Denn jener Kanal, den ProSiebenSat.1 vor drei Jahren abstieß, um ihr Publikum nicht mit so was wie Seriosität zu vergraulen, atmet eine süffige Mischung aus Männerschweiß und Vorschulparty – ein Sender für technikaffine Spielkinder mit tagesaktuellem Restbedürfnis.

Zu jeder vollen Stunde gibt es zwar News aus aller Welt, allerdings nur bis 20 Uhr; danach regieren ausnahmslos Reportagen über die dicksten Maschinen, die stärksten Saurier, die coolsten Autos – stets ertränkt in dicker Soße aus dräuendem Kommentar und dröhnender Musik, die auch durch all die Real-Life-Reportagen wie „Einsatz im Revier“ und halbwissenschaftliches Infotainment schwappt. Gern über Katastrophen, besonders eine namens Hitler.

Eigentlich sollte N24 also ein anderes Kürzel haben: S24 zum Beispiel, im Sinne von „Sensationen rund um die Uhr“. Dann würde das Programm eines Medienkonsortiums rund um den früheren Spiegel-Chef Stefan Aust jenem Inhalt wesentlich gerechter, der seit 13 Jahren einem Yps-Magazin fürs Fernsehen weit mehr gleicht als einem Nachrichtenkanal.

Dazu würde dann auch ein Format besser passen, das von heute Abend an wirklich Sehens- und Wissenswertes, vor allem aber Fernsehgerechtes liefert: Sci Fi Science. 24 Folgen lang misst die reichhaltig animierte Doku-Reihe denkbare Zukunftsfantasien und futuristische Hirngespinste an der Realität und siehe da – es gerät nicht nur äußerst kurzweilig, sondern erhellend.

Das liegt auch an Michio Kaku. Der Professor am City College New York, weltweit als Physiker geachtet, ist schließlich ein ebenso kluger wie eloquenter Charmeur mit offenem Hemd und Dirigentenfrisur. Sein Kerngebiet ist zwar die Stringtheorie, ein hochkomplexes physikalisches Modell zur Erklärung der Welt, was darauf hindeutet, dass er sich abseits der Kamera doch mit abstrakteren Themen beschäftigt als sendetauglicher Populärwissenschaft. Dann aber betritt der fröhliche Forscher die TV-Bühne und man fragt sich kurz, ob der Mann überhaupt richtig studiert hat – so locker, leicht, fast lässig führt er durch das Zukunftsformat eines Senders, dem Knalleffekte gemeinhin weit lieber sind als Kreativität.

Zum Auftakt der zweiten Staffel, die N24 aus unerfindlichen Gründen vor der ersten zeigt, bastelt sich der Professor unter Mithilfe kundiger Kollegen zunächst mal eine zweite Erde auf dem Mars wie einst im Schwarzenegger-Streifen „Total Recall“ und erzeugt dafür etwas im Labor, das die Menschheit ringsum bestens beherrscht: den Treibhauseffekt. Später dann testet Professor Kaku in Erinnerung an „Star Wars“ die Machbarkeit eines Todessterns oder des Lichtschwerts, bastelt am Rechner echte Transformers und erforscht ein äußerst beliebtes Filmsujet, die Zeitreise.

Das ist spannend, witzig, lehrreich, ja, auch redundant, aber keinesfalls sinnlos und also durchaus sehenswertes Erkenntnisfernsehen – wäre da nicht das Grundübel privater Anbieter. Die private Nachrichtenkanalforschung kümmert sich einzig um die Chancen und nie um die Folgen. Andere Planeten kolonisieren? Tolle Idee! Dass der Aufwand solcher Megaprojekte eine Ressourcenverschwendung nach sich zöge, die extraterrestrische Migration überhaupt erst zum Thema macht, darüber verliert ein Sender wie N24 kein Wort.

Zu viel Ballast zieht die Quote eben schnell unters Existenzminimum von einem Prozent, was den Marktführer in seinem Segment am Ende bloß Werbepartner kostet. Die mögen zugkräftige Dokus über PS-Giganten und Nasa-Missionen nun mal weit lieber als nüchterne Informationen über den täglichen Lauf der Dinge. Und genau deshalb beträgt der Nachrichtenanteil des Nachrichtensenders N24 bloß ein Viertel der Sendezeit, gleichauf mit bunten Magazinen, weit hinter Infotainment – das selten mal so gelungen ist wie Sci Fi Science.