Der schwer kranke Bernardo Bertolucci ausgestreckt auf einer Liege, über ihm der Computer. So bat er vor ein paar Jahren zum Interview in seine Wohnung im römischen Stadtteil Trastevere. „Was ist Film?“ fragen ihn zwei Regisseure. Er antwortet ohne nur eine Sekunde nachzudenken: „Eine Methode, aus Geld Poesie zu machen.“

Das hätte seinem Vater, dem berühmten Dichter Attilio Bertolucci, sehr gefallen. Bernardo gefiel sein Bonmot wohl auch deshalb so gut, weil er es immer wieder verstanden hatte, aus der Poesie seiner Filme viel Geld oder sogar sehr viel Geld zu machen.

Die große Utopie einer befriedeten Welt

Bei anderer Gelegenheit erklärte er, als er nach seinem Skandalerfolg „Der letzte Tango in Paris“ gefragt wurde: „Er hat mir erlaubt, Novecento zu drehen.“ Novecento ist ein mehrstündiges Epos, eine Meditation über die erste Hälfte des italienischen 20. Jahrhunderts, über Klassenkampf, über Arbeiterbewegung, Liebe und Faschismus, opulent wie eine Oper. Großes Kino.

Es werden die Lieder der Arbeiter- und der Frauenbewegung gesungen, jede Menge roter Fahnen geschwenkt und die Grenze zum Kitsch wird immer wieder lustvoll überschritten. 1976 kam der Film in die Kinos, ein Nachbeben von 1968, der Versuch, mitten in der bleiernen Zeit zu erinnern an die große Utopie einer befriedeten Welt, die die Kinder der Gutsbesitzer und der Landarbeiter gemeinsam aufbauen. Eine Illusion auch, die weiß, dass sie eine ist. Die sich aber nicht aufgeben möchte.

Bertolucci war Epiker

Am 16. März 1941 wurde Bernar-do Bertolucci in Parma geboren. Er wuchs auf in dem linken intellektuellen Milieu der Nachkriegszeit. Pier Paolo Pasolini, mit dem er befreundet war, hatte er schon als Dreizehn-, Vierzehnjähriger kennengelernt, als der junge Dichter Pasolini seinen Vater besuchte. Mit Alberto Moravia, mit Elsa Morante, deren Roman „La Storia“ Bertolucci sicher ermutigte, sich ein solches Riesenprojekt wie „Novecento“ vorzunehmen, war er ebenfalls befreundet.

Bertolucci war Epiker. Auch „Der große Irrtum“ von 1970, basierend auf einem Roman von Alberto Moravia, ist, obwohl nur 111 Minuten lang, auf Größe angelegt. Die Geschichte eines Mannes, der aus nichts als aus Anpassungsbedürfnis heraus in die faschistische Geheimpolizei eintritt, wird mit so viel ästhetischem Sinn für den übermenschlichen Bombast der faschistischen Architektur inszeniert, dass der Zuschauer im riesigen dunklen Kinosaal – für diesen Ort waren die Filme gedacht – das Gefühl lustvoller Erniedrigung mitempfand, das Jean-Louis Trintignant beim Durchschreiten der Hallen ergriff.

Ein Stück alternativer Geschichtsschreibung

Größe faszinierte Bernardo Bertolucci. Neun Oscars bekam sein Film „Der letzte Kaiser“ im Jahr 1987. Damit ist er auf Platz sieben der meistprämierten Filme, eine Liste, die seit 1997 von „Titanic“ angeführt wird, der elf Oscars erhielt. Bertolucci aber bekam für „Der letzte Kaiser“ auch den Oscar für die beste Regie und das beste Drehbuch. Er hat das sicher genossen. Auch weil einem die Kritik an der Konkurrenzgesellschaft doch viel leichter über die Lippen geht, wenn man nicht zu ihren Verlierern gehört.

