Berlin - Man war eigentlich auf Chöre und Krawall eingestellt. Doch dann saß da nur sie: Inge Keller, weißhaarig, weiß gewandet in einem blendend weißen leeren Raum. 20 Minuten lang rezitierte die Keller aus John Miltons großem Gedicht „Das verlorene Paradies“, verloren aber schien hier nichts: Mit Strenge und Schalk, mit heilig-nüchterner Diktion und feinen ironischen Noten gewann sie dem Theater ein Paradies zurück, aus dem es fast schon vertrieben schien – das Paradies der Sprache. Chöre und Krawall kamen dann natürlich auch noch, schließlich befand man sich – man schrieb das Jahr 2000 – in einer Inszenierung Einar Schleefs: „Verratenes Volk“ am Deutschen Theater Berlin. Die glasklare Schönheit dieser aus Vokalen und Konsonanten herausgemeißelten Ouvertüre konnten aber auch die folgenden fünf Stunden mit all ihren grandios komponierten Bildern nicht vergessen machen.

Für Inge Keller war das Theater zuallererst Sprache. Ihrem Biographen Hans-Dieter Schütt vertraute sie einst an: „Der Genuss eines Kommas, die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstrichs, das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen. Man soll als Schauspieler nie klüger sein als das Komma oder der Doppelpunkt oder der Gedankenstrich.“ Und: „Ich gehe ins Theater, um den Dichter zu hören. Ich bleibe dabei, basta!“ Folgerichtig entwickelte sie ihre großen Rollen, indem sie erst einmal tief in die Worte der Dichter hineinhorchte. Und dann „knutschte“ (O-Ton Keller) sie die Vokale und ließ die Konsonanten klingen, dass es ein Fest war.

"Sprechen, Ingele, nicht singen!"

Dieser Liebe zur wohlgeformten, zur virtuos artikulierten Silbe entsprang die einzigartige Kunst der Inge Keller, zugleich aber barg sie auch ihre größte Gefahr, ihre einzige vielleicht: „Schauspiel, Ingele, nicht Oper! Sprechen, Ingele, nicht singen!“, soll Wolfgang Langhoff auf den Proben zu Goethes „Iphigenie auf Tauris“ zu ihr gesagt haben. Und deutlicher noch: „Ingele, sei wieder doof.“ Es half. Diese „Iphigenie“ aus dem Jahr 1963 wurde zu einer ihrer Lebensrollen: Gemeinsam war es Wolfgang Langhoff, für den die „Iphigenie“ die letzte Regiearbeit an „seinem“ Deutschen Theater darstellte, und Inge Keller gelungen, die Konzentration über die genaue und pathosfreie Behandlung von Goethes Sprache ganz auf die humane Botschaft der Figur zu lenken. Ein Meilenstein.

Inge Keller sprach gern von ihren künstlerischen Vaterfiguren: Wolfgang Langhoff war eine davon, aber auch Boleslaw Barlog – der „die Kleene“ 1948 vom Fleck weg ans Berliner Schlosspark-Theater engagierte und als Pützchen in Zuckmayers „Des Teufels General“ besetzte –, Wolfgang Heinz und Ernst Busch gehörten dazu. An letzteren will sich Inge Keller erinnert haben, als sie an ihrer Iphigenie feilte. Busch habe, so erzählte sie, bevor er den richtigen Gestus für einen Satz gefunden hatte, seinen Text immer nur aufgesagt. Lieber aufsagen als lügen.

Behütetes Bürgerkind

Inge Kellers wirklicher Vater war ein wohlhabender Berliner Unternehmer: Als behütetes Bürgerkind wuchs sie in Berlin-Friedenau auf. „Wer kennt denn die sogenannte Höhere Tochter noch? Ich bin eine gewesen!“, erinnerte sie sich später nicht ohne Koketterie. „Gandenlos oberflächlich“ sei sie gewesen, und so hinderte sie denn auch der Kriegsausbruch 1939 nicht daran, ihre Schwärmerei für den Schillertheater-Schauspieler Horst Caspar weiter auszuleben. Nach dem Krieg sollte sie mit ihrem Jugendidol – kurz vor dessen Tod – sogar noch auf der Bühne stehen: in Kafkas „Prozess“ am Schlosspark-Theater. Noch während des Krieges besuchte sie eine Schauspielschule, ihr erstes Engagement führte sie 1943 nach Freiberg in Sachsen. 1950 dann, nach ersten Erfolgen in West-Berlin am Hebbel- und am Schlosspark-Theater, traf sie ihre wohl folgenreichste Entscheidung: Sie ging, dem gerade mit ihr probenden (und von ihr tief verehrten) Fritz Kortner einen Korb gebend, in den Ostteil der Stadt und wurde Ensemblemitglied des Deutschen Theaters. Sie blieb es 51 Jahre lang.

Verfechterin des Sozialismus

Der Gang nach Ost-Berlin war ein durchaus bewusster: Die „Höhere Tochter“ politisierte sich und votierte offen für den Sozialismus. Seit einigen Jahren lebte sie da bereits mit dem linken Journalisten und späteren Propaganda-Moderator Karl-Eduard von Schnitzler zusammen, den sie 1952 heiratete. Das Klischee der „Höheren Tochter“ erwies sich freilich als dauerhafter als diese bald wieder geschiedene Ehe: Eine Aura des Aristokratischen umwehte sie, ihre Rollengestaltungen waren eher Preußen als Proletariat. Entsprechend wurde sie in den DEFA-Filmen, die sie neben ihrer Theaterarbeit drehte, auch besetzt: „Keine Gräfin ging an mir vorüber“, bemerkte sie sarkastisch. Selbstironisch machte sie sich ihr Image zu eigen und bezeichnete sich als „diensthabende Gräfin der DDR“.

Eingebettet in ein einmaliges Ensemble von Könnern, spielte Inge Keller am Deutschen Theater ein umfangreiches Repertoire, in späteren Jahren allerdings nur noch wenige Hauptrollen. Worunter sie litt. Als Befreiung wirkte da 1983 die Arbeit mit Thomas Langhoff an Ibsens „Gespenstern“. An der Seite des jungen Ulrich Mühe, der hier seinen Durchbruch erlebte, zeichnete sie erschütternd unsentimental und unter stupender Beherrschung aller schauspielerischen Nuancen von Nähe und Distanz den Erkenntnisprozess der Frau Alving nach, deren Lebenslüge in sich zusammenfällt. 13 Jahre lang und über 200 Mal stand diese Inszenierung auf dem Spielplan, jede Vorstellung war ausverkauft.

Zurückhaltende Grandezza

Im hohen Alter konnte man Inge Keller noch bei kurzen Gastauftritten erleben, 2009 etwa in Robert Wilsons Inszenierung von „Shakespeares Sonetten“ am Berliner Ensemble. Und 2012, zu ihrem 70. Bühnenjubiläum, schrieb ihr Christoph Hein mit „Tilla“ ein Stück auf den Leib, das von einer anderen Legende handelte: Die Keller spielte die Durieux, und sie tat es mit herrlich zurückhaltender Grandezza. 

Wann wird man wieder eine Schauspielerin erleben, hinter deren knallenden Ts und gedehnten Vokalen sich die ganze Welt Shakespeares erschließt?  Inge Keller ist am Montag im Alter von 93 Jahren in einem Berliner Pflegeheim friedlich eingeschlafen, wie ihre Tochter Barbara Schnitzler über das Deutsche Theater mitteilen lässt.