Eine der kaum hinreichend gewürdigten Errungenschaften der Epoche der 68er-Zeit bestand darin, dass erfolgreiche Popmusik plötzlich auch aus den Niederlanden oder Deutschland kommen konnte. Die Band Shocking Blue landete 1969 mit „Venus“ ein One-Hit-Wonder aus Amsterdam, und die deutsche Krautrock-Bewegung begründete auf nachhaltige Weise mit Bands wie Can, Tangerine Dream und Guru Guru die elektronische Musik-Szene.

Avantgarde sprach zu jener Zeit aber auch Griechisch. Auf die Idee, traditionelle Musik und Folklore mit pathetischen Schlagergefühlen zu verbinden, kamen Demis Roussos und Vangelis Papathanassiou allerdings in Paris, wohin die beiden wegen der griechischen Militärherrschaft aus ihrer Heimat übergesiedelt waren und im Jahre 1968 die Formation Aphrodite’s Child gründeten. Mit „It’s Five O’Clock“, „Rain In Tears“ und „End Of The World“ fabrizierten sie in kurzer Zeit solide Chart-Hits, die Leichtigkeit der frühen Jahre des Pop machte vieles möglich.

Das Timbre in der Stimme von Demis Roussos, der bevorzugt in langen, poncho-artigen Gewändern auftrat, hallt bis heute als angenehme Erinnerungsspur nach. Kaum denkbar aber wäre dieser Erfolg ohne Vangelis’, wie er seither kurz genannt wurde, sicheres Gespür für die Verknüpfung von Pop und Avantgarde. So eindrucksvoll der exilierte Popmix aus Athen war, so kurz war schließlich doch die Halbwertzeit des Bandprojekts Aphrodite’s Child, das sich bereits 1972 wieder auflöste.

Enge Zusammenarbeit mit Jon Anderson von Yes

Für Vangelis aber nahm fortan die Reise durch den Popkosmos erst so richtig Fahrt auf. Tendierte Aphrodite’s Child mit dem kurz vor der Auflösung der Band herausgebrachten Konzeptalbum „666“ bereits heftig in Richtung Progressive Rock, so entfaltete Vangelis durch den Kontakt zu Jon Anderson von der britischen Supergroup Yes in hörbaren Qualitätssprüngen seine kunstvollen Klangwelten, die stets den Kontakt zum Publikum suchten – Abheben und auf dem Boden bleiben.

Wenn Vangelis seit den 1980er-Jahren vor allem als Komponist von einschlägigen Filmmusiken in Erscheinung trat, so verkennt dies seine Bedeutung für die elektronische Popmusik. Zusammen mit Jon Anderson brachte er vier ambitionierte Alben heraus, der größte Hit dieser fruchtbaren Kooperation war „I’ll Find My Way Home“ aus dem Jahre 1981.

Meister der pathetischen Filmmusik

Den Durchbruch als Komponist für Filmmusiken schaffte Vangelis 1982 mit seiner Arbeit für Hugh Hudsons Film „Chariots of Fire“, in dem die Geschichte eines jüdischen Sprinters erzählt wird. Von da an war es kein Geheimnis, dass Vangelis’ Melodien sich bestens zur Unterstützung großer Gefühle eignen, die von sportlich bewegten Körpern ausgehen. Für „Chariots of Fire“ erhielt Vangelis einen Oscar für die beste Filmmusik, und um lukrative Anschlussaufträge musste er sich danach nicht mehr sorgen. Ridley Scott verpflichtete ihn für die Musik zu „Blade Runner“, und zumindest in deutschen Ohren klingt bis zur Schmerzgrenze des wiederholten Erinnerns die Titelmusik zu Scotts Film „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ nach, die Boxweltmeister Henry Maske zu seiner Einmarschmusik in den Ring erkor, nachdem ihm die bis dahin bevorzugte Orff-Hymne aus „Carmina Burana“ verweigert worden war.

Die übertrieben triumphale Geste blieb Vangelis’ Markenzeichen, aber wem bei den frühen Klängen von Aphrodite’s Child nicht verstohlen die Tränen kommen, der ist für Kraft des Sentimentalen verloren, das Vangelis wie kaum ein anderer Komponist populärer Musik hervorgezaubert hat. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Vangelis Papathanassiou bereits am Dienstag in Agria bei Volos im Alter von 79 Jahren gestorben.