Der letzte Film, den ich von ihm sah, war „Träumer“ aus dem Jahre 2003. Keine Oper mehr, sondern ein Kammerkonzert. Drei junge Leute, die sich mitten im Mai 1968 aus dem Aufstand zurückziehen, um ihre Dreierbeziehung zu leben. Die Kamera ist verliebt in Haut und Fleisch der jungen Menschen. Was sie sagen, verblasst demgegenüber.

Wie sie sich vor der Welt zurückziehen, so scheint es auch der Regisseur zu tun. Es ist, als würde er Jahrzehnte später eine Haltung zum Geschehen von 1968 ausprobieren, die er damals nicht eingenommen hatte. Ein Stück, wenn man so will, alternativer Geschichtsschreibung. Wie in „Der letzte Tango ...“ konzentriert sich fast alles auf die intime Situation.

Herz und Sexualität

Zu Bernardo Bertolucci gehört beides. Er wusste sehr genau, wie eng Bewusstsein und Unbewusstes verbunden sind, dass das eine ohne das andere nicht auskommt. Wie wenig eine Sache verstanden ist, wenn wir nur ihren Argumenten folgen. „Das Herz“, notierte Blaise Pascal, „hat seine Gründe, von denen der Verstand keine Ahnung hat.“

Und Bertolucci wusste, dass es neben dem Herzen auch die Sexualität gibt, die wiederum ihre eigenen Gründe hat. Wir folgen mal diesem, mal jenem. Bertolucci liebte es, verschiedene Möglichkeiten auszubreiten und ließ die Helden seiner Epen an immer neuen Weggabelungen sich immer wieder neu entscheiden.

Der letzte Kaiser wird Gärtner. Das ist der poetische Einfall eines totalitären Systems. Dass so etwas möglich ist, das wusste Bertolucci. „Auf der Suche nach dem Geheimnis“ hieß ein Gedichtband, den er 1962 veröffentlichte und für den er einen der prominentesten italienischen Literaturpreise erhielt, den Premio Viareggio für das beste Erstlingswerk. Da hatte er aber schon mit Pasolini an dessen Erstlingsfilm „Accattone“ gearbeitet und dabei zusammen mit ihm das Geheimnis einer neuen Filmsprache entdeckt.

Ansteckende Lebensfreude

Er war dabei wohl auch dahintergekommen, dass, wer ein Geheimnis sucht, nicht unbedingt an dessen Auflösung interessiert sein muss. Das Leben geheimnisvoll machen, ihm einen Zauber geben, das ist der Weg, auf dem aus Geld Poesie entsteht. Auch das war Bertoluccis Weg.

Er glaubte nicht daran, dass wo Es ist, Ich werden muss. Aber er war sehr dafür, das Unbewusste genau zu betrachten, es aufzudecken, zugänglich zu machen. Bernardo Bertolucci war sehr früh fertig. Mit dreißig gehörte er zu den angesehensten Filmregisseuren der Welt.

Wer italienisch kann und Zugang zum Internet hat, der sehe sich die Interviews an, die er in den letzten Jahren, nach einer misslungenen Bandscheibenoperation aus dem Rollstuhl oder auf einer Liege ruhend, gab. Er ist von einer freundlichen Wachheit, von einer ansteckenden Lebensfreude.

Auf der Suche nach dem Hauptdarsteller

Als er nach einem Hauptdarsteller für „Der letzte Tango in Paris“ suchte, lehnte Gérard Depardieu ab, das sei ja ein Porno. Alain Delon wollte nur, wenn er auch Produzent sein durfte. Bertolucci lehnte ab, der Film fürchtete er, sei dann nicht mehr sein Film. Jean-Louis Trintignant wollte keine Nacktaufnahmen.

Marlon Brando blickte, während Bertolucci ihn sehr nervös und in schlechtem Englisch von dem Film zu überzeugen versuchte, die ganze Zeit auf den Boden. „Warum sehen Sie mich nicht an?“ fragte Bertolucci schließlich. „Weil ich darauf warte, dass Sie Ihre Füße stillhalten“, antwortete Brando. Die Rolle übernahm er dann gern.