Eva Mozes und ihre Schwester Miriam waren zehn Jahren alt, als sie an der Selektions-Rampe des Konzentrationslagers Auschwitz in den Trakt von Josef Mengele geschickt wurden. Der Nazi-Arzt sammelte Zwillinge, um an ihnen Experimente vorzunehmen. Meistens verliefen sie  tödlich oder verursachten schwerste Behinderungen. Doch die eigentliche Entscheidung traf Eva Mozes selbst: Sie wollte überleben, auch noch in der Krankenbaracke, nach der Injektion einer unbekannten Substanz.  Am 27. Januar 1945 gehörten sie und ihre Schwester zu denjenigen, die am Stacheldraht standen, als die Rote  Armee Auschwitz befreite. Das Mädchen von damals hat später auf besondere Weise das Überleben in den Dienst der Erinnerung gestellt.

Im Interesse der Nachwachsenden

Als Eva Mozes Kor am Donnerstagmorgen in Kraków in Polen starb, nicht weit entfernt von der Gedenkstätte des Konzentrationslagers, bedeutete das auch das Ende eines heldenhaften Kampfes im Interesse der nachwachsenden Generationen. 

Sie wuchs in einer strenggläubigen jüdischen Familie in Siebenbürgen auf. Die Eltern und die beiden älteren Schwestern wurden vermutlich im Mai 1944 in Auschwitz sofort ermordet. Wenige Jahre nach der Befreiung reisten Eva und Miriam nach Israel aus, wo Eva den Überlebenden Michael Kor traf, heiratete und mit ihm 1960  in die USA übersiedelte. Sie führte ein normales amerikanisches Leben, lernte die Sprache, arbeitete, zog zwei Kinder groß, bis ihr bewusst wurde, dass sie ihr Überleben nicht nur stumm mit sich herumtragen konnte.

„Holocaust“-Film von 1978 als Anstoß

Es war die Fernsehserie  „Holocaust“, 1978 ausgestrahlt, die Eva Mozes Kor den Anstoß zum Sprechen gab. Sie begann mit ihrer Schwester nach Überlebenden der Zwillingsexperimente zu suchen, gründete den Verein Candles. Der Name besteht aus den Anfangsbuchstaben der englischen Formulierung „Kinder, die die tödlichen Nazi-Experimente in Auschwitz überlebten“ (Children of Auschwitz Nazi Deadly Lab Experiments Survivors). 122 Überlebende fanden sie auf fünf Kontinenten. Miriam Mozes Zeiger starb mit 59 Jahren.

1995 mündete die Arbeit der Organisation in die Gründung des Holocaust-Museums und Bildungszentrums Candles in Eva Kors Wohnort Terre Haute (Indiana). Als es 2003 nach einem Anschlag niederbrannte, schrieb sie: „Sie mögen Fotos zerstört haben, aber nicht unsere Geschichte… Sie mögen ein Gebäude zerstört haben, aber nicht unsere Gemeinschaft. Licht besiegt die Dunkelheit und Liebe wird immer den Hass überwinden.“

Umstrittenes Vergeben

Das war ihr Überlebensmotto, ihr Motiv, auch, um die Erinnerungen wachzuhalten. Deshalb konnte Eva Mozes Kor vergeben. 1995 erschien das erste Buch über ihre Zeit in Auschwitz, 2016 aber folgte eines über ihr Leben danach: „Die Macht des Vergebens“. Eva Mozes Kor trat dafür ein, das Gespräch mit den Tätern zu suchen, die ihre Schuld eingestanden. Am Rande des Prozesses gegen den ehemaligen SS-Angehörigen Oskar Gröning 2015 umarmte sie den greisen Mann. Er war wie sie in Auschwitz, er befand sich auf der Seite der Mörder.  Ihr schlug deswegen viel Kritik entgegen. Sie aber hatte beschlossen, die Opfer-Rolle abzulegen, denn die hatten ihr die Nazis zugedacht. „Vergebung bedeutet für mich Freiheit, Kraft und Frieden“, sagte sie 2010 im Interview mit der Berliner Zeitung.

Eva Mozes Kor besuchte 1995 zum ersten Mal die Gedenkstätte in Auschwitz.  Seither ist sie immer wieder nach Polen gefahren, um andere Überlebende zu treffen und mit jungen Menschen zu sprechen. Seit einiger Zeit nutzte sie auch den Kurznachrichtendienst Twitter, um dies publik zu machen.

Ihr letzter Post stammt vom 3. Juli, ein Foto zeigt sie auf ihrem Rollator sitzend beim Hähnchen-Essen  – nahe Auschwitz. „Das wäre vor 75 Jahren wunderbar gewesen“, schrieb sie dazu. Vor 75 Jahren, als sie dort fast gestorben war. Eva Mozes Kor hat ihr Überleben in den Dienst der Erinnerung, der Aufklärung und des Vergebens gestellt. Wer ihr einmal begegnen durfte, konnte sehen, wie glücklich sie mit diesem Leben war.