Unter seinen dichten, schlohweißen Brauen lugte bis zuletzt ein wacher Blick hervor, und der schriftstellernde Kulturpolitiker Hilmar Hoffmann hörte es nicht ungern, wenn man ihn, den Wahl-Frankfurter, als goethesche Erscheinung bezeichnete. Zur geistigen Nähe zum großen Dichter, mit der ihm Weggefährten gern schmeichelten, kam eine räumliche hinzu. Hilmar Hoffmann wohnte seit vielen Jahrzehnten im Frankfurter Stadtteil Oberrad, wo sich direkt am Mainufer auch das Ausflugslokal Gerbermühle befindet, deren Spuren sich gleich mehrfach im goetheschen Werk niedergeschlagen haben.

Aber ehe sich Hilmar Hoffmann in Frankfurt a. M. niederließ, um dort eine städtische Kulturpolitik in ganz neuem Stil zu betreiben, hatte er schon eine stolze Agenda schöpferischer Aktivitäten angelegt.

„Kultur für alle“

Mit gerade einmal 26 Jahren war der 1925 in Bremen geborene Hilmar Hoffmann in Oberhausen 1951 zum bis dahin jüngsten Direktor einer Volkshochschule ernannt worden, von der aus er drei Jahre später die Westdeutschen Kulturfilmtage ins Leben rief, aus denen später die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen wurden. Unter dem für die deutsche Filmgeschichte legendären Oberhausener Manifest, das 1962 der Startschuss für ein neues deutsches Kino war, standen Namen von Filmemachern wie Alexander Kluge und Edgar Reitz, aber es war nicht zuletzt Hilmar Hoffmanns früh ausgebildetes administratives Geschick und seine Witterung für Kommendes, die einen das kleine Oberhausen seither mit dem Innovationsdrang der Filmemacher in Verbindung bringen lässt. Hilmar Hoffmann blieb Sozial- und Kulturdezernent in Oberhausen bis 1970, aber im Rückblick können die Jahre allenfalls als Lehrjahre in der Verwaltung bezeichnet werden.

Zum großen Beweger und Gestalter wurde Hoffmann schließlich als Kulturdezernent der Stadt Frankfurt a.M., wo das so bedeutende wie elegante Museumsufer mit herausragenden Kunst- und Ausstellungshäusern für immer mit seinem Namen in Verbindung gebracht werden wird. Das Frankfurter Museumsufer, wo sich insgesamt neun Museen zu einer einzigartigen Kulturmeile aneinanderreihen, war gewiss auch deshalb möglich, weil die wirtschaftlich florierenden Metropolen der Republik geradezu begierig auf kulturelle Bildung und gehobene Zerstreuung aus waren. Hilmar Hoffmann aber umgarnte nicht einfach nur die städtischen Entscheidungsträger, sondern lieferte ihnen mit seiner programmatischen Textsammlung „Kultur für alle“ auch eine sozialverträgliche kulturpolitische Begründung. 

Schmerzhafte Zeit mit Joshka Fischer

„Kultur für alle“ ist ein durch und durch sozialdemokratisches Manifest, das den Auftrag zu kultureller Bildung als Kern eines demokratischen Selbstverständnisses auffasst, das bis heute als Schlüsseltext jeglicher kulturpolitischer Aktivität angesehen werden muss. Seine eindeutige politische Positionierung hielt Hilmar Hoffmann aber nicht davon ab, seine Überzeugungen auch mit dem Machbaren zu verknüpfen. Und so stellte es für den eloquenten Hoffmann überhaupt kein Problem dar, seine Museumsträume mit Hilfe des konservativen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann (CDU) umzusetzen.

Ein Frankfurter Bündnis ganz anderer musste Hilmar Hoffmann später als Präsident des Goethe-Instituts eingehen. Von 1998 war Joschka Fischer als Außenminister sein oberster Dienstherr, der Hoffmann und dessen Goethe-Generalsekretär Joachim Sartorius zu zahlreichen Institutsschließungen aus Kostengründen nötigte. Für Hilmar Hoffmann, der in seinen kulturpolitischen Ämtern stets aus dem Vollen hatte schöpfen können, waren die Jahre mit Joschka Fischer zweifellos eine sehr schmerzhafte Zeit.

Sein Platz bleibt leer

Hilmar Hoffmann, der zugleich ein glamouröser Repräsentant und ein hartnäckiger Verhandler war, hat während der Ausübung seiner verschiedenen Ämter nie aufgehört, Bücher zu schreiben. Das ihm gewiss wichtigste ist nun auch sein letztes. Erst unlängst veröffentlichte er im Frankfurter Dielmann Verlag das über 600 Seiten starke Buch „Generation Hitlerjugend. Reflexionen über eine Verführung“, der er als junger Mensch selbst erlegen war. Mit 17 war er der NSDAP beigetreten, eine Woche später trat er seinen Kriegsdienst bei den Fallschirmjägern an, ehe er 1944 in der Normandie in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet. 

Hilmar Hoffmanns letztes Buch war getrieben von dem Bedürfnis, Zeugnis abzulegen und jungen Lesern etwas gegen das Gift einer politischen Verführung an die Hand zu geben. Für Hilmar Hoffmann war es lange Jahre eine gute Gewohnheit und Selbstverständlichkeit, zum Kritikerempfang des Suhrkamp-Verlages während der Buchmesse der jeweils angekündigten Dichterlesung beizuwohnen. Sein Platz bleibt fortan leer. Am Freitag ist er im Alter von 92 Jahren in Frankfurt a.M. gestorben.