Berlin - Es war eine furchteinflößende Langsamkeit, die Shakespeares „Hamlet“ 1982 zu einem Berliner Theaterereignis machte. In der Inszenierung von Klaus Michael Grüber an der Schaubühne am Lehniner Platz konnte man Hamlet beim Grübeln zusehen. Der Dänenprinz schien derart verzweifelt, dass ihm nur noch die Gleichgültigkeit Ruhe und Halt zu geben vermochte. Ein Mensch in der Entscheidungslosigkeit, wer nicht allzu weit hinten saß, konnte ihn atmen hören.

Hamlet wurde nicht gespielt von Bruno Ganz, der Schweizer Schauspieler war Hamlet, mit ihm auf der Bühne in der mehr als sechs Stunden dauernden Inszenierung die großen Kolleginnen und Kollegen Jutta Lampe, Edith Clever und Bernhard Minetti.

Die Schaubühne am Lehniner Platz war ein Ort, an dem sich das kulturelle West-Berlin seiner eigenen Bedeutung versicherte. Die trotzig-ängstliche Existenz einer verunsicherten Mauerstadt schien man in Film und Theater weitgehend hinter sich gelassen zu haben, und die lange gültige Unterscheidung zwischen linksalternativer Subkultur und bornierter Hochkultur war mit unbedingten Kunstwollen der Schaubühne unter Peter Stein obsolet.

Eine besonders exponierte Persönlichkeit

Bruno Ganz war dabei schon deshalb eine besonders exponierte Persönlichkeit, weil er vor der Kamera und auf der Bühne doch stets auch den Eindruck erweckte, als spreche er einen ganz unmittelbar an, aus nächster Nähe. Einer wie Du und ich, oft hin- und hergeworfen zwischen Aktionismus und Antriebsschwäche.

Unvergessen jene kuriose Schlussszene aus Wim Wenders Film „Der amerikanische Freund“ (von 1977), in dem Bruno Ganz den Hamburger Bilderrahmenmacher Jonathan Zimmermann spielt, der von dem dubios-großspurigen Amerikaner Tom Ripley (Dennis Hopper) überredet wird, einen Mord zu begehen. Nachdem dieser mit Hindernissen irgendwie gelingt und fast schon wieder verdrängt ist, regt sich in Zimmermann Zweifel ob der Redlichkeit seines Freundes Ripley. Als habe er endlich Gewissheit über diesen gewonnen sagt Bruno Ganz (als Zimmermann) triumphierend: „Der holt die Beatles nie nach Hamburg.“

Das Film- und Theaterpublikum liebte Bruno Ganz gleichermaßen für die verstörenden, oft leicht gestörten Charaktere, denen man dann bei der Aneignung einer neuen, etwas anderen Geschichte zusehen konnte. Ganz in diesem Sinne wurde Reinhard Hauffs Film „Messer im Kopf“ (1978) zu einem Kinoerfolg, in dem Bruno Ganz im Verlauf einer Polizeirazzia als Biogenetiker Berthold Hoffmann in einem Jugendzentrum angeschossen wird und vorübergehend das Gedächtnis verliert.

Der Film handelt auch von der politisch-paranoiden Stimmung zur Zeit des sogenannten Deutschen Herbstes, in dem das linksalternative Milieu und die Polizei sich wechselseitig verdächtigten, den Rechtsstaat zu untergraben. Bruno Ganz wird dabei als verletzter und verletzlicher Außenseiter zu einer Identifikationsfigur, durch die sich ein ganz neuer Blick auf die politische Konfliktphase gewinnen ließ.

Bruno Ganz war stets allen Suchbewegungen des Films auf der Fährte

Der neue deutsche Film vollzog gesellschaftspolitische und psychologische Suchbewegungen in jenen Jahren, und Bruno Ganz war stets mit auf der Fährte, etwa in Peter Handkes „Die linkshändige Frau“ (1977) oder auch Volker Schlöndorffs Kriegsreporterfilm „Die Fälschung“ (1981) nach einem Roman von Nicolas Born. Kaum einer hat den Wechsel zwischen Bühnen- und Leinwandpräsenz in den 80er-Jahren so kunstvoll vollzogen wie Bruno Ganz.

Obwohl er längst ein international gefragter Star war – er drehte mit Eric Rohmer, Wolfgang Petersen, Claude Goretta, Jeanne Moreau, Alain Tanner, Bille August und vielen anderen -, ließ er sich immer wieder auch für kleine Produktionen wie Rudolf Thomes „System ohne Schatten“ gewinnen, in dem Bruno Ganz einen Informatiker spielt, mit dessen Hilfe ganz spur-, geräusch- und gewaltlos eine Bank auf digitalem Weg ausgeraubt werden soll. Der Tragiker bruno Ganz war nie ohne eine ihm eigene Ironie zu haben.

Bruno Ganz wurde 1941 als Sohn einer italienischen Mutter und eines Schweizer Fabrikarbeiters in Zürich-Seebach geboren. Mit 19 spielte er seine erste Filmrolle in dem Film „Der Herr mit der schwarzen Melone“. Zeitgleich besuchte er das Zürcher Bühnenstudio (heute Hochschule der Künste), jobbte als Buchverkäufer und arbeitete zudem als Sanitäter.

Nach Theaterauftritten in Göttingen und Bremen kam es Mitte der 60er-Jahre zu folgenreichen Begegnungen mit den Theaterheroen Peter Zadek und Peter Stein, dessen große Zeit an der Schaubühne am Halleschen Ufer und später am Lehniner Platz auch den endgültigen Durchbruch für den Bühnenschauspieler Bruno Ganz bedeutete.

Künstlerische Einzigartigkeit

Bruno Ganz wurde nun zu einer Art Gastbesetzung, mit dem jeder Regisseur, der er verstand, ihn für eine Rolle zu gewinnen, sogleich auch sein Projekt veredelte. Nahezu selbstverständlich vollzog sich das unter Freunden. Kaum vorstellbar, dass Wim Wenders den Engel Damiel in „Der Himmel über Berlin“ (1987) mit jemand anderen als Bruno Ganz neben dem Schaubühnenkollegen Otto Sander hätte besetzen können.

Und dass der umstrittene, über weite Strecken kaum auszuhaltende Film „Der Untergang“ (2004) von Oliver Hirschbiegel, in dem Bruno Ganz sich in Adolf Hitler verwandelt, im Gedächtnis haften bleibt, verdankt sich der grandiosen Präsenz von Bruno Ganz`.

Zu den zahlreichen Auszeichnungen, mit den Bruno Ganz für seine künstlerische Einzigartigkeit dekoriert worden ist, gehört der legendäre Iffland-Ring, der ihm 1996 verliehen wurde. Ferner war er von 2010 bis 2013 gemeinsam mit Iris Berben Präsident der Deutschen Filmakademie. Am Sonnabend ist Bruno Ganz im Alter von 77 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich den Folgen einer Krebserkrankung erlegen.