Sage noch einer, zu viel Fernsehen zu schauen schade der Kreativität. Nach einem Konzert saßen die Jungs von den Buzzcocks mit Bieren vor der Glotze, es lief die Verfilmung des Musicals „Guys And Dolls“ und eine der Figuren sagte: „Hast du dich schon einmal in jemanden verliebt, in den du dich nicht verlieben solltest? Warte ab, bis es dir zum ersten Mal passiert.“

Pete Shelley, Songwriter der Band, horchte auf und wusste sofort: Das ist Refrainmaterial. Kurze Zeit später stand der Song: „Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t’ve)“ wurde 1978 zum größten Hit der Gruppe – auf dem Papier ein Punksong, aber wenn Pete Shelley ihn sang, dann wurde daraus großer Pop, der in seinen besten Momenten Geschichten über eine Liebe erzählt, die nicht erwidert wird.

Pete Shelley als Vorbild für Joy Division und The Fall

Pete Shelley stammte aus Manchester, zwar wurde der Punk London erfunden, doch zogen die Kerle aus dem Nordwesten Englands die richtigen Schlüsse daraus. Shelley war es, der 1976 die Sex Pistols in seine Stadt holte, im Publikum standen dünne Typen, die nach dieser Initialzündung eigene Bands gründeten, The Fall und Joy Division hießen zwei von ihnen. Als die Pistols zum zweiten Mal nach Manchester kamen, spielte Shelley mit seiner eigenen Band im Vorprogramm.

Die frühen Buzzcocks spielten Songs über die elendige Langeweile oder die Freuden der Masturbation – doch anders als die anderen Punks hatte die Gruppe wenig Zerstörerisches an sich. Die Buzzcocks hatten Bock auf Melodien, als „Bubblegum Punk“ bezeichnete man sie, was Shelley als Lokalpatriot gar nicht schlimm fand, schließlich standen auch die Hollies aus Manchester für Bubblegum – und genau solche Popsongs wollte er auch spielen, nur schneller.

Zum Vorbild nahmt er sich die Northern Soul-Stücke, die in seiner Geburtsstadt Wigan im dortigen Casino liefen, kurze Verliererdramen voller Trotz und Euphorie. Pete Shelley verstand sich – auch das ist typisch für viele Musiker aus Manchester – als Netzwerker. Als die Buzzcocks größer wurden, luden sie eine junge Band aus der Stadt fürs Vorprogramm ein: Warsaw spielten an diesem Frühsommerabend 1977 ihren ersten Gig, kurz danach nannte sich die Band in Joy Division um.

Tim Burgess: „Shelley schrieb perfekte Drei-Minuten-Popsongs.“

„Ohne Pete Shelley würde ich vielleicht heute noch in den Docks arbeiten“, twitterte jetzt Peter Hook, der Bassist, der mit Joy Division und später New Order eine Weltkarriere machte. Und Tim Burgess von den Charlatans, die das Erbe der Hollies und Buzzcocks in der Britpopszene weiterführte, schrieb: „Shelley schrieb perfekte Drei-Minuten-Popsongs, der Soundtrack des Daseins als Teenager.“

Was Pop-Genies – auch diejenigen im Punkgewand – überhaupt nicht mögen, ist Langeweile. Auf der Schwelle zu den 80er-Jahren beendete Shelley die Buzzcocks mitten bei den eher ziellosen Aufnahmen zum vierten Album und veröffentlichte mit „Homosapien“ ein Soloalbum, das mehr nach Club-Kultur als nach Punkrock-Schuppen klang. Plötzlich trug Shelley einen weißen Anzug und lümmelte sich in einer 80er-Jahre-Innenarchitektur aus Formen und Farben – das Album floppte damals, heute gilt es als richtungsweisender Electro-Klassiker.

Ende der 80er-Jahre gründete Shelley die Buzzcocks neu, die Platten waren nicht mehr der Rede wert, aber die Gigs weiterhin Belege für die unendliche Energie perfekter Popsongs. 2012 zog Pete Shelley nach Estland, dem Geburtsland seiner Frau. Dort starb er in der Nacht auf den 6. Dezember -  vermutlich an einem Herzinfarkt. Ihr letztes Konzert spielten die Buzzcocks Ende August in Belfast, der letzte Song hieß „Harmony In My Head“: Kein anderer Titel wird dem Wirken von Pete Shelley gerechter